Der Effekt kurzer Gestikübungen auf die Bewertung von konkreten und abstrakten Sätzen bei Patient*innen mit Schizophrenie

Störungen der Kommunikation stellen ein stabiles Merkmal der Schizophrenie dar. Sowohl Sprache als auch Gestik scheinen in ihrer Produktion und Perzeption (d.h. Verstehen und Interpretation) beeinträchtigt. Dabei wurde vielfach beschrieben, dass es vor allem bei abstrakten (im Vergleich zu konkreten...

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Main Author: Nonnenmann, Annika
Contributors: Straube, Benjamin (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2021
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Störungen der Kommunikation stellen ein stabiles Merkmal der Schizophrenie dar. Sowohl Sprache als auch Gestik scheinen in ihrer Produktion und Perzeption (d.h. Verstehen und Interpretation) beeinträchtigt. Dabei wurde vielfach beschrieben, dass es vor allem bei abstrakten (im Vergleich zu konkreten) Inhalten zu Verständnisschwierigkeiten kommt. Medikamentöse und psychotherapeutische Ansätze richten sich bislang hauptsächlich gegen die produktiven Symptome der Schizophrenie, umso wichtiger ist es, das Augenmerk in möglichen Therapieoptionen auch auf die Negativsymptomatik zu legen. Entsprechend sollten erstmals die Effekte einer kurzen Sprach-Gestik- Intervention auf dysfunktionale Sprachverarbeitungsprozesse bei Schizophreniepatient*innen untersucht werden. Methoden Die Studie beinhaltet eine 30-minütige Sprach-Gestik-Intervention, welche mit 30 Schizophreniepatient*innen durchgeführt wurde. Ziel war es, zu explorieren, ob und inwiefern Patient*innen bei der Bearbeitung einer Sprachkategorisierungsaufgabe (Zuordnung eines Satzes zur Kategorie „abstrakt“ oder „konkret“) von koverbal perzipierter und produzierter Gestik profitieren. Dabei wurden als Messinstrument die behavioralen Daten „Reaktionszeit“ und „Richtigkeit“ herangezogen, welche jeweils vor und nach der Intervention erhoben wurden. Durch einen stufenartigen Aufbau der Intervention erhoffen wir uns, den Effekt der koverbalen Gestik auf das Sprachverständnis extrahieren zu können. Ergebnisse Die erhobenen Daten zeigten signifikante interventionsabhängige Effekte auf beide abhängigen Variablen: schnellere Reaktionsgeschwindigkeit abstrakter und konkreter Sätze und mehr richtige Kategorisierungen abstrakter Sätze. Die Effektstärke nahm zumindest nominell bei abstrakten Sätzen (Richtigkeit) sowie bei abstrakten und konkreten Sätzen (Reaktionszeit) graduell mit dem Ausmaß der Intervention (Kontrolle < Sprachperzeption < Sprach-und Gestikperzeption < Sprach-und Gestikperzeption und Produktion) zu. 84 Dies deutet auf einen positiven Effekt von sowohl koverbal perzipierter als auch produzierter Gestik auf das Sprachverständnis hin. Diskussion Die durch die Intervention herbeigeführte Verbesserung konkreter und abstrakter Sätze bezüglich der Reaktionszeit kann im Sinne eines besseren Erinnerungspfades oder eines schnelleren semantischen Zugriffs gedeutet werden. Der interventionsabhängige Effekt abstrakter Sätze hinsichtlich der Zunahme an richtigen Bewertungen legt einen positiven Einfluss koverbaler Gestik auf das Generieren abstrakter Konzepte nahe. Diese Beobachtung ist von besonderer Bedeutung, da bei Patient*innen eine dysfunktionale Integration von abstrakter Gestik beschrieben wurde. Die Daten in unserem Patientenkollektiv deuten jedoch darauf hin, dass Patient*innen dennoch von koverbaler, abstrakter Gestik profitieren und somit die funktionale Verarbeitung abstrakter Konzepte trainiert werden könnte. Der Interventionseffekt wurde für spezifische Sätze beobachtet, die Teil der Sprach-Gestik-Intervention waren. Würde durch die Sprach-Gestik- Intervention ein genereller Mechanismus trainiert werden, müssten die Patient*innen ebenfalls in der Kontrollbedingung Verbesserungen in der Sprachkategorisierungsaufgabe zeigen. Obwohl die Gestik- Interventionsbedingungen nominell die größten Effekte zeigten, kann aus den aktuellen Daten aufgrund fehlender Signifikanzen (bzw. allenfalls Trends) in den Post-hoc-Analysen noch nicht zweifelsfrei geschlossen werden, dass die beobachteten Verbesserungen auf die Perzeption und Produktion koverbaler Gestik zurückzuführen sind. Dies könnte unter anderem an der großen Varianz innerhalb der Stichprobe liegen, weshalb künftige Studien explorieren sollten, ob innerhalb des heterogenen Störungsbildes der Schizophrenie möglicherweise Patient*innen mit bestimmten Symptomkomplexen (wie z.B. sprachassoziierten Defiziten) besonders profitieren könnten. Schlussfolgerung Zusammenfassend konnten wir mit der Durchführung der Studie zeigen, dass bereits eine kurze Sprach-Gestik-Intervention bei Schizophreniepatient*innen die Sprachkategorisierungsleistung verbessern kann, was im Hinblick auf künftige Studien, die zudem neuronale Daten und soziale Auswirkungen berücksichtigen, äußerst vielversprechend erscheint.
Physical Description:111 Pages
DOI:https://doi.org/10.17192/z2021.0359