Zeitaufwand für Diagnosekodierung - am Beispiel der "Ambulanten Kodierrichtlinie"

Die Diagnosen-Kodes lenken via Morbiditäts-Risikostrukturausgleich die Finanzströme im deutschen Gesundheitswesen. Angesichts der bekannten zeitlichen und personellen Belastung im Gesundheitswesen ist der Zeitbedarf für die Diagnoseverschlüsselung von Interesse. Wissenschaftliche Arbeiten gibt es bi...

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Main Author: Claus, Christoph
Contributors: Donner-Banzhoff, N. (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Doctoral Thesis
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2015
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Die Diagnosen-Kodes lenken via Morbiditäts-Risikostrukturausgleich die Finanzströme im deutschen Gesundheitswesen. Angesichts der bekannten zeitlichen und personellen Belastung im Gesundheitswesen ist der Zeitbedarf für die Diagnoseverschlüsselung von Interesse. Wissenschaftliche Arbeiten gibt es bisher nur zur Kodier-Qualität, Daten zum Zeitaufwand für die Kodierung nach ICD, deren finanzielle Folgen und der dazu gehörigen Arbeitsorganisation in Deutschland fehlten bisher. In einer Befragung auf der „practica“ 2010 zum Zeitaufwand für Diagnosen-Kodierung war es im politischen Umfeld der angekündigten Einführung der "Ambulanten Kodierrichtlinie" (AKR), die einen erhöhten Zeitaufwand für Kodierung befürchten ließ, wenig verwunderlich, dass über zwei Drittel der 150 Befragten gerne bereit waren, auf ein einfacheres Kodier-System umzustellen. Der Zeitaufwand und die verwendeten Hilfsmittel für die Kodierung in haus- und gebietsärztlichen Praxen wurde per Selbsteinschätzung hessenweit (HEISA) und dann mittels einer Fallvignette einer typischen multimorbiden Patientin in hausärztlichen Praxen (Ms. Boyd) hinsichtlich des tatsächlichen Arbeitsaufwands bei der Kodierung und dessen Einfluss auf Zahlungen aus dem Morbi-RSA quantitativ erfasst. Diagnose-Kodierung ist Arztsache. In HEISA-1 wurde sie mehrheitlich als sinnvolle Grundlage zur Dokumentation von Indikationen für medikamentöse Therapie, von Allergien, Krankheits- oder Behandlungsfolgen angesehen. Bei 60% der Befragten war die Kodierung pro Konsultation in weniger als einer Minute erfolgt, in der „practica“-Befragung waren es 85%. In HEISA-2 zeigt sich im Vergleich, dass nach Aktivierung der AKR in der EDV nur noch 35% den Kodier-Vorgang in weniger als 1 Minute erledigen konnten. Probleme bei der Umsetzung der AKR hatten mehr als die Hälfte der Teilnehmer, zu etwa gleichen Teilen wurden bei Einführung der AKR Mehrkosten oder gleiche Kosten beziehungsweise Ersparnisse im Bereich EDV und Personal erwartet. Bei Gebietsärzten, die Diagnosen in einem geringeren Umfang zu kodieren haben, war die Einschätzung weniger kritisch. In der Ms. Boyd-Studie waren Diagnosen auf drei Arten zu kodieren: wie bisher, möglichst präzise (nach AKR) und mit einer Papier-Diagnosenliste entsprechend ICPC-2 (CodA). Der Zeitaufwand für die Kodierung nach AKR betrug mehr als das doppelte der beiden anderen Methoden. Die anhand des vorher festgelegten Lösungsschemas überprüfte Korrektheit des Kodes unterschied sich bei den unterschiedlichen Methoden nicht, im Gegensatz zu den finanziellen Folgen: Bei korrekter Kodierung wären der GKV dieser Patientin monatlich 831,00 Euro aus dem Morbi-RSA zugeflossen, was nur die AKR-Methode annähernd erreichte. Hier war jedoch die Folge eines up-codings am deutlichsten zu sehen, was angesichts der Verknüpfung von Morbidität und Arzthonorar die Zweifel an der Eignung der ICD als Basis des Morbi-RSA nährt. Unterstrichen wird dies durch die Tatsache, dass Kodier-Ignoranten, gleich mit welcher Methode, allein bei dieser einen Patientin einen Schaden um 6.000 Euro pro Jahr anrichten könnten. Wichtigstes Argument gegen die kleinliche Kodierung nach AKR ist angesichts der demografischen Entwicklung und des Ärztemangels allerdings der Zeitaufwand für diese Kodier-Methode, der auf mehr als das Doppelte anwuchs. In der Folge der Veröffentlichung der „practica“-Befragung, einer Petition im Bundestag gegen die Einführung der AKR und intensiven Diskussionen innerhalb und außerhalb der Gremien der Selbstverwaltung wurde die Diagnosen-Kodierung entsprechend AKR nicht eingeführt, sondern ein vereinfachter, aber nicht verbindlicher und im Umfang nur unwesentlich reduzierter, hausärztlicher ICD-Diagnosen-Thesaurus. Weil im etablierten, derzeit gültigen Morbi-RSA-System insbesondere für chronisch kranke Patienten eine verbesserte Diagnosen-Kodierung sinnvoll ist – und in einigen Versorgungsverträgen auch direkt oder indirekt gefordert wird – ist eine Aufwand-/Nutzen-Betrachtung der Kodier-Arbeit beziehungsweise der Praxisbürokratie derzeit aktueller denn je. Braucht Deutschland keinen Morbi-RSA mehr, zum Beispiel weil es nur noch eine GKV gibt, könnte ein qualitativ hochwertiges Diagnosen-Klassifikationssystem wie ICPC-2 mit einer Übersetzungshilfe zur ICD wie CodA leichter eingeführt werden.
DOI:10.17192/z2015.0432