"Kulturlager" Theresienstadt? Historischer Ort im Spannungsfeld von geschichtlicher Realität und stilisierter Präsentation

Auch wenn es uns heute nicht möglich ist, die Vergangenheit erneut erfahrbar zu machen, sind Zeitzeugen, Forscher, Wissenschaftler, Literaten, Filmemacher und Ausstellungskuratoren doch darum bemüht, Geschichtsbilder zu erzeugen. Daraus entstehen historische Persönlichkeiten, historische Ereignisse...

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Bibliographic Details
Main Author: Postlep, Natascha
Contributors: Braun, Karl (Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2010
Subjects:
art
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Auch wenn es uns heute nicht möglich ist, die Vergangenheit erneut erfahrbar zu machen, sind Zeitzeugen, Forscher, Wissenschaftler, Literaten, Filmemacher und Ausstellungskuratoren doch darum bemüht, Geschichtsbilder zu erzeugen. Daraus entstehen historische Persönlichkeiten, historische Ereignisse oder historische Orte. Im Fall eines Vergangenheitsauszugs wie des Holocaust kommt zur Konstruktion des Geschichtsbilds das Erinnern hinzu, das im positiven Fall zum kollektiven Gedenken wird. Ausgangspunkt vorliegender Analyse ist eine besondere Rekonstruktion von Geschichte – und ein einzigartiger historischer Ort als Forschungsgegenstand: das ehemalige nationalsozialistische Lager Theresienstadt. Als Teil des Holocaust ein Gedenkort und gleichzeitig paradoxes Unikat, ist Theresienstadt heute der Gefahr ausgesetzt, in stilisierter Weise in die Geschichte einzugehen. Ausgangspunkt dieser Gefahr ist die in der Vergangenheit liegende Funktionalisierung durch die Nationalsozialisten, denn dadurch erhielt Theresienstadt mehrere, heute nahezu nicht zu vereinende Gesichter. Da ist zunächst die urbane Erscheinung; geografisch war Theresienstadt zum Großteil eins mit der ehemaligen böhmischen Kleinstadt Terezín. Hinzu kommt die Vorzeigefunktion im Terrorsystem: Theresienstadt als vermeintliches jüdisches „Siedlungsgebiet“, als Schaufenster der Machthaber, um den Holocaust vor der Welt zu verleugnen. Aus dieser Lüge wiederum folgt der dritte Aspekt, die einzigartige Zusammensetzung der Häftlingsgemeinschaft, denn in das vermeintliche Vorzugslager wurde der Großteil der jüdischen Künstlerelite Europas deportiert. Die auf dem natürlichen Bedürfnis des Kulturmenschen basierende Reaktion der Häftlinge auf diese Konstellation war die Entwicklung einer Art bewachten Eigenlebens innerhalb des Lagers mit einer ausgeprägten künstlerischen und intellektuellen Aktivität. Hinter allem stand jedoch die Holocaust-Realität Theresienstadts: Hunger, Angst, harte Arbeit, Krankheit, Deportation und Tod. Die meisten Opfer endeten in den Gaskammern von Auschwitz. Das ist der Kontrast Theresienstadts, der die Rezeption in einzigartiger Weise beeinflusst hat. So stehen wir heute vor der Frage: Entwickelt sich das Geschichtsbild Theresienstadts unbeabsichtigt in Richtung eines kulturell bestimmten Ortes oder wie einige Stimmen behaupten, sogar in Richtung eines „Kulturlagers“? Um diese Frage beantworten und gleichzeitig die daraus resultierenden Gefahren aufzeigen zu können, muss das Phänomen der Stilisierung des historischen Ortes Theresienstadt von der Vergangenheit bis heute aufgeschlüsselt werden – und das in allen Bereichen der Geschichtskonstruktion. Die vorliegende Analyse erstreckt sich folglich von der Forschung bis in alle Bereiche der Erinnerungskultur, denn nur so lässt sich ein ganzheitlicher Eindruck gewinnen und umfassend für die Problematik sensibilisieren. Die Adaption kultureller Momente und Dokumente findet innerhalb der Analyse besondere Berücksichtigung, denn an ihnen lässt sich anschaulich die damalige Bedeutung des kulturellen Lebens für die Häftlinge und auch für die Machthaber ablesen, sowie deren Bedeutung für die Vermittlung von Geschichte. Ob als Mittel des Widerstandes, als Täuschungsinstrument, als Zeitdokument oder als Kunstwerk – anhand der vorliegenden Analyse zeigt sich, wie vielfältig die Theresienstädter Kultur, und damit ist im Wesentlichen die dortige „Hochkultur“ gemeint, in die Rezeption eingebunden wird und welch anschauliche und emotionale Einblicke sie uns in die Geschichte gibt. Gleichzeitig kristallisiert sich heraus, inwiefern eine konstante Betonung von Kultur andere Aspekte, mitunter auch die Holocaustrealität selbst, ein Stück weit in den Hintergrund treten lässt. Die Stilisierung Theresienstadts: Ein ungewolltes Phänomen, das durchaus seine geschichtliche Berechtigung hat – im Hinblick zum Beispiel auf das Gedankengut von Holocaustleugnern aber in seinen Entstehungsmechanismen stets erklärt, verstanden und berücksichtigt werden sollte. Unter dieser Voraussetzung kann die Würdigung und Einbindung der bis heute faszinierenden kulturellen Leistung der Theresienstädter Häftlinge gefahrlos erfolgen.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2011.0618