Terra incognita: Studien zu Dorf und Künstlerkolonie am Beispiel Willingshausen in der Schwalm. Fremdheitserfahrungen - gelebte Gemeinschaft - wechselseitiger Einfluss

Gegenstand der Studie sind die dörfliche Lebenswelt Willingshausen in der Schwalm, die dort im 19. Jahrhundert entstehende Künstlerkolonie sowie deren Zusammenspiel, jenes ländlicher und städtischer Kultur. Die Arbeit ist zum einen ein mikrohistorisch ausgerichteter Beitrag zur Geschichte Willingsha...

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Main Author: Gonder, Silke
Contributors: Winterhager, Wilhelm E. (Prof. Dr. ) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2019
Neuere Geschichte
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Gegenstand der Studie sind die dörfliche Lebenswelt Willingshausen in der Schwalm, die dort im 19. Jahrhundert entstehende Künstlerkolonie sowie deren Zusammenspiel, jenes ländlicher und städtischer Kultur. Die Arbeit ist zum einen ein mikrohistorisch ausgerichteter Beitrag zur Geschichte Willingshausens und dessen Bevölkerungsgruppen, zum anderen schließt sie die Lücke der bisher noch ausstehenden historischen Betrachtung der Künstlerkolonie; herangezogen sind schriftliche, bildnerische und photographische Quellen. Entstehung und Zusammenbruch der Künstlerkolonie wurden bisher auf feste Daten, nämlich das Jahr 1814 und den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, gelegt. In der Untersuchung wird diese Terminierung und die zumeist bereits mit ihrer „Geburtsstunde“ verwendete Bezeichnung als Künstlerkolonie in Frage gestellt. Annahme ist zudem, dass im Ort das Miteinander der unterschiedlichen Gruppen, also von Gästen und Einheimischen sowie unter Künstlern – bislang zumeist als harmonisch dargestellt – nicht ohne Spannungen und Konflikte von statten ging. Es wird thematisiert, ob es zu gegenseitigen Beeinflussungen zwischen dörflicher und urbaner Lebenswelt kam, welche Veränderungen dies brachte und ob die Bevölkerung von der Anwesenheit der Künstler zu profitieren vermochte. Des Weiteren gilt in der Studie das Interesse den Erfahrungen von Fremdheit sowie den ländlichen Transformationsprozessen um die Wende zum 20. Jahrhundert. Das erste Drittel der Arbeit beinhaltet die Darstellung des Dorfes. Neben der Betrachtung der Ortsgeschichte und -gestalt, mit einer detaillierten Anschauung des Gebäudebestandes, ist die Landbevölkerung mit ihren verschiedenen Bewohnergruppen und deren Lebensumstände, ebenso in Grundzügen die Schwälmer Tracht, erfasst. Aufgezeigt wird die Bedeutung des örtlichen Adels von Schwertzell, als wirtschaftlich und gesellschaftlich herausragende Familie mit prägender Rolle im Sozialgefüge Willingshausen. Beschrieben sind ferner die Honoratioren, oft in der Kontakte ermöglichenden Vermittlerrolle zwischen Künstlern und Dorfbewohnern, ebenfalls die differenzierte bäuerliche Struktur, deren bescheiden gestellte Ortsbewohner einen erheblichen Bestandteil der Bevölkerung ausmachten. Im zweiten Part gilt die Aufmerksamkeit der Künstlerkolonie. Es werden Fragen zur Chronologie behandelt, außerdem das Phänomen der europäischen Künstlerkolonien erläutert. Nach einem Überblick über die Entstehung des Studienorts in Willingshausen, dessen Verlauf und der Aufenthalte von Künstlerinnen, sind die Phase des Ersten Weltkriegs sowie sich herausbildende Dependenzen in Nachbarorten beleuchtet. Im Fokus dieses Teils der Untersuchung steht zudem die Künstlergemeinschaft, mit ihren Symbolen von Gemeinschaft, Unternehmungen und Gruppenbildungen, ebenso Reibungspunkten sowie Konflikten. Der letzte Abschnitt befasst sich mit der Darstellung des Miteinanders der gesamten Bewohnerschaft. Dabei sind zunächst die im 19. Jahrhundert bestehenden Stadt-Land Vorstellungen dargelegt, anschließend die Motivation der Künstler, einen Studienaufenthalt auf das Land zu unternehmen, und deren erste Erfahrungen vor Ort ausgeführt. Gegenstand sind hier ebenfalls die Anstrengungen der Dorfbevölkerung im Hinblick auf Unterbringungsmöglichkeiten, außerdem die von den Bewohnern erbrachten Dienstleistungen. Ausführungen zu jeweiligen Erfahrungen miteinander, sich ergebende Veränderungen im Dorf und Aktivitäten gelebter Gemeinschaft beschließen das dritte Hauptkapitel. In der Untersuchung konnte gezeigt werden, warum die Bezeichnung Künstlerkolonie für den Studienort Willingshausen erst ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts sinnstiftend ist. Mit der verstärkten Frequentierung durch die Künstler und dem Anwachsen der Kolonie verband sich eine zunehmende Enge im Dorf. Es ließ sich nachweisen, dass neben einer funktionierenden Gemeinschaft auch Konflikte der Maler untereinander entstanden, sich persönliche Auseinandersetzungen unter Künstlerkollegen und Schwierigkeiten zwischen deren Generationen einstellten. Fremdheitsempfinden war sowohl bei den Gästen als auch den Einheimischen vorhanden, jedoch eher für die Städter eine Herausforderung, die sich mit den Verhältnissen vor Ort arrangieren mussten, während die Dorfbewohner sehr gewandt auf die Veränderungen reagierten. Teile der Bewohnerschaft vermochten daraus für sich Nutzen zu ziehen, erwirtschafteten ein nicht geringes Zubrot in den Bereichen Gastronomie, Dienstleistung und Modellsitzen. Hierbei gelang es Frauen im Austausch mit den Künstlern einen ideellen und materiellen Zugewinn zu erlangen, somit ihre persönliche Biographie zu bereichern. Durch das Überwinden von Fremdheitserfahrungen und ein Aufeinander-Zugehen entwickelte sich ein teilweise gemeinsamer Alltag. In der Studie wird weder allein die Geschichte Willingshausens noch die der Künstlerkolonie dargestellt, vielmehr ihre Verflechtungen, jene von städtischer und ländlicher Lebenswelt, Künstlern und Dorfbewohnern, deren Erfahrungen von Fremdheit, Beeinflussung und Miteinander.
Physical Description:429 Pages
DOI:https://doi.org/10.17192/z2020.0468