Bindungsdiagnostik mittels Adult Attachment Projective bei Patienten mit Herzinsuffizienz oder Herzinsuffizienz-Risikofaktoren

Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie die koronare Herzkrankheit und die Herzinsuffizienz stellen die häufigste Todesursache in Deutschland dar. Damit nimmt die Identifizierung von Risikofaktoren neben klinisch-therapeutischen Gesichtspunkten ein zentrales Aufgabenfeld in der Erforschung der Problematik e...

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Main Author: von Korff, Jessica
Contributors: Herrmann-Lingen, Christoph (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2009
Innere Medizin
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie die koronare Herzkrankheit und die Herzinsuffizienz stellen die häufigste Todesursache in Deutschland dar. Damit nimmt die Identifizierung von Risikofaktoren neben klinisch-therapeutischen Gesichtspunkten ein zentrales Aufgabenfeld in der Erforschung der Problematik ein. Rein somatische Aspekte dieser Krankheiten stellten sich als unzulänglich heraus, so dass sich das Augenmerk im Sinne einer differenzierteren Sichtweise inzwischen auch auf psychische und soziale Faktoren richtet. Da das in der Psychologie bereits etablierte Forschungsgebiet der Bindungstheorie bezüglich psychosomatischer Dimensionen bislang kaum durchleuchtet wurde, konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf bindungstheoretische Ansätze in Bezug auf Risiko- und Krankheitsverhalten bei kardialen Erkrankungen. 45 Patienten mit den Einschlusskriterien Hypertonus, Diabetes mellitus, Schlafapnoesyndrom oder KHK wurden zum Teil im Uniklinikum Marburg und zum Teil im Uniklinikum Göttingen untersucht. Mittelpunkt der Querschnittsstudie sind das Bindungsmuster, welches auf zwei unterschiedliche Weisen getestet wurde, sowie Angst und Depressivität bei Patienten mit einer manifesten Herzerkrankung (KHK und/oder Herzinsuffizienz) oder Risikofaktoren für eine solche Erkrankung. Im Einzelnen wurden eine kardiologische Anamnese sowie das Bindungsinterview Adult Attachment Projective (AAP) erhoben; zudem beantworteten die Patienten die Lebensqualitäts-Fragebögen Relationship Scales Questionnaire (RSQ) zur Beurteilung des Bindungsstils und Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) zur Einschätzung von Angst und Depressivität. Es fiel eine niedrige Prävalenz an sicher (15,6%) und eine hohe Prävalenz an desorganisiert klassifizierten Personen (62,2%) im AAP auf, welches ein Indiz für einen hohen Grad an Traumatisierungen in diesem Kollektiv darstellen kann. Im RSQ lag der Akzent auf dem sicheren Bindungsstil (68,4%). Dies entspricht in etwa den derzeitigen Größenordnungen für nicht-klinische Stichproben anderer Studien. Der Vergleich der zwei Methoden zur Erfassung von Bindung, AAP und RSQ, offenbarte, dass sich 60% der im AAP desorganisiert Gebundenen im RSQ als bindungssicher darstellten und nicht als unsicher, wie hypothetisch angenommen. Diese deutliche Ergebnisdivergenz der beiden Methoden legt nahe, dass Unterschiedliches gemessen wurde: Im AAP stehen unbewusste Abwehrprozesse der Probanden im Vordergrund, der RSQ misst bewusste Emotionen über die Beziehungen der Personen. Welches dieser beiden Instrumente zur Erfassung des Bindungsmusters eher mit klinischen Befunden und psychischem Befinden zusammenhängt, konnte nicht abschließend geklärt werden. Bezogen auf Risiko- bzw. Herzpatienten ergaben sich weder im AAP noch im RSQ signifikante Ergebnisse. Von den einzelnen somatischen Parametern zeigte lediglich das Gesamtcholesterin im Serum signifikant höhere Werte bei den AAP-Desorganisierten (Median 208 mg/dl) als bei den AAP-Organisierten (Median 181 mg/dl). In Bezug auf psychische Faktoren wurden signifikant höhere Depressivitätswerte sowohl bei den desorganisiert gebundenen Patienten im AAP (Median 5,5) im Gegensatz zur organisierten Bindungskategorie (Median 3,0), als auch bei den unsicher gebundenen Probanden im RSQ (Median 6,5) im Gegensatz zu den sicher gebundenen (Median 3,5) aufgedeckt. Im RSQ stellte sich zudem ein hochsignifikanter Unterschied in den Angstwerten heraus (Median 8,5 bei den unsicheren versus Median 3,0 bei den sicheren Patienten). Dies führt zu dem Schluss, dass das Bindungsverhalten zumindest auf die psychische Gemütslage deutlichen Einfluss nimmt. Dies wiederum kann sich stark auf Gesundheitsverhalten und klinisches Befinden auswirken, was sich auch im Trend zu mehr auffälliger Depressivität bei den manifest Herzerkrankten im Patientenkollektiv widerspiegelte. Es zeigte sich somit, dass das Bindungsverhalten auf verschiedene Weise erhoben werden kann, bezüglich der Messung somatischer und psychischer Faktoren jedoch keines der beiden Instrumente eindeutig dem anderen überlegen scheint. Grundsätzlich ist es sicherlich sinnvoll wie spannend, das Zusammenspiel von Bindung, Psyche und Somatik weiter zu erforschen.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2009.0594