Familiärer Stress und Symptome der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Vorschulkindern

Hintergrund: Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine entwicklungsneurologische Störung. Exekutive Inhibitionskontrolle und Belohnungsaufschub sind ADHS-bezogene neuropsycholo- gische Basisdefizite, die kausale Entwicklungspfade („causal pathways“) der AD...

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Main Author: Schloß, Susan
Contributors: Becker, Katja (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Doctoral Thesis
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2017
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Hintergrund: Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine entwicklungsneurologische Störung. Exekutive Inhibitionskontrolle und Belohnungsaufschub sind ADHS-bezogene neuropsycholo- gische Basisdefizite, die kausale Entwicklungspfade („causal pathways“) der ADHS kennzeichnen könnten. Darüber hinaus weist die aktuelle Theorien- bildung auf Vulnerabilitäts- bzw. transaktionale Prozesse hin, die an einigen Entwicklungspfaden der ADHS beteiligt sein könnten. Demzufolge könnten Schwierigkeiten im Bereich der Inhibitionskontrolle und des Belohnungsaufschubs die Wahrscheinlichkeit eines Kindes erhöhen, unter psychosozialen Ri- sikobedingungen ADHS-Symptome zu entwickeln. Psychosozialer Stress wurde als einer der Auslöser und Einflussfaktoren auf den Verlauf der ADHS konzeptionalisiert. Die Haarcortisolkonzentration wird als Biomarker für chronischen Stress über mehrere Monate erachtet. Bisher existiert keine Studie, die ADHS- Symptome, Basisdefizite und die Haarcortisolkonzentration untersucht hat. Das Ziel der vorliegenden Dissertation besteht darin zu analysieren, ob Inhibitionskontrolle und Belohnungsaufschub den Zusammenhang zwischen psychosozialen Risiken (bzw. der Cortisolkonzentration) und ADHS-Symptomen bei Vorschulkindern moderieren. Methode: Die Stichprobe besteht aus n=206 Familien mit Kindern im Alter von vier und fünf Jahren. Von n=126 Kindern liegen Haarproben vor. Die Stichprobe wurde um Kinder, die die 70. Perzentile eines ADHS-Screeningfragebogens (FBB-ADHS-V) überschritten, und um Kinder, deren Geschwisterkind von ADHS betroffen ist oder war, angereichert. Die ADHS-Symptome wurden durch ein strukturiertes klinisches Interview mit einem Elternteil und Fragebögen für Eltern und Erzieher erhoben. Mütterliche Depressivität wurde mit Hilfe eines Selbstbeurteilungsfragebogens erhoben. Die Qualität der elterlichen Partnerschaft wurde durch Fragebögen für Mütter und Väter ermittelt. Inhibitionskontrolle und Belohnungsaufschub wurden durch neuropsychologische Tests erhoben. Zur Ermittlung der Langzeitcortisolausschüttung wurden 3cm des Kopfhaars des Kindes analysiert. Komorbide oppositionelle, Angst- und depressive Symptome wurden durch Fragebögen erhoben. Die Intelligenz wurde durch zwei Subtests eines Intelligenztests geschätzt. Zur Ermittlung mütterlicher ADHS-Symptome kamen ein Fragebogen und ein strukturiertes klinisches Interview zum Einsatz. Ergebnisse: Nach statistischer Kontrolle mütterlicher ADHS-Symptome und Schulbildung sowie der kindlichen Intelligenz, oppositionellen, Angst- und de- pressiven Symptome und des Geschlechts ergaben sich keine signifikanten In- teraktionseffekte, wenn Inhibitionskontrolle als Moderatorvariable verwendet wurde. Der Interaktionseffekt zwischen Belohnungsaufschub und mütterlicher Depressivität, Partnerschaftskonflikten und Haarcortisolkonzentration war jeweils statistisch signifikant. Bei Kindern mit Schwierigkeiten beim Belohnungsaufschub waren hohe ADHS-Symptome mit hohen mütterlichen depressiven Symptomen, einer geringen Partnerschaftsqualität der Eltern und hoher Cortisolkonzentration im Haar verbunden. Bei Kindern ohne diese Schwierigkeiten war die Assoziation nicht signifikant. Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse stimmen mit der Annahme überein, dass das neuropsychologische Basisdefizit Belohnungsaufschub das Kind anfälliger dafür machen könnte, unter psychosozialen Risikobedingungen ADHS- Symptome zu entwickeln. Belohnungsaufschub könnte als sich früh entwickelnder Vulnerabilitätsmarker in Frage kommen, der einen der kausalen Entwick- lungspfade zur ADHS, an denen transaktionale Prozesse mit Umweltfaktoren beteiligt sind, kennzeichnet. Die Konstellation ’Schwierigkeiten beim Be- lohnungsaufschub/hohe Haarcortisolkonzentration’ könnte einen spezifischen ADHS-Subtyp kennzeichnen. Dies bedarf jedoch weiterer Forschung.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2017.0458