Stigmatisierung und Medikamenten-Nonadhärenz bei Menschen mit psychotischen Störungen: Schwierigkeiten und Lösungsmöglichkeiten

Die Stigmatisierung von Menschen mit Schizophrenie stellt den ersten thematischen Schwerpunkt der vorliegenden Dissertation dar. Der zweite thematische Fokus liegt auf der Nonadhärenz in Bezug auf antipsychotische Medikation (d.h. auf Medikamenteneinnahmeverhalten, das vom Behandlungsplan abweicht)....

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Main Author: Wiesjahn, Martin
Contributors: Lincoln, Tania (Prof.) (Thesis advisor)
Format: Doctoral Thesis
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2014
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Die Stigmatisierung von Menschen mit Schizophrenie stellt den ersten thematischen Schwerpunkt der vorliegenden Dissertation dar. Der zweite thematische Fokus liegt auf der Nonadhärenz in Bezug auf antipsychotische Medikation (d.h. auf Medikamenteneinnahmeverhalten, das vom Behandlungsplan abweicht). Die vorliegende kumulative Dissertation setzt sich aus drei Studien zusammen, in denen Einflussfaktoren und mögliche Lösungsansätze für diese Problembereiche untersucht wurden. Die Stigmatisierung von Menschen mit Schizophrenie ist ein sehr präsentes Problem (Rose et al., 2011), das in den letzten 20 Jahren noch weiter zugenommen hat (Angermeyer, Matschinger, & Schomerus, 2013). Die bisherige zentrale Strategie großer Antistigmakampagnen bestand darin, biologische Ursachenmodelle der Störung zu vermitteln, was sich allerdings als wenig erfolgversprechend erwiesen hat und teilweise sogar die Stigmatisierung verstärkte (Kvaale, Haslam, & Gottdiener, 2013; Read, Haslam, Sayce, & Davies, 2006). Im ersten Themenbereich dieser Dissertation wurde daher als neuer Antistigmaansatz das Potential von Kontinuumsannahmen untersucht. Diese besagen, dass psychotische Symptome auf einem Kontinuum zu normalem Erleben liegen (McGovern & Turkington, 2001). In der ersten Studie wurde in Korrelations- und Regressionsanalysen ein Zusammenhang zwischen stärkerer Zustimmung zu Kontinuumsannahmen und weniger abwertenden Stereotypen gegenüber Personen mit Schizophrenie gefunden (Wiesjahn, Brabban, Jung, Gebauer, & Lincoln, 2014). Um kausale Zusammenhänge zu untersuchen wurden in der zweiten Studie experimentell die Effekte einer Kontinuumsintervention mit einer biologischen und einer Kontrollintervention verglichen (Wiesjahn, Jung, Kremser, Rief, & Lincoln, 2014). Ein stigmareduzierender Effekt der Kontinuumsintervention zeigte sich darin, dass die Teilnehmer in der Kontinuumsbedingung Menschen mit Schizophrenie als weniger inkompetent und unberechenbar wahrgenommen haben, während die biologische Intervention dazu führte, dass den Betroffenen weniger Schuld zugeschrieben wurde. Korrelativ zeigte sich weiterhin in der zweiten Studie, dass der Glaube an die Kontinuumsannahme mit geringeren Werten in allen erhobenen Stigmaskalen einherging. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Kontinuumsannahme das Potential hat, Stigmatisierung zu reduzieren, was in zukünftigen Studien mit Hilfe von stärkeren Manipulationen weiter untersucht werden sollte. Nonadhärenz zu verschriebener antipsychotischer Medikation ist eine weitere häufige Herausforderung für Menschen mit psychotischen Störungen. Etwa die Hälfte der Betroffenen nimmt die Medikamente nicht so ein, wie sie verschrieben wurden (Lacro, Dunn, Dolder, Leckband, & Jeste, 2002), was den Behandlungserfolg gefährdet (Viguera, Baldessarini, Hegarty, van Kammen, & Tohen, 1997). Die Prozesse, die zu einer negativen Einstellung gegenüber der Medikation und zu Adhärenzproblemen führen, wurden allerdings bisher nicht ausreichend erforscht. Daher wurde im zweiten Themenbereich dieser Dissertation (in der dritten Studie) ein Prozessmodell untersucht, das eine Vielzahl möglicher Einflussfaktoren für die Einstellungen gegenüber der Medikation enthält, um in einem weiteren Schritt das Einnahmeverhalten vorherzusagen (Wiesjahn, Jung, Lamster, Rief, & Lincoln, 2014). Mit Hilfe einer Pfadanalyse konnten fünf Prädiktoren für positive Einstellungen über Medikamente identifiziert werden: Die Einsicht darin, Hilfe zu benötigen; die Attribution von Symptomen auf eine psychische Störung; die Zustimmung zu biologischen Ätiologiemodellen; die geringere Zustimmung zu psychologischen Ätiologiemodellen und eine geringere Zahl negativer Nebenwirkungen. Die Einstellung gegenüber der Medikation hing wiederum mit der von den Befragten berichteten Adhärenz zusammen. Eine Einbeziehung dieser Faktoren in einen gemeinsamen Entscheidungsprozess über die Behandlung stellt einen Lösungsansatz für den Problembereich der Nonadhärenz dar. Diese Ergebnisse sollten allerdings in einer weiteren Stichprobe kreuzvalidiert werden. Zudem sind längsschnittliche Untersuchungen notwendig, um den zeitlichen Verlauf der Prozesse genauer zu untersuchen.
DOI:10.17192/z2014.0340