Fragebögen und neuropsychologische Verfahren bei ADHS – Wege zur Verbesserung der Diagnostik?

Die Aufmerksamkeitsdefizit–/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), mit den Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Impulsivität und motorische Unruhe, ist eine der häufigsten kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen weltweit, mit zum Teil schweren Beeinträchtigungen für Betroffene und deren Familien sowie eno...

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Main Author: Reh, Verena
Contributors: Christiansen, Hanna (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2013
Psychologie
Subjects:
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Description
Summary:Die Aufmerksamkeitsdefizit–/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), mit den Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Impulsivität und motorische Unruhe, ist eine der häufigsten kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen weltweit, mit zum Teil schweren Beeinträchtigungen für Betroffene und deren Familien sowie enormen Kosten für das Gesundheitswesen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung der Betroffenen ist eine zuverlässige Diagnosestellung. Der Bedarf an gut validierten diagnostischen Verfahren, die einerseits möglichst genau, das heißt spezifisch und sensitiv für ADHS sind, und die andererseits möglichst international auch in Multi-Center Studien zu ADHS eingesetzt werden können, ist groß. Fragebogenverfahren zählen zu den am häufigsten eingesetzten Verfahren zur Erfassung von ADHS-Symptomen. Oftmals ist aber unklar, ob sie auch in Subgruppen (z. B. Menschen mit Migrationshintergrund) zu diagnostischen Zwecken eingesetzt werden können, da kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung von ADHS-Symptomen einen Einfluss auf die Testgütekriterien haben könnten. Der erste Artikel dieser Arbeit beschäftigt sich deshalb mit der Frage, ob die Conners3ed Skalen (Conners, 2008), ein in der Praxis häufig eingesetztes Fragebogenverfahren für ADHS, unabhängig sind von Einflüssen kultureller Variation (Schmidt, Reh, Hirsch, Rief, & Christiansen, 2013). Dazu wurde eine große Gruppe in Deutschland lebender Kinder mit türkischem Migrationshintergrund untersucht. Es zeigte sich, dass die in dieser Gruppe gefundene Faktorstruktur der Conners3ed mit der im amerikanischen Original berichteten Struktur übereinstimmte. Darüber hinaus hatte die Akkulturation der Eltern keinen bedeutsamen Einfluss auf die berichteten Symptome der Kinder und die unterschiedlichen Informationsquellen (Selbst-, Eltern-, Lehrerurteil) unterschieden sich nicht maßgeblich in der Beurteilung der Symptomstärke. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die Conners3ed Skalen sich auch für die Diagnostik von ADHS bei in Deutschland lebenden Kindern mit türkischem Migrationshintergrund eignen. Die Leitlinien zur Diagnostik von ADHS empfehlen neben der Verwendung von Fragebögen auch den Einsatz neuropsychologischer Verfahren. Insbesondere da andere Verfahren wie Fragebögen und strukturierte klinische Interviews ein beträchtliches Ausmaß an Subjektivität der Einschätzung zulassen, scheinen objektivere diagnostische Verfahren zur Erfassung der ADHS Kernsymptome dringend erforderlich. Bisher haben neuropsychologische Tests jedoch keine ausreichende Spezifität bewiesen, um ADHS von anderen klinischen Störungsbildern unterscheiden zu können. Der Quantified behavior Test (QbTest; Ulberstad, 2012) ist der erste neuropsychologische Test, welcher neben Aufmerksamkeit und behavioraler Impulsivität auch motorische Unruhe erfasst. Der zweite Artikel untersucht die Faktorstruktur und die psychometrischen Eigenschaften des QbTests (Reh et al., 2013). Die identifizierte drei-faktorielle Struktur, die mit den drei oben genannten Kernsymptomen der ADHS übereinstimmt, spricht dafür, dass der QbTest in Zukunft einen Beitrag zur Objektivierung der Diagnosestellung für ADHS liefern könnte. Intermediäre Phänotypen, die auf dem Kontinuum zwischen den genetischen bzw. biologischen Ursachen (Genotyp) der Störung und dem beobachtbaren Verhalten (Phänotyp) liegen, und die die große Heterogenität des Störungsbildes auf Symptomebene bündeln, könnten langfristig ebenfalls einen Beitrag zur Verbesserung der Diagnostik von ADHS liefen. Der dritte Artikel beschäftigt sich im Rahmen einer Pilotstudie mit der Frage, ob sich die drei im zweiten Artikel identifizierten Faktoren des QbTests als intermediäre Phänotypen eignen, und ob insbesondere mittels Bewegungsmessung erfasste Hyperaktivität einen potentiellen neuen Marker für ADHS darstellen könnte (Reh, Schmidt, Rief, & Christiansen, submitted). Eine Gruppe von ADHS-Kindern zeigte, verglichen mit deren Geschwisterkindern und einer Gruppe nicht verwandter, gesunder Kontrollkindern, die höchsten Beeinträchtigungen auf allen drei QbTest-Faktoren, wobei Geschwisterkinder mittelstarke und Kontrollkinder die niedrigsten Beeinträchtigungen aufwiesen. Bedeutsame Unterschiede zwischen Geschwistern und Kontrollkindern zeigten sich jedoch nur für den Faktor Hyperaktivität. Die Ergebnisse liefern erste Anhaltspunkte dafür, dass die QbTest-Faktoren als Risikomarker von ADHS in Frage kommen könnten, wobei weitere Studien mit größeren Fallzahlen folgen müssten. Insgesamt sprechen die vorliegenden Studienergebnisse für folgende Aussagen: 1.) die Conners3ed Skalen sind kulturübergreifend valide und dürften sich damit für den Einsatz in internationalen Studien zu ADHS eignen; 2.) der QbTest stellt eine Möglichkeit zur separaten und objektiven Erfassung der ADHS Kernsymptome dar und 3.) die QbTest-Faktoren, insbesondere der Faktor Hyperaktivität, könnten als Risikomarker für ADHS fungieren. Zusammengenommen liefern die Ergebnisse der Arbeit Hinweise, die zu einer Verbesserung der Diagnostik von ADHS im Kindesalter beitragen könnten.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2014.0056