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Titel:Evaluation der größten Follow-Up-II-Einrichtung des Neugeborenen-Hörscreenings in Mittel- und Nordhessen
Autor:Fink, Nicola Maria
Weitere Beteiligte: Hey, Christiane (Prof. Dr. med. Dr. med. habil., MHBA)
Veröffentlicht:2022
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2022/0162
DOI: https://doi.org/10.17192/z2022.0162
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2022-01620
DDC:610 Medizin
Publikationsdatum:2022-04-28
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
Hörstörung, Neugeborenes, Neugeborenen-Hörscreening, pädaudiologische Konfirmationsdiagnostik, Follow-Up, hearing impairment, Evaluation, newborn hearing screening, Hören, Screening, pediatric audiological confirmation diagnosis, follow-up

Zusammenfassung:
Die frühzeitige Diagnose und Versorgung einer angeborenen Hörstörung ist von hoher Bedeutung. Dies soll mit dem Neugeborenen-Hörscreening, welches in Deutschland zum 01.01.2009 flächendeckend und verpflichtend eingeführt wurde, gewährleistet werden. Eine erste Evaluation des Neugeborenen-Hörscreenings für den Zeitraum 2011/2012, die im Auftrag des Gemeinsamen Bundesauschusses erstellt wurde, bezeichnet die Umsetzung des Neugeborenen-Hörscreenings in Deutschland als erfolgreich. Doch das Screening-Programm ist nur so gut, wie das einem auffälligen Erstscreening folgende Follow-Up-I und -II. Während die Prozess-, Struktur- und Ergebnisqualität insbesondere der Geburtseinrichtungen und der Screening-Zentralen ausgiebig evaluiert wurden, findet sich eine solche Evaluation für eine Follow-Up-II- Einrichtung kaum. Aus diesem Grund analysiert die vorliegende Studie, inwieweit die größte Follow-Up-II-Einrichtung Mittel- und Nordhessens, die Pädaudiologie des Universitätsklinikums Marburg, vor dem Hintergrund der Nachfragesteigerung die vom Gemeinsamen Bundesausschuss definierten Zielvorgaben einhalten konnte. Zur Evaluation der Follow-Up-II-Einrichtung wurden die Daten von 2.705 Neugeborenen, die sich im Rahmen des Neugeborenen-Hörscreenings von 2009 bis 2016 in der Pädaudiologie Marburg vorstellten, erfasst. Analysiert wurden unter anderem neben Erstvorstellungs-, Diagnose- und bei Vorliegen einer permanenten Hörstörung Versorgungsalter auch der Vorstellungsgrund bzw. die abschließende Diagnose als mögliche Einflussfaktoren. Des Weiteren erfolgte die Auswertung der prozentualen Häufigkeit der permanent hörgestörten Neugeborenen, die innerhalb der ersten drei Lebensmonate diagnostiziert bzw. innerhalb der ersten sechs Lebensmonate versorgt wurden. Zudem wurde der Effekt der bei zunehmender Nachfrage erfolgten Sprechstundenumstrukturierung auf die Prozessqualität und damit auf das Gesamtergebnis des Neugeborenen-Hörscreenings der Follow-Up-II-Einrichtung geprüft. Von 2009 bis 2016 stiegen die jährlichen Patientenzahlen in der Follow-Up-II-Einrichtung deutlich um 91,4%. Insgesamt lag das Erstvorstellungsalter von 2009 bis 2016 im Median bei 5,6 Wochen, das Diagnosealter bei 6,3 Wochen. Erstvorstellungs- und Diagnosealter erwiesen sich als abhängig vom Vorstellungsgrund und der Diagnose. Hierbei wurden Erstscreening-Neugeborene signifikant früher vorgestellt als Follow-Up- bzw. Risikofaktoren-Neugeborene (Median 4,6 versus 5,3 bzw. 8,0 Wochen; p < 0,001). Neugeborene mit einer peripheren Normakusis wurden signifikant früher vorgestellt und diagnostiziert als solche mit einer permanenten bzw. einer passageren Hörstörung (Median des Erstvorstellungsalters: 5,4 versus 6,1 bzw. 7,6 Wochen; p < 0,01 bzw. p < 0,001; Median des Diagnosealters: 5,9 versus 11,4 bzw. 23,1 Wochen; p < 0,001). Das Versorgungsalter permanent hörgestörter Neugeborener lag von 2009 bis 2016 bei im Median 14,1 Wochen. Bei 60% der permanent hörgestörten Neugeborenen gelang die Diagnosesicherung wie gefordert bis Ende des 3. bzw. bei 80,2% eine Versorgung bis Ende des 6. Lebensmonats. Von 2009 bis 2014 stieg das Erstvorstellungsalter bei Follow-Up- und Risikofaktoren- Neugeborenen signifikant. Bei Neugeborenen mit einer peripheren Normakusis und einer permanenten Hörstörung stiegen sowohl Erstvorstellungs- als auch Diagnosealter signifikant, bei passager hörgestörten Neugeborenen zumindest numerisch. Diese Parameter konnten dank der Umstrukturierungsmaßnahmen der Sprechstunde des Neugeborenen-Hörscreenings bis 2016 überwiegend wieder signifikant gesenkt werden. Die Nachfragesteigerung an Untersuchungen in der Follow-Up-II-Einrichtung nach Einführung des Neugeborenen-Hörscreenings war im untersuchten Zeitraum von 2009 bis 2016 immens. Die Abhängigkeit des Erstvorstellungs- und Diagnosealters vom Vorstellungsgrund bzw. der gesicherten Diagnose deckt hierbei die Notwendigkeit weiterer Optimierung des gesamten Neugeborenen-Hörscreenings-Prozesses auf. Vor allem sollte die Anbindung aller Neugeborenen an eine Follow-Up-II-Einrichtung zukünftig früher erfolgen, so wie tatsächlich auch vom Gemeinsamen Bundesauschuss gefordert. Diese frühzeitige Anbindung ermöglicht erst das, was schlussendlich mit dem flächendeckenden und verpflichtenden Neugeborenen-Hörscreening bezweckt werden soll: Die frühzeitige Detektion und Versorgung einer angeborenen Hörstörung. In der hier untersuchten Follow-Up-II-Einrichtung wurde die Follow-Up-II-Untersuchung des Neugeborenen-Hörscreenings effektiv und effizient umgesetzt mit durchweg besseren Ergebnissen der zentralen Zielparameter im nationalen und internationalen Vergleich. Trotz deutlicher Nachfragesteigerung bei gleichbleibenden Ressourcen konnte vielen Neugeborenen eine hochwertige pädaudiologische Versorgung angeboten werden. Das diagnostische Vorgehen in der hier untersuchten Follow-Up-II-Einrichtung ist damit ein gutes Vorbild dafür, wie trotz steigender Nachfrage die Qualität des Neugeborenen-Hörscreenings inklusive Follow-Up erhalten und eine effektive wie effiziente Umsetzung des Screening-Programmes erzielt werden kann.

Summary:
The early diagnosis and treatment of a congenital hearing impairment is of great importance. This should be ensured with the newborn hearing screening, which was implemented compulsorily and nationwide in Germany on January 1, 2009. An initial evaluation of newborn hearing screening in Germany for the years 2011/2012 describes the implementation of the program to be successful. However, the success of the screening program is closely related to the performance of the Follow-Up-I and -II following a conspicuous initial screening. While the quality of processes, structures and outcomes, especially of maternity facilities and screening centers, has been extensively evaluated, there is hardly any such evaluation for a Follow-Up-II facility. For this reason, the present study analyzes to what extent the largest Follow-Up-II facility in central and northern Hessen, the pediatric audiology department of the University Hospital of Marburg, was able to meet the targets defined by the “Gemeinsamer Bundesausschuss” against the background of an increase in demand. For the evaluation of the Follow-Up-II facility, the data of 2.705 newborns who were presented to the department in the context of newborn hearing screening from 2009 to 2016 were collected. The reasons for presentation and the final diagnosis were analyzed as possible influencing factors. In addition, the age at first presentation, the age of diagnosis and, in case of a permanent hearing impairment, the age of treatment were evaluated. Furthermore, the proportion of permanently hearing-impaired newborns diagnosed within the first three months of life and treated within the first six months of life was evaluated. Additionally, the effects of the department restructuring – carried out due to increasing patient numbers – on process quality and thus on the overall outcome of newborn hearing screening in the Follow-Up-II facility were examined. From 2009 to 2016, the annual patient numbers at the Follow-Up-II facility increased significantly by 91.4%. Overall, from 2009 to 2016, the median age at first presentation was 5.6 weeks, the median age at diagnosis 6.3 weeks. Initial age at presentation and diagnosis were found to be dependent on presentation reason and diagnosis. Here, newborns with an initial screening were presented significantly earlier than those with a follow-up or risk factors (median 4.6 versus 5.3 and 8.0 weeks, respectively; p < 0.001). At the same time, newborns with normal hearing were presented and diagnosed significantly earlier than those with permanent or transient hearing impairment, respectively (median age at initial presentation: 5.4 versus 6.1 and 7.6 weeks, respectively; p < 0.01 and p < 0.001, respectively; median age at diagnosis: 5.9 versus 11.4 and 23.1 weeks, respectively; p < 0.001). From 2009 to 2016, the age at treatment of permanently hearing-impaired newborns was 14.1 weeks (median). In 60% of the permanently hearing-impaired newborns, the diagnosis was confirmed by the end of the third month of life as required, and in 80.2%, treatment was provided by the end of the sixth month of life. From 2009 to 2014, the age at first presentation increased significantly for newborns with follow-up and risk factors. At the same time, the age at first presentation and at diagnosis increased significantly in newborns with normal hearing and permanent hearing loss and increased at least numerically in transient hearing-impaired newborns. These parameters were most significantly reduced again by 2016 due to the restructuring measures of the department in 2015. From 2009 to 2016, the increase of patient numbers at the Follow-Up-II facility after the implementation of newborn hearing screening was immense. The dependence of the age at first presentation and diagnosis on the reason for presentation or confirmed diagnosis reveals the need for further optimization of the entire newborn hearing screening process. Above all, the admission of newborns to a Follow-Up-II facility should take place earlier. This early admission is what ultimately makes possible what the nationwide and mandatory newborn hearing screening intends to achieve: The early detection and treatment of a congenital hearing impairment. However, in the Follow-Up-II facility studied here, the Follow-Up-II of newborn hearing screening was implemented effectively and efficiently with consistently better results of key target parameters than national and international comparisons. Despite a significant increase in patient numbers with no change in resources, it was thus possible to provide high-quality pediatric audiology care to many newborns. The diagnostic procedure in this Follow-Up-II facility is therefore a good example of how the quality of newborn hearing screening, including Follow-Up, can be maintained despite increasing demand, and how an effective and efficient implementation of the screening program can be achieved.


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