Paranoia - Entstehungsprozesse und Auswege. Die Rolle von Einsamkeit und sozialkognitiven Mechanismen sowie eine Behandlungskonzeptualisierung zur Therapie paranoiden Wahns.

Wahn zählt neben Halluzinationen zu den Kardinalsymptomen schizophrener Störungen. Insbesondere Paranoia gehört zu den am häufigsten auftretenden wahnhaften Erfahrungen sowohl bei Patienten (Sartorius et al., 1986) als auch in der Allgemeinbevölkerung (Freeman et al., 2011). Durch die wissenschaft...

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Bibliographische Detailangaben
1. Verfasser: Lamster, Fabian
Beteiligte: Mehl, Stephanie (Prof. Dr.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2016
Psychologie
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Beschreibung
Zusammenfassung:Wahn zählt neben Halluzinationen zu den Kardinalsymptomen schizophrener Störungen. Insbesondere Paranoia gehört zu den am häufigsten auftretenden wahnhaften Erfahrungen sowohl bei Patienten (Sartorius et al., 1986) als auch in der Allgemeinbevölkerung (Freeman et al., 2011). Durch die wissenschaftliche Betrachtung des Phänomens Paranoia konnte in den vergangenen zwanzig Jahren, die zuvor bestehende Definition paranoiden Wahns neu ausgerichtet werden. Die dichotome Entweder-oder-Kategorie pathologischer Symptomatik konnte zugunsten eines Kontinuums paranoider Erfahrungen aufgegeben werden, welches sich von subklinischen Wahn-Ideen zu ausgeprägten bizzaren paranoiden Wahnsystemen erstreckt (T. Lincoln, 2007; Nuevo et al., 2012; van Os, Linscott, Myin-Germeys, Delespaul, & Krabbendam, 2009). In Einklang mit bio-psycho-sozialen Störungsmodellen der Schizophrenie (Nuechterlein & Dawson, 1984; Yank, Bentley, & Hargrove, 1993) konnten emotional-kognitive Modelle des Wahnerlebens entwickelt werden (Freeman, Garety, Kuipers, Fowler, & Bebbington, 2002; Freeman & Garety, 2014; Kuipers et al., 2006). Mit diesen wurde der Nimbus einer Unkorrigierbarkeit wahnhaften Erlebens (Jaspers, 1913) endgültig verworfen und Betroffenen und Behandlern auf wissenschaftlicher Basis Ansatzpunkte für die Veränderbarkeit belastender paranoider Symptome aufgezeigt. In der vorliegenden Dissertation wird auf Grundlage dieser Befunde die ätiologische Rolle von Einsamkeit untersucht und geprüft, in wie weit sich dieses Konstrukt in bestehende Modelle der Entstehung und Aufrechterhaltung von Wahn einordnen lässt. Verschiedene Studien zeigen die hohe Prävalenz von Einsamkeit unter den von Störungen des schizophrenen Formenkreises betroffenen Personen (Meltzer et al., 2013; Sündermann, Onwumere, Kane, Morgan, & Kuipers, 2014), die häufig Ablehnung, sozialen Ausschluss oder Stigmatisierung erfahren oder erleben (Gras et al., 2014; Switaj, Grygiel, Anczewska, & Wciórka, 2013; Yang et al., 2013). Einsamkeit ist dabei eng mit dem subjektiven Erleben sozialer Interaktionen und der Einbindung in ein soziales Gefüge verknüpft und beinhaltet verschiedene emotionale und kognitive Facetten, die paranoides Erleben bedingen könnten (Mikulincer & Segal, 1990; Schwab, 1997). In der ersten Studie dieser Dissertation wurde der Kausalität in der Beziehung zwischen Einsamkeit und Paranoia nachgegangen und geprüft, welche moderierende Rolle das Risiko eine schizophrene Störung zu entwickeln auf den Zusammenhang zwischen Einsamkeitserleben und Paranoia hat. In der zweiten Studie wurden Mechanismen im Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Paranoia in einer klinischen Stichprobe genauer betrachtet. Hierzu zählten der mediierende Einfluss negativer Fremd-Schemata sowie mögliche Ursachenfaktoren von Einsamkeit wie wahrgenommene soziale Unterstützung und die Häufigkeit sozialer Kontakte. Experimentell induzierte oder reduzierte Einsamkeit wirkte sich in Studie I kausal auf Paranoia aus. Dieser Zusammenhang war größer bei Hoch-Risiko-Personen (Studie I) und wurde in der klinischen Stichprobe vollständig von negativen Fremd-Schemata mediiert (Studie II). In der dritten Studie dieser Dissertation wurde die Wirksamkeit eines stimmungsstabilisierenden kognitiv-verhaltenstherapeutischen Konzepts zur Behandlung von Wahnsymptomatik sowie dessen Implementierbarkeit untersucht. Depressivität und weitere belastende Emotionen zeigten sich als eng verknüpft mit Entstehungsprozessen wahnhafter Symptomatik (Freeman et al., 2002; Fusar-Poli, Nelson, Valmaggia, Yung, & McGuire, 2014; Garety & Freeman, 2013; Smith et al., 2006). Erste britische Studien im stationären Kontext wiesen die Wirksamkeit kognitiver Verhaltenstherapie (Durrant, Clarke, Tolland, & Wilson, 2007; Haddock et al., 1999) nach, die in den Leitlinien zwar hinsichtlich aller Störungsphasen empfohlen wird (Gaebel, Falkai, Weinmann, & Wobrock, 2006; National Collaborating Centre for Mental Health, 2014), länderübergreifend jedoch nur unzureichend implementiert ist (Bechdolf & Klingberg, 2014; Haddock et al., 2014). Vor dem Hintergrund bestehender kognitiver Störungsmodelle zu Wahnerleben wurde ein manualisiertes stationäres Behandlungskonzept (Mehl, 2013) im Prä-Post Design in seiner Wirksamkeit und Implementierbarkeit geprüft. Wahn und Positivsymptomatik reduzierten sich signifikant mit großen Effektstärken und in der Mehrzahl der Fälle in klinisch relevantem Maß. Insbesondere die Wahnfacetten Belastung und Beschäftigung reduzierten sich mit großen Effektstärken. Außerdem konnte eine Reduktion der depressiven Symptomatik erreicht werden und der psychotherapeutische Ansatz gut in den Regelbetrieb der Schwerpunktstation für Schizophrenien integriert werden. In zukünftigen Studien sollten die Befunde dieses Prä-Post-Vergleichs in einem randomisierten Verfahren auch gegenüber einer Kontrollgruppe überprüft werden. Die Ergebnisse der ersten und zweiten Studie bestätigen die bedeutende Rolle von Einsamkeit im Zusammenhang mit der Entstehung paranoider Symptomatik und werfen das Licht auf weitere beteiligte interpersonelle kognitive Prozesse. Die Zusammenhänge und die kausale Einordnung sowie Implikationen für Forschung und Psychotherapie werden vor dem Hintergrund der Befunde der beiden ersten Studien diskutiert. Die Befunde der Pilotstudie zu stimmungsstabilisierender kognitiver Verhaltenstherapie im Schwerpunktbereich Schizophrenien werden vor dem Hintergrund beteiligter Prozesse und einer möglichen Adaptation des Konzepts thematisiert.
Beschreibung:126 pages.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2016.0673