Komorbide Störungen bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung unter Berücksichtigung des Einflusses von Expressed Emotion

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) gehöhren zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters und gehen mit einer starken Beeinträchtigung des Patienten und seiner Familie einher. Die Kernsymptome sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. K...

Ausführliche Beschreibung

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1. Verfasser: Christiansen, Hanna
Beteiligte: Röhrle, Bernd (Prof. Dr. ) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2009
Psychologie
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Zusammenfassung:Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) gehöhren zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters und gehen mit einer starken Beeinträchtigung des Patienten und seiner Familie einher. Die Kernsymptome sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Komorbide Störungen sind häufig, insbesondere Störungen des Sozialverhaltens. Für die Symptomausprägung sind sowohl genetische als auch Umweltfaktoren bedeutsam, die miteinander in Wechselwirkung stehen. Insbesondere aversive familiäre Faktoren, wie bspw. High Expressed Emotion (HEE) sind bei ADHS häufig und relevant für den Verlauf sowie die Entwicklung komorbider Störungen. In diesem publikationsbasierten Kumulus werden drei Studien vorgestellt, die sich mit der Ätiologie von ADHS, d. h. bedeutsamen genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen, insbesondere aversiven familiären Faktoren wie HEE und komorbiden Störungen des Sozialverhaltens auseinandersetzen. Der erste Artikel untersuchte die Frage, ob ADHS mit kormorbiden Störungen des Sozialverhaltens verglichen mit „reiner ADHS“ eine ätiologisch und genetisch eigenständige Störung ist. Dazu wurden die relativen Risiken für Geschwister von Kindern mit „reiner“ ADHS bzw. ADHS mit komorbiden Störungen des Sozialverhaltens sowie die Symptombelastung berechnet. Es zeigte sich, dass das relative Risiko für das Vorliegen von ADHS und Störungen des Sozialverhaltens für Geschwister von Patienten mit ADHS und komorbiden Störungen des Sozialverhaltens fast fünfach erhöht ist. Das relative Risiko für „reine“ ADHS war bei diesen Geschwisterkindern ebenfalls signifikant erhöht wie auch bei einigen wenigen für „reine“ Störungen des Sozialverhaltens. Die komorbide Störung ging zudem durchweg und über Altersgruppen hinweg mit einer höheren Symptombelastung einher. Somit werden sowohl Befunde von Familienstudien unterstützt, die annehmen, dass die Wahrscheinlichkeit, Gene gemeinsam zu vererben, bei ADHS mit Störungen des Sozialverhaltens erhöht ist; als auch Befunde aus Zwillingsstudien, die annehmen, dass ADHS mit Störungen des Sozialverhaltens einen schwereren Störungstyp darstellen. Das erhöhte relative Risiko für alleinige Störungen des Sozialverhaltens weist zudem auf die Bedeutsamkeit von Umwelteinflüssen hin. Im zweiten Artikel wurden komorbide Störungen bei ADHS durch Negative Expressed Emotion (NEE), d. h. Feindseligkeit/Kritik und fehlende Wärme, von Vätern und Müttern vorhergesagt. Im Anschluss an ein ausführliches Elterninterview zur Erfassung von ADHS sowie komorbiden internalisierenden und externalisierenden Störungen der Kinder wurde eine Einschätzung der elterlichen Expressed Emotion (EE) vorgenommen. Diese Einschätzung wurde mit dem Five Minute Speech Sample (FMSS) validiert. Es zeigte sich, dass väterliche und mütterliche HEE hoch signifikant miteinander korrelieren, aber unterschiedlichen Einfluss auf die komorbide Symptomatik haben. So erwiesen sich mütterliche HEE als prädiktiv für das Vorliegen komorbider Störungen des Sozialverhaltens (Oppositional Defiant Disorder und Conduct Disorder) sowie depressiver Störungen. Väterliche HEE hingegen zeigten signifikante Zusammenhänge mit Angststörungen. Gerade die differentiellen Effekte von väterlicher und mütterlicher HEE sowie deren Bedeutung für die Entstehung komorbider Störungen sollten in Folgearbeiten weiter untersucht werden. Der dritte Artikel untersuchte, ob sich Expressed Emotion experimentell manipulieren lassen und wie sich dieser experimentell induzierte psychosoziale Stress bei Kindern mit und ohne ADHS physiologisch auswirkt. Nach Alter und Geschlecht parallelisierte Kinder mit ADHS und gesunde Kontrollkinder sowie deren Eltern wurden verglichen. Mittels des FMSS wurde elterliche EE gemessen und mit der wahrgenommenen Kritik der Kinder validiert. Elterliche Wärme/positive Zuwendung führte regressionsanalytisch zu einer verminderten oppositionellen Symptomausprägung bei Kindern mit ADHS. In Anlehnung an ein Experiment von Hooley, Gruber, Scott, Hiller und Yurgelun-Todd (2005) wurden die Eltern in Gegenwart ihrer Kinder entweder nach drei positiven oder drei negativen Eigenschaften ihres Kindes gefragt und sie belohnten (positive Bedingung) oder bestraften (negative Bedingung) in einem nachfolgenden kurzen Computertest die Leistung ihres Kindes. Vor der Stressinduktion (Baseline) und in vier nachfolgenden Messungen wurde Speichelcortisol gemessen. Es zeigte sich, dass sich Eltern von Kindern mit ADHS durch signifikant höhere EE auszeichnen. Über die Eltern induzierter psychosozialer Stress führte nur bei ADHS-Kindern und nur in der negativen Bedingung zu einen Anstieg in der Cortisol-Reaktion. Es konnte ein signifikanter Einfluss der physiologischen Stressreaktion auf den Zusammenhang von EE und oppositionellem Verhalten (gemessen mit den Fragebögen nach Conners; Conners Parent Rating Scale-Revised: Longform (CPRS-R: L); Conners Teacher Rating Scale-Revised: Longform (CTRS-R: L)) nachgewiesen werden.