Emotionale aversive Anspannung bei Anorexia nervosa: Implikationen des Emotionsdysregulations-Störungsmodells

In den letzten Jahren rückte zunehmend die emotionale Dysregulation als auslösender und aufrechterhaltender Faktor der Anorexia nervosa (AN) in den Fokus der Forschung. Neben überdauernden Emotionen wurde hierbei auch die Wichtigkeit von kurzfristigen affektiven Zuständen untersucht, allerdings zume...

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Main Author: Kolar, David Raphael
Contributors: Christiansen, Hanna (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2017
Psychologie
Subjects:
DBT
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Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:In den letzten Jahren rückte zunehmend die emotionale Dysregulation als auslösender und aufrechterhaltender Faktor der Anorexia nervosa (AN) in den Fokus der Forschung. Neben überdauernden Emotionen wurde hierbei auch die Wichtigkeit von kurzfristigen affektiven Zuständen untersucht, allerdings zumeist bei erwachsenen Betroffenen. Aversive Anspannung ist eine kurzzeitige Form hoher emotionaler Dysregulation, die bei Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen bereits gut untersucht ist. Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigte sich zudem, dass Zustände hoher Anspannung mit einer schlechteren Identifikation von Emotionen assoziiert waren. Bisher gab es jedoch keine Untersuchungen hierzu an Patientinnen mit Essstörungen. Als eine mögliche Ursache der emotionalen Dysregulation bei AN wird eine Invalidierung des emotionalen Erlebens und des Körpers diskutiert, wie sie durch das Schönheitsideal der westlichen Gesellschaft verursacht wird. Möglicherweise stellt hier die lateinamerikanische Kultur einen protektiven Faktor dar. In dieser publikationsbasierten Dissertation werden daher drei Studien vorgestellt, die das Auftreten von aversiver Anspannung bei Jugendlichen mit AN untersuchen, den Zusammenhang dieser Zustände mit der Emotionsidentifikation betrachten und zuletzt die Prävalenz der AN in westlichen Ländern mit Lateinamerika vergleichen. In der ersten Publikation wurde mit Hilfe einer Smartphone-basierten Echtzeiterhebung überprüft, ob weibliche Jugendliche mit AN häufiger hohe aversive Anspannung im Alltag erleben als gesunde weibliche Jugendliche. Des Weiteren wurden mögliche auslösende Ereignisse identifiziert. Es zeigte sich, dass Jugendliche mit AN Zustände hoher Anspannung häufiger erlebten als gesunde Jugendliche. Essensbezogene Ereignisse führten in der Gruppe der Jugendlichen mit AN zu einem zusätzlichen Anstieg der Anspannung, nicht jedoch in der gesunden Kontrollgruppe. Sport- oder schulbezogene Ereignisse hatten keinen Einfluss auf die Anspannung. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass aversive Anspannung als eine Facette der emotionalen Dysregulation eine Rolle bei AN spielt. Aufgrund der Verknüpfung von hoher Anspannung mit Mahlzeiten könnte die Regulation von Anspannung in der Therapie die Gewichtsrestitution von Jugendlichen mit AN verbessern. In der zweiten Publikation wurde anhand der gleichen Stichprobe untersucht, ob sich gesunde Jugendliche und solche mit AN hinsichtlich ihrer selbstberichteten momentanen Emotionsidentifikation unterscheiden. Jugendliche mit AN gaben eine signifikant schlechtere Emotionsidentifikation als die Kontrollgruppe an. Eine Verbesserung der Emotionsidentifikation fand nur in der Kontrollgruppe statt. Weder in der Kontroll- noch in der AN-Gruppe wurde ein Einfluss der aversiven Anspannung auf die Emotionsidentifikation nachgewiesen. Im Gegensatz zur Borderline-Persönlichkeitsstörung scheinen bei AN aversive Anspannung und niedrige Emotionsidentifikation zwei unabhängige Formen der emotionalen Dysregulation darzustellen. Es gilt zukünftig zu klären, warum sich Jugendliche mit AN im Verlauf des Tages nicht in ihrer Emotionsidentifikation verbessern. In der dritten Publikation wurden mit Hilfe einer Meta-Analyse die mittleren Punkt-Prävalenzen für AN, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung in Lateinamerika berechnet. Es zeigte sich eine niedrigere Prävalenz der AN im Vergleich zu westlichen Ländern, jedoch höhere Prävalenzen für Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass die lateinamerikanische Kultur möglicherweise weniger invalidierend zu sein scheint und damit einen Schutzfaktor hinsichtlich der AN darstellt. Ein direkter Zusammenhang muss jedoch noch in kulturvergleichenden Studien überprüft werden. Zusammenfassend konnten in dieser Dissertation bisher nicht berücksichtige Aspekte der emotionalen Dysregulation bei AN untersucht werden. Zukünftige Studien sollten zum einen den Einfluss von aversiver Anspannung und selbstberichteter Emotionsidentifikation auf störungsbedingtes Verhalten wie Restriktion oder kompensierende Maßnahmen erfassen, zum anderen den protektiven Einfluss der lateinamerikanischen Kultur auf die AN weitergehend untersuchen.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2017.0239