Vom Konkreten im Abstrakten. Eine kognitionslinguistische Analyse zu Konkreta und Abstrakta.

Die Unterscheidung von Wörtern auf der Ebene konkret vs. abstrakt blickt auf eine lange Forschungstradition zurück. Dabei lag der Schwerpunkt größtenteils auf der Subklassifizierung der Wortart Nomen, die auch in der vorliegenden Arbeit im Fokus steht. Zahlreiche Bemühungen wurden unternommen, u...

Ausführliche Beschreibung

1. Verfasser: Schrauf, Judith
Beteiligte: Kauschke, Christina (Prof.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache: Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2011
Germanistik und Kunstwissenschaften
Ausgabe: http://dx.doi.org/10.17192/z2011.0620
Schlagworte:
Online Zugang: PDF-Volltext
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Zusammenfassung: Die Unterscheidung von Wörtern auf der Ebene konkret vs. abstrakt blickt auf eine lange Forschungstradition zurück. Dabei lag der Schwerpunkt größtenteils auf der Subklassifizierung der Wortart Nomen, die auch in der vorliegenden Arbeit im Fokus steht. Zahlreiche Bemühungen wurden unternommen, um Wörter nach ihrem Konkretheitsgrad zu klassifizieren. Die daraus formulierten Definitionen unterscheiden sich hinsichtlich der gewählten Kriterien zur Bestimmung von Konkretheit und der damit verbundenen Sichtweise zur Ausprägung von Konkretheit. Neben strikt dichotomen Ansätzen (Conrad 1986, Wode 1988), in denen eine klare Subklassifizierung in konkret und abstrakt vorgenommen wird, werden kontinuierliche (Schierholz 1991, Ewald 1992) oder dynamische Ansätze (Kronasser 1952, Wiemer-Hastings 2001) diskutiert. Innerhalb kontinuierlicher Sichtweisen wird die Grenze zwischen konkret einerseits und abstrakt andererseits aufgehoben und Konkretheit als ein Kontinuum mit fließenden Übergängen betrachtet. Dynamische Sichtweisen beschreiben Wechselwirkungen zwischen Konkreta und Abstrakta und legen Kriterien fest, die beschreiben, wie Konkretes abstrakt und Abstraktes konkret werden kann. Aus der Möglichkeit dynamischer Beziehungen zwischen Konkreta und Abstrakta wird in dieser Arbeit eine in Bezug auf Konkretheit wichtige, aber bisher in der Konkretheitsforschung kaum berücksichtigte Differenzierung abgeleitet. Diese betrifft die Unterscheidung in ontologisch und konzeptuell. Ontologische Konkretheit bezieht sich auf Kriterien, die von dem Referenzobjekt eines Wortes bestimmt werden; dies kann z.B. durch die Eigenschaft des Objektes, sinnlich wahrnehmbar zu sein, gegeben sein. Konzeptuelle Konkretheit bezieht sich dagegen auf die durch die Interaktion eines Menschen mit seiner Umwelt resultierenden Erfahrungen mit dem Referenzobjekt und die Einbindung sowie Erweiterung dieser Erfahrungen in die Konzeptbedeutung mit dem Ergebnis einer Konkretisierung durch eine Merkmalsanreicherung (vgl. Kronasser 1952). Diese Möglichkeit zur Veränderung vom Abstrakten zum Konkreten impliziert eine dynamische Sichtweise auf die Wortbedeutung, die innerhalb kognitionslinguistischer Bedeutungstheorien postuliert wird. Am Beispiel konzeptueller Metaphern sind diese Konkretisierungsdynamiken erkennbar und gut nachvollziehbar. Beispielsweise führt die Metapher THEORIEN SIND GEBÄUDE aufgrund von Merkmalsübertragungen aus dem konkreten Konzept Gebäude auf das abstrakte Konzept Theorie zu einer Merkmalsanreicherung (z.B. Theorien haben ein Fundament, Theorien werden erbaut etc.) und dadurch zu einer Konkretisierung. Zudem übernehmen Metaphern innerhalb der kognitionslingustischen Annahme einer verkörperten Kognition (embodied cognition) eine wichtige Funktion hinsichtlich abstrakter Konzepte und der Frage, wie Abstrakta körperlich verankert und repräsentiert sein können. Metaphern bilden eine mögliche Brücke zum Körperlichen, indem sie Bedeutungsmerkmale konkreter auf abstrakte Konzepte übertragen. Aufgrund ihrer offensichtlichen Konkretisierungsdynamiken sollten Metaphern bei einer Untersuchung von Konkreta und Abstrakta berücksichtigt werden. Deshalb ist ein wesentliches Element dieser Arbeit, das Verständnis von Abstrakta als Konkretisierung mittels metaphorischer Abbildungen zu modellieren. Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit ist es, eine umfassende sprachsystematisch-theoretische Grundlage zur Erfassung von Konkretheit zu erarbeiten, um auf deren Basis den Einfluss von Konkretheit auf die Sprachverarbeitung zu untersuchen. Damit verbunden sind folgende forschungsleitenden Fragen: Welche Kriterien ontologischer Konkretheit wirken sich auf die Wortverarbeitung aus? Wie wirkt sich konzeptuelle Konkretheit auf die Wortverarbeitung aus? Wie wirken sich unterschiedliche Erfahrungen in der sinnlichen Wahrnehmung auf die Wortverarbeitung aus? Zur Beantwortung der letztgenannten Frage werden Menschen mit unterschiedlicher Sinneswahrnehmung hinsichtlich ihrer Sprachverarbeitung von Konkreta und Abstrakta verglichen. Die gewählten Populationen sind Geburtsblinde (defizitäre Wahrnehmung), Farb-Wort-Synästhetiker (additive Wahrnehmung) und sehende Nicht-Synästhetiker (neutrale Wahrnehmung).  
DOI: http://dx.doi.org/10.17192/z2011.0620