Zur Bedeutung von orthographischen Fragmentwissen für die Lese- und Rechtschreibstörung

Die vorliegende Arbeit untersucht implizites Lernen von orthographischen Fragmentwissen von Kindern der 1. - 4. Klasse im Umgang mit schriftsprachlichem Material und die Bedeutung dieses impliziten Wissenserwerbes bezüglich der Rechtschreibstörung. Die Fähigkeit, implizit zu lernen und implizit erw...

Ausführliche Beschreibung

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Bibliographische Detailangaben
1. Verfasser: Klein, Kristina Isabella
Beteiligte: Schulte-Körne, Gerd (Prof. Dr.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2008
Nervenheilkunde
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Beschreibung
Zusammenfassung:Die vorliegende Arbeit untersucht implizites Lernen von orthographischen Fragmentwissen von Kindern der 1. - 4. Klasse im Umgang mit schriftsprachlichem Material und die Bedeutung dieses impliziten Wissenserwerbes bezüglich der Rechtschreibstörung. Die Fähigkeit, implizit zu lernen und implizit erworbenes Wissen anzuwenden, wurde anhand eines Artificial Grammar Learning-Experimentes (AGL) untersucht. Hierfür werden Buchstabenreihen (Items) mit Hilfe einer künstlichen Grammatik gebildet. Ein Teil dieser Items (Lernitems) wird in einer Lernphase den Probanden präsentiert. Die Probanden haben die Aufgabe, diese Lernitems nachzuschreiben und sich einzuprägen, allerdings ohne dass die Probanden wissen, dass die Items einem bestimmten Regelsystem folgen und, dass dieses Wissen in einer sich anschließenden Testphase des Experimentes auf weitere Items angewendet werden muss. Die Items (Testitems), die für die folgende Testphase verwendet werden, entsprechen zur Hälfte den Regeln der Grammatik, die andere Hälfte verstößt gegen die Regeln der Grammatik. In dem vorliegenden AGL-Experiment wurden die Items der Testphase zusätzlich nach ihrer Fragmentstärke kontrolliert. Die Fragmentstärke ist ein Maß für die Häufigkeit von Buchstaben-Bigrammen und -Trigrammen in den Lernitems. In dieser Testphase werden die Probanden instruiert, zu entscheiden, ob die Testitems der Grammatik entsprechen oder nicht. Wenn die Probanden in der Lernphase implizites Wissen über die Regeln der Grammatik bzw. über Eigenschaften der Items, die durch diese Regeln vorgeschrieben werden, erwerben, werden die Items der Testphase, die den Regeln der Grammatik folgen, über dem Zufallslevel von 50 % als „ja gehört dazu“ klassifiziert im Gegensatz zu denen, die die Regeln der Grammatik verletzen. Mit Hilfe dieser Klassifikationsleistung der Probanden in der Testphase des AGL-Experimentes können Rückschlüsse gezogen werden, ob implizit Wissen erworben und angewendet wurde und welcher Art dieser Wissenserwerb ist. Die 54 teilnehmenden Kinder wurden unter Berücksichtigung der Rechtschreibleistung in Extremgruppen eingeteilt und unter Berücksichtigung der Intelligenz und Klassenstufe parallelisiert. Darüber hinaus wurde die Leseleistung erfasst, so dass in dieser Untersuchung den Hypothesen, dass nicht von einer Rechtschreibstörung betroffene Kinder besser klassifizieren als davon betroffene Kinder, dass Testitems mit hoher Fragmentstärke eher als zugehörig klassifiziert werden, dass grammatische Testitems eher als zugehörig klassifiziert werden, dass Kinder in niedrigeren Klassenstufen im Vergleich zu Kinder in höheren Klassenstufen schlechter klassifizieren und den Fragen, ob die Leseleistung und Unterschiede in Leistungen und Alter in der Lernphase Einfluss auf das Klassifikationsverhalten haben, nachgegangen wird. Die Ergebnisse dieser Arbeit lassen vermuten, dass Kinder aus höheren Klassenstufen (3. und 4. Klasse) implizites orthographisches Fragmentwissen besser erlernen und anwenden können als Kinder aus niedrigeren Klassenstufen (1. und 2. Klasse). Unterschiedliche Voraussetzungen der Kinder in Klassenstufe, Lese- und Rechtschreibleistung und damit verbundene unterschiedliche Leistungen in der Lernphase hatten dabei keinen Einfluss auf die Klassifikationsleistung der Kinder. Die Ergebnisse des AGL-Experimentes zeigen, dass die Fragmentstärke und auch die durch die Grammatik vorgegebenen Eigenschaften der Testitems (Regeln) auf das Klassifikationsverhalten der Kinder einen signifikanten Einfluss haben. Die Kinder haben in der Auseinandersetzung mit schriftsprachlichen Material unter Laborbedingungen implizit gelernt und konnten dieses erworbene Wissen, als sogenanntes Fragmentwissen und Regelwissen auf schriftsprachliches Material anwenden. Nach den Ergebnissen dieses AGL-Experimentes unterscheiden sich die Klassifikationsleistungen der rechtschreibgestörten Kinder nicht signifikant von der Klassifikationsleistungen der Kinder ohne Rechtschreibstörung. Anhand der vorliegenden Untersuchung wird somit angenommen, dass rechtschreibgestörte Kinder im Vergleich zu Kindern ohne Rechtschreibstörung nicht in ihrem impliziten Lernen beeinträchtigt sind. Insbesondere unterscheiden sich nicht von einer Rechtschreibstörung betroffene Kinder nicht von betroffenen Kindern bezüglich des Erwerbs von impliziten orthographischen Fragmentwissens, welches nach Stand der Literatur auch eine bedeutende Rolle beim Schriftspracherwerb spielt.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2008.0543