Der Gesundheitsbegriff des Jedermanns: Studien zum Wandel des Gesundheitsbegriffs anhand der deutschen Literatur vom Mittelalter bis heute

Diese Arbeit entstand im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studienprojekts zur Frage „Gesundheit als Determinante von Lebensqualität“. Es galt heraus¬zu¬arbeiten, was Gesundheit nicht für Medizinphilosophen und Soziologen, sondern für denjenigen bedeutet, den sie unmi...

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Main Author: Franck, Annette
Contributors: Aumüller, Gerhard (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Doctoral Thesis
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2007
Subjects:
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Description
Summary:Diese Arbeit entstand im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studienprojekts zur Frage „Gesundheit als Determinante von Lebensqualität“. Es galt heraus¬zu¬arbeiten, was Gesundheit nicht für Medizinphilosophen und Soziologen, sondern für denjenigen bedeutet, den sie unmittelbar, an Leib und Seele spürbar betrifft, den Menschen. In den einleitenden Kapiteln wurde vorerst der Begriff „Gesundheit“ unter etymologischen und sprachgeschichtlichen Gesichtspunkten untersucht. Da der Glaube, die Religion als eine das Gesundheitsverständnis prägende Gegebenheit erscheint, lohnte anschließend eine Gegenüberstellung der die Gesundheit betreffenden Aussagen in jüdischen, buddhistischen und christlichen Schriften. Im Anschluß daran wurden einige kulturanthropologisch-hermeneutische Ansätze zur Definition der Begriffe Gesundheit und Krankheit referiert, die jedoch kaum über die Formulierung dieser Dichotomie hinausgelangen: Zu Wort kommen Thure von Uexküll, Karl Jaspers, Hans-Georg Gadamer und schließlich Aaron Antonovsky. In der Medizinphilosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lassen sich zwei „Schulen“ herausarbeiten: Die reduktionistische Sichtweise Christopher Boorses betrachtet die Gesundheit als Erfüllung einer statistischen Norm, als Funktion mit dem Ziel Überleben und Reproduktion. Lennart Nordenfelt hält dem seinen holistischen Ansatz entgegen, der eine Person als gesund ansieht, wenn sie unter Standardbedingungen in ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Rahmen fähig ist, diejenigen selbstgesteckten Ziele zu erreichen, die zur Erlangung eines Minimums an Glück notwendig und zusammengenommen ausreichend sind. Gesundheit ist bei Nordenfelt also weder ein Zustand, noch ein Prozeß, sondern eine Fähigkeit. Im Anschluß an diese einleitenden Kapitel wurde dem Gesundheitsbegriff in sechs Beispielen der deutschen Literatur vom Mittelalter bis heute nachgespürt, denen der jeweilige politische, literaturwissenschaftliche und medizinhistorische Kontext vorangestellt wurde. Im Mittelalter war Gesundheit noch ein Gottesgeschenk, Heilung eine Gnade, Krankheit die Strafe für ein gottloses Leben. Auch der „Arme Heinrich“ Hartmann von Aues interpretiert seine Erkrankung und Heilung vor diesem Hintergrund. Die „Courasche“ Grimmelshausens ist geprägt durch das Grauen des Dreißigjährigen Krieges. Der Tod rückt in der Zeit des Barock mitten ins Leben, das „memento mori“ ist allgegenwärtig und nimmt auch der Krankheit ihren Schrecken. Kaum anders ist es in der Romantik: Krankheit und Tod sind durch die großen Pest-Epidemien noch immer alltäglich. Dennoch erhalten sie hier eine neue Dramatik, fast eine Veredelung. Das Gesunde wird profan und langweilig, Krankheit hingegen adelt. Die Klassik und der Realismus mit ihren naturwissenschaftlichen Erfolgen prägen ein anderes Medizinverständnis: Krankheiten sind besiegbar, doch der Tod wird dadurch zum Scheitern, zur Katastrophe. Die erkrankte Elsi in Storms Novelle „Ein Bekenntnis“ hängt noch dem Konzept der vorhergehenden Jahrhunderte an und fügt sich fatalistisch in ihr Schicksal, den Arzt Jebe hingegen stürzt die Erkenntnis seiner ungeahnten Machtlosigkeit in eine Krise. Der Protagonist der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Erzählung Uwe Johnsons, Karsch, verleugnet seine Krankheit; sie paßt nicht in sein Konzept, bewußt entscheidet er sich ein ums andere Mal gegen eine Behandlung: er ist Anhänger des „selfmade-Glaubens“, der sich in seinem Fall in einem rücksichtslosen Raubbau mit seiner Gesundheit als eines persönlichen Eigentums äußert. Auch für die Redakteurin Andrea aus Kopetzkys Erzählung „Die Sprache der Liebe“ aus dem Jahr 2005 ist Gesundheit inklusive der medizinisch unterstützten Reproduktionsfähigkeit ein persönliches Verdienst, mehr noch, nahezu ein Rechtsanspruch. Im drohenden Scheitern ihres Planes finden sich in ihren Äußerungen jedoch auch Aspekte des Schöpfungs- und Moralitätsglaubens. An den doch so weit gesteckten Grenzen der modernen Medizin, an denen (scheinbar) planlose Willkür und unparteiisches Schicksal das Zepter in die Hand nehmen, bedient sich die zeitgenössische Protagonistin derselben Erklärungsmuster wie die Erkrankten der übrigen Literaturbeispiele. Durch die Analyse belletristischer Werke verschiedener Epochen im Hinblick auf das Gesundheitsverständnis der jeweiligen Protagonisten wird deutlich, daß eine Definition und Bewertung von Gesundheit losgelöst von spezifischen medizingeschichtlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen nicht gelingen kann.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2007.0285