Präoperative Angst bei Erwachsenen - Prävalenzen, Intensitäten und zugrunde liegende spezifische Ängste

Hintergrund: Präoperative Angst ist neben subjektivem Leiden auch Grund für zahlreiche perioperative Komplikationen wie erhöhter Medikamentenbedarf, vermehrte Schmerzen und prolongiertem Krankenhausaufenthalt. Somit ist es im Interesse des Patienten, der Krankenhäuser und Krankenkassen, präoperative...

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Main Author: Josse, Theresa
Contributors: Rüsch, Dirk (Prof. Dr. med.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2019
Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Hintergrund: Präoperative Angst ist neben subjektivem Leiden auch Grund für zahlreiche perioperative Komplikationen wie erhöhter Medikamentenbedarf, vermehrte Schmerzen und prolongiertem Krankenhausaufenthalt. Somit ist es im Interesse des Patienten, der Krankenhäuser und Krankenkassen, präoperative Angst frühzeitig zu erkennen, zu differenzieren und mit individuellem Informationsangebot zu reduzieren. Prävalenzen von präoperativer Angst und erhöhter präoperativer Angst schwanken in bisherigen Studien stark. Nicht ausreichend geklärt sind auch das Ausmaß der Angstintensität und das Spektrum der Angstintensität hinsichtlich typischer Anästhesie-assoziierter Ängste. Um diese Fragestellungen weiterführend zu untersuchen, wurde eine groß angelegte Querschnittsstudie durchgeführt. Methoden: Die Patientenbefragung erfolgte direkt vor dem Anästhesieaufklärungsgespräch in einem Universitätsklinikum in Mittelhessen. Mehrere anonymisierte Fragebögen dienten dem Screening von Angstpatienten und der Erfassung von spezifischen anästhesiebezogenen Ängsten. Der erste Fragebogen war die deutsche Version der validierten Amsterdam Preoperative Anxiety and Information Scale (APAIS) mit sechs Aussagen zu Anästhesie- (APAIS-A-An), Operations- (APAIS-A-OP) und Gesamtangst (APAIS-A-T = APAIS-A-AN + APAIS-A-OP) sowie dem Informationsbedürfnis auf jeweils einer fünfstufigen Likert-Skala. Danach folgte eine modifizierte numerische Ratingskala (mNRS) mit Wertebereich von „0“-„10“ zur Einschätzung der Angst vor Narkose (mNRS-A-An), Operation (mNRS-A-OP) und der Gesamtangst (mNRS-A-T = mNRS-A-An + mNRS-A-OP). Der dritte Fragebogen diente der Bewertung verschiedener Anästhesie-assoziierten Ängste, ebenfalls mittels der mNRS. Zuletzt wurden mit einem vierten Fragebogen patientenbezogene Variablen wie beispielsweise Alter und Geschlecht erhoben. Ergebnisse: 3200 Patienten aus elf Fachabteilungen wurden befragt, wovon 3087 Fragebögen ausgewertet werden konnten. 57% der Patienten waren weiblich, 43% männlich. 93% der Patienten äußerten gemäß APAIS mindestens gering ausgeprägte Angst vor dem operativen Eingriff und der Anästhesie, 40,5% äußerten eine erhöhte Angst (APAIS-A-T>10). Viele Patienten hatten gleich viel Angst vor Operation und Anästhesie (29% gemäß APAIS, 46% gemäß mNRS) oder wiesen nur geringe Differenzen auf. Falls Differenzen bestanden, gaben mehr Patienten eine höhere Operations- als Narkoseangst an (61% gemäß APAIS, 42% gemäß mNRS). Auch war die Angst vor der Operation insgesamt ausgeprägter als vor der Anästhesie (APAIS-A-OP 5,5 (SD 2,12) vs. APAIS-A-An 4,3 (SD 1,89) bzw. mNRS-A-OP 4,3 (SD 2,77) vs. mNRS-A-An 3,5 (SD 2,64). Es gab einige Extremfälle, in denen die Angst vor Anästhesie und Operation beide maximal ausgeprägt waren (n=28 (0,9%) gemäß APAIS, n=67 (2,1%) gemäß mNRS). Die größten Ängste bestanden vor gynäkologischen/geburtshilflichen (APAIS-A-T 11,0 (SD 3,6)), neuro- (APAIS-A-T 10,4 (SD 3,5)) und herzchirurgischen (APAIS-A-T 10,0 (SD 3,6)) Eingriffen. Bei der weiteren Differenzierung waren die Ängste vor einem Fehler des Arztes (mNRS 3,95 (SD 3,08)), vor einer Wachheit während der Operation (mNRS 3,82 (SD 3,09)) und vor dem Sterben (mNRS 3,70 (SD 3,43)) die intensivsten. Die verschiedenen Ängste korrelierten mittel- bis hochgradig miteinander. Die mNRS korrelierte hoch mit der validierten APAIS. Schlussfolgerung: Ein Großteil der Patienten ist betroffen von präoperativer Angst, mehr als ein Drittel von erhöhter präoperativer Angst. Es ist von essenzieller Wichtigkeit, solche Patienten und ihre spezifischen Ängste künftig zu identifizieren und ihnen adäquate Betreuung und Informationen zukommen zu lassen, um den Krankenhausaufenthalt möglichst komplikationsarm und kurz zu halten. Außerdem sollte eine Differenzierung zwischen Narkose- und Operationsangst stattfinden, da sich diese bei vielen Patienten unterscheidet. Sowohl die APAIS als auch die mNRS sind praktische und gute Werkzeuge zur Erhebung präoperativer Angst.
Physical Description:82 Pages
DOI:https://doi.org/10.17192/z2020.0013