Die Ethnische Hierarchie in Deutschland und die Legitimierung der Ablehnung und Diskriminierung ethnischer Minoritäten. Über den Konsens in den individuellen Vorurteilen von Mitgliedern einer Gesellschaft.

Die Dissertation untersucht die Ethnische Hierarchie in Deutschland, ihren Hintergrund und ihre Auswirkungen. Damit stellt sie die Frage nach der Erklärung des interindividuellen Konsenses in den Vorurteilen von Gesellschaftsmitgliedern gegenüber verschiedenen ethnischen Minoritäten. In Anlehnung an...

Ausführliche Beschreibung

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Bibliographische Detailangaben
1. Verfasser: Jäckle, Nicole
Beteiligte: Wagner, Ulrich (Prof. Dr.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2008
Psychologie
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Beschreibung
Zusammenfassung:Die Dissertation untersucht die Ethnische Hierarchie in Deutschland, ihren Hintergrund und ihre Auswirkungen. Damit stellt sie die Frage nach der Erklärung des interindividuellen Konsenses in den Vorurteilen von Gesellschaftsmitgliedern gegenüber verschiedenen ethnischen Minoritäten. In Anlehnung an Louk Hagendoorn (Hagendoorn, 1993, 1995) wird die Ethnische Hierarchie als Soziale Repräsentation des gesellschaftlichen Status ethnischer Minoritäten aufgefasst. Durch die Verknüpfung mit weiteren Ansätzen (Devine, 1989; Miles, 1992; Jost & Banaji, 1994; Major, 1994; Terkessidis, 1998; Sidanius & Pratto, 1999; Ridgeway, 2001) wird die These entwickelt, dass die mit der Hierarchie verbundenen kulturellen Stereotype über die Gruppen der Legitimierung der realen gesellschaftlichen Position von ethnischer Majorität und Minoritäten dienen. Gesellschaftsmitglieder orientieren sich, so die Annahme, in ihren individuellen Vorurteilen und Stereotypen an der Ethnische Hierarchie. Auf diese Weise wird die bestehende gesellschaftliche Ungleichheit zwischen ethnischen Gruppen stabilisiert und aufrecht erhalten. In der deutschen Vorurteilsforschung fand das Konzept der Ethnischen Hierarchie bislang kaum Beachtung. Die vorliegende Dissertation analysiert die konkrete Ethnische Hierarchie in Deutschland erstmals ausführlich. Dabei wird sowohl die Hierarchie selbst, als auch ihre Zusammenhänge mit der objektiven gesellschaftlichen Situation der ethnischen Gruppen, mit kulturellen Stereotypen sowie mit Vorurteilen und Diskriminierung analysiert. Eine postalische Fragebogenstudie mit 552 Berlinerinnen und Berlinern ergab eine konsensuelle Ethnische Hierarchie der vorgegebenen fünf Gruppen, in der erwartungsgemäß die deutsche Majorität an erster Stelle stand, gefolgt von deutschen Juden/Jüdinnen, ItalienerInnen, TürkInnen und an letzter Stelle AsylbewerberInnen. Diese Ethnische Hierarchie spiegelt die reale rechtliche Situation der Gruppen einerseits und – soweit Daten hierzu verfügbar waren – die objektive sozioökonomische Situation der Gruppen andererseits wider (Schulabschluss, berufliche Position, Einkommen, Arbeitslosenquote). Es lässt sich ebenfalls zeigen, dass, mit absteigender Position einer Gruppe in der Hierarchie, die Zuschreibung bestimmter sehr negativer kultureller Stereotype gegenüber der Gruppe zunimmt und die Zuschreibung positiver Stereotype abnimmt. Dieser Zusammenhang zeigt sich besonders deutlich bei positiven deutschen Autostereotypen, die mit Kompetenz und ‚Fortschrittlichkeit‘ in Verbindung stehen und so besonders geeignet sind, den unterschiedlichen Status der Gruppen zu rechtfertigen. Eine Abbildung der Ethnischen Hierarchie zeigt sich auch in den affektiven und kognitiven Vorurteilen der Befragten, wobei die Unterschiede v.a. zwischen den beiden oben und den beiden unten in der Hierarchie stehenden Minoritätengruppen deutlich sind. Die Ethnische Hierarchie spiegelt sich hingegen nicht in der, in einem Eindrucksbildungsexperiment erfassten, Wahrnehmung einzelner Personen aus den fünf Gruppen wider. Bei den – als Indikator für die Befürwortung gesellschaftlicher Diskriminierung verwendeten – Urteilen zum gerechten Einkommen und dem gerechten Sozialhilfesatz für die Gruppenmitglieder zeigt sich hingegen eine signifikante Benachteiligung von (ehemaligen) AsylbewerberInnen gegenüber ‚Deutschen‘ und deutschen Juden/Jüdinnen. Die in Deutschland bestehende rechtliche Diskriminierung von AsylbewerberInnen in der Sozialhilfe wird also in den individuellen Urteilen nachvollzogen und auf ehemalige AsylbewerberInnen sowie andere Bereiche (Einkommen) übertragen. Fragt man nach der Ablehnung von Sozialhilfezahlungen zwischen den Gruppen im Allgemeinen, zeigen sich noch deutlichere, der Hierarchie entsprechende Unterschiede. Die Ethnische Hierarchie spiegelt sich auch in den Einflussmustern der individuellen Einstellungen der Befragten auf die Urteile zur Güterverteilung wider. So lässt sich z.B. eine deutliche Legitimierung niedrigerer Einkommen der drei Migrantengruppen durch negative individuelle Stereotype zeigen. In Übereinstimmung mit Major (1994) und Jost & Banaji (1994) führt ein negatives Bild der Gesamtgruppe dazu, einem Individuum aus dieser Gruppe weniger zuzugestehen. Die Ergebnisse der Studie stützen damit die Grundannahme der Arbeit, dass die Ethnische Hierarchie der Legitimierung und Stabilisierung gesellschaftlicher Ungleichheit dient.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2008.0475