Die Entwicklung der Hirntumorklassifikation seit der Ära der Mikroskopie bis heute

Die Hirntumorklassifikation und mit ihr die Nomenklatur in der Neuroonkologie haben mehrere Veränderungen während ihrer Entwicklung erfahren. Aufgrund der Tatsache, dass die meisten Geschwülste im intrakraniellen Raum von den "Stützzellen" abstammen, hatte Rudolf Virchow die Termini techni...

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Main Author: Weng, Le Phuong
Contributors: Mennel, Hans Dieter (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2005
Subjects:
ICD
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Die Hirntumorklassifikation und mit ihr die Nomenklatur in der Neuroonkologie haben mehrere Veränderungen während ihrer Entwicklung erfahren. Aufgrund der Tatsache, dass die meisten Geschwülste im intrakraniellen Raum von den "Stützzellen" abstammen, hatte Rudolf Virchow die Termini technici Glia und Gliom geprägt. Durch seine Arbeiten (1863) wurde erstmal eine systematische Aufarbeitung der gesamten Geschwulstpathologie eingeleitet. Insbesondere trennte Virchow bestimmte Tumorarten, deren Eigenschaften er der Neuroglia zuschrieb, von der Großgruppe der Sarkome ab. Im Anschluss daran hatten vor allem deutsche und spanische Forscher wie Weigert, Kölliker, Andriezen, Ramon y Cajal und Del Rio Hortega Astrozyten, Makro- und Mikroglia beschrieben, wobei die letzten zwei Zellelemente von der sogenannten spanischen Schule entdeckt wurden. Den Abschluss wurde mit der Veröffentlichung der Oligodendroglia als drittes Element der gliösen Zellen durch Del Rio Hortega erreicht. Dieser Wissenstand sollte die Basis für die Klassifikation neurogener Tumoren bilden. Nach 1918 wurde Percival Bailey von Harvey Cushing nach Madrid geschickt, um sich über die Entwicklung der Gliogenese informieren zu lassen. Die Hirntumorklassifikation sollte auf eine zytogenetische Basis gestellt werden. Zuvor schenkte man der Pathologie intrakranieller und intraspinaler Tumoren wenig Beachtung. Die Pionierarbeiten für das Fach Neurochirurgie konnten erst Früchte tragen, nachdem Hilfe seitens der Neurologen zu den Chirurgen kam. Hierbei verstand ein Teil der Neurologen lokalisatorisch zu denken und zu arbeiten. Mit der topischen Diagnostik sind sie in der Lage, die Tumoren zu lokalisieren. Eine solche Zusammenarbeit zwischen den neurologisch tätigen Chirurgen und lokalisatorisch tätigen Neurologen war eine äußerst wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung der klinischen Neuroonkologie, vor allem für den Fortgang der Neurochirurgie. In Deutschland ist hier die Tätigkeit des Gespanns Hermann Oppenheim und Fedor Victor Krause zu nennen. In USA hatte Cushing inzwischen durch die Verfeinerung der operativen Techniken schon mehr als 1000 Fälle der intrakraniellen Tumoren operiert. Er sah die Notwendigkeit, eine Klassifikation mit Berücksichtigung der Prognose aufzustellen. Das Konzept der Entwicklung der Gliazellen und die daran anschließende Erstellung der Hirntumorklassifikation zeigten Unzulänglichkeit. Im Anschluss daran wurde eine Vielzahl von Einteilungsversuchen der Hirngeschwülste von verschiedenen Autoren aufgestellt. Die bis dahin vorhandene zytogenetische Betrachtungs-weise wurde durch eine empirisch-pragmatische Vorgehensweise ausgetauscht, als die pragmatischen Graduierungssysteme von verschiedenen Ländern (Deutschland, Schweden und USA) vorgebracht wurden, die auf den Überlebenstafeln beruhten. Diverse Klassifikationsschemata hatten unterschiedliche nomenklatorische Bezeichnungen zur Folge. Erst durch die Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) konnte die Terminologie weltweit einheitlich gestaltet werden, obwohl die WHO-Klassifikation letztlich lediglich einen Kompromiss verschiedener Einteilungsschemata darstellt und wegen neuer Forschungserkenntnisse immer wieder einer Überarbeitung bedurfte. Die Einführung der Immunhistochemie führte jedoch zu einer erneuten Beachtung der Gliogenese und somit einer Rückbesinnung auf die Zytogenetik, denn immunhistochemische Untersuchungen sind in der Diagnostik und Differentialdiagnose der Hirngeschwülste unverzichtbar und zur Routine geworden. Bei der Kerngruppe "Gliome" dient das Saure Gliafaserprotein (GFAP) als wichtiger Marker. Die Hinwendung zur Molekularbiologie bringt erneut einen Paradigmenwechsel. Sie bedeutet einerseits eine Chance, große Fortschritte in der Tumorcharakterisierung, Erstellung des individuellen Risikoprofils für maligne Erkrankungen und Entwicklung zielgerichteter, individuell-adaptierter und ökonomisch tragbarer Therapie-möglichkeiten. Auf der anderen Seite kann die Entwicklung die Gefahr mit sich bringen, dass zahlreiche, teils empirische, teils pathologisch-morphologische Befunde durch die neue molekularbiologische Betrachtungsweise verloren gehen könnten. Erstrebenswert wäre, wenn alte und neue Befunde zusammen in Einklang gebracht werden können oder gar sich komplementär gegenseitig ergänzen.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2006.0006