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Titel:Wie lässt sich die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Traumafolgestörungen verbessern? Ansatzpunkte zur Reduktion der Science-Practitioner-Gap
Autor:Szota, Katharina
Weitere Beteiligte: Christiansen, Hanna (Prof. Dr.)
Veröffentlicht:2022
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2022/0095
DOI: https://doi.org/10.17192/z2022.0095
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2022-00952
DDC: Psychologie
Publikationsdatum:2022-04-28
Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0

Dokument

Schlagwörter:
implementation, Evidenzbasierte Psychotherapie, Evidence-based psychotherapy, Jugendliche, Kinder und Jugendliche, Implementation, children and adolescents, Posttraumatische Belastungsstörung, Psychotherapie, Trauma, post-traumatic stress disorder, Implementation, Kinder

Zusammenfassung:
Psychische Störungen, die infolge traumatischer Ereignisse auftreten, sogenannte Traumafolgestörungen, betreffen viele Kinder und Jugendliche in Deutschland und gehen mit einer starken Beeinträchtigung der Betroffenen sowie ihrer Familien einher. Zugleich erhält nur ein geringer Anteil der betroffenen Kinder und Jugendlichen in Deutschland eine evidenzbasierte Psychotherapie (EBP). Die Identifikation und Behandlung von Traumafolgestörungen ist mit einigen Herausforderungen aufseiten der Psychotherapeut:innen verbunden. Diese betreffen unter anderem ihr Wissen, ihr Kompetenzerleben sowie ihre Einstellungen gegenüber EBP, einschließlich Befürchtungen bei der Durchführung einer solchen. In dieser kumulativen Dissertationsschrift werden fünf Studien vorgestellt, die sich mit Ansatzpunkten zur Verbesserung der Dissemination und Implementation evidenzbasierter Behandlungen von Traumafolgestörungen auseinandersetzen. Sie erlauben erste Schlussfolgerungen, wie sich die Versorgung von betroffenen Kindern und Jugendlichen verbessern lässt. Die erste Publikation bietet basierend auf einer systematischen Literaturrecherche einen Überblick über die aktuelle Forschungslage zur Sexualentwicklung von Kindern und Jugendlichen mit sexuellen Gewalterfahrungen. Insgesamt wurden 127 Studien mit Kindern und Jugendlichen zwischen 2 und 21 Jahren eingeschlossen, die von 1985 bis 2019 publiziert wurden. Sie untersuchen acht Bereiche der Sexualität: Sexuelles Risikoverhalten (k = 58), Teenagerschwangerschaften (k = 30), Sexualstraftaten (k = 26), Überzeugungen und emotionale Reaktionen in Bezug auf Sex (k = 17), sexuelle Verhaltensauffälligkeiten (k = 16), sexuell übertragbare Krankheiten (k = 11), Prostitution (k = 5) und körperliche Symptome (k = 3). Die Studienlage ist insgesamt nicht konsistent und es besteht weiterer Forschungsbedarf. Im Hinblick auf sexuelles Risikoverhalten, Teenagerschwangerschaften und Sexualstraftaten lässt sich sexuelle Gewalt als Risikofaktor identifizieren. Die zweite Publikation untersucht den Einfluss sexueller Gewalterfahrungen auf das sexuelle Risikoverhalten von Kindern und Jugendlichen. Die Metaanalyse umfasst 19 Studien mit Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren. Der durchschnittliche Anteil weiblicher Teilnehmerinnen der Studien liegt bei 77.4 %. Betroffene von sexueller Gewalt weisen ein erhöhtes Risiko für Teenagerschwangerschaften (k = 10), eine größere Anzahl von Sexualpartner:innen (k = 5) und die Beteiligung an Prostitution (k = 3) auf. Kein Gruppenunterschied zeigt sich hinsichtlich des Alkohol- und Drogenkonsums während des Geschlechtsverkehrs (k = 4) und der Kondomnutzung (k = 4). Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass sich bereits im Kindes- und Jugendalter ungünstige Auswirkungen sexueller Gewalterfahrungen auf einige Formen sexuellen Risikoverhaltens zeigen. Die dritte Publikation befasst sich mit der Effektivität von psychotherapeutischen Interventionen für Kinder und Jugendliche mit Traumafolgestörungen, die Bezugspersonen in die Behandlung einbinden. Die Metaanalyse zielt auf die Identifikation von Moderatoren für die Effektivität von Interventionen mit Bezugspersonen. Potenzielle Moderatoren waren das Alter und Geschlecht, die Symptomatik und Symptomausprägung der Kinder und Jugendlichen, die Art des traumatischen Ereignisses, die Intensität und das Setting der Einbindung von Bezugspersonen sowie die Beziehung der Bezugspersonen zu den Kindern und ihre eigene Psychopathologie. Auf Grundlage einer systematischen Literaturrecherche wurden 44 Artikel eingeschlossen, die 19 unterschiedliche Interventionen mit 3 845 Kindern und Jugendlichen zwischen 1 und 18 Jahren untersuchen. In die quantitative Analyse wurden k = 33 Studien eingeschlossen. Es zeigt sich eine größere Effektivität von Interventionen mit Bezugspersonen verglichen mit Kontrollbedingungen für Symptome von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen und Angststörungen im Selbstbericht sowie internalisierende Symptome im Elternbericht. Zwölf Monate nach Beendigung der Behandlung findet sich nur für selbstberichtete PTBS-Symptome eine signifikante Effektstärke. Aufgrund fehlender Angaben können nicht alle potenziellen Moderatoren untersucht werden. Für einzelne Symptombereiche begünstigt eine größere Anzahl Studienteilnehmender mit weiblichem Geschlecht (PTBS und internalisierende Symptome) und erfüllten Diagnosekriterien (selbstberichtete PTBS, depressive und Angstsymptome) größere Effektstärken zugunsten der Interventionen mit Bezugspersonen. Die vierte Publikation untersucht die Rolle des therapeutischen Kompetenzerlebens im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit Gewalterfahrungen und Traumafolgestörungen für das konfrontative Vorgehen, die Einbindung von Bezugspersonen in die Behandlung, die Belastung durch eine sekundäre Traumaexposition und das Interesse an Fortbildungen. Hindernisse einer routinemäßigen Traumaexploration und einer Inanspruchnahme von Fortbildungen werden in der Online-Umfrage zusätzlich erfragt. Insgesamt wurden 323 Psychotherapeut:innen und Psychiater:innen für Kinder und Jugendliche rekrutiert. Über eine abgeschlossene Approbation verfügen 61.3 % der Teilnehmenden und 46.9 % dieser approbierten Fachkräfte haben zusätzlich eine traumaspezifische Qualifikation absolviert. Das Kompetenzerleben ist positiv mit einem konfrontativen Vorgehen und der Einbindung von Bezugspersonen in die Behandlung und negativ mit der beruflichen Belastung assoziiert. Zu dem Fortbildungsinteresse zeigt sich kein signifikanter Zusammenhang. Organisatorische Aspekte wurden am häufigsten als Barrieren der Inanspruchnahme von Fortbildungen genannt. Unter den meistgenannten Hindernissen einer routinemäßigen Exploration von Gewalterfahrungen und Traumafolgestörungen waren Befürchtungen einer Suggestion und einer Belastung der Kinder und Jugendlichen. Die fünfte Publikation stellt die Übersetzung und psychometrische Untersuchung der Evidence-based Practice Attitude Scale (EBPAS-36, deutsche Version: EBPAS-36D) dar. Zudem wird die Faktorenstruktur des Originalverfahrens überprüft und mit zwei Faktorenstrukturen zweiter Ordnung verglichen. Die prädiktive Validität der EBPAS-36D zur Vorhersage der Intention zum Einsatz von EBP wird erfasst. Zusammenhänge zu soziodemografischen sowie beruflichen Daten und dem Implementationsklima der Organisation bzw. des Gesundheitssystems werden untersucht. Die Angaben von 599 ärztlichen und psychologischen Psychotherapeut:innen für Erwachsene und für Kinder und Jugendliche wurden analysiert. Die psychometrischen Eigenschaften der EBPAS-36D sind zufriedenstellend. Die Reliabilität der Gesamtskala beträgt α = .89, die der 12 Subskalen liegt zwischen α = .65 und α = .89. Die Faktorenstruktur des Originalverfahrens lässt sich in der deutschen Stichprobe replizieren. Die Faktorenstrukturen zweiter Ordnung weisen einen noch besseren Modellfit auf. Die EBPAS-36D erlaubt die Vorhersage der Intention zum Einsatz von EBP über das Alter, Geschlecht und die Arbeit in der Wissenschaft hinaus. Teilnehmende weiblichen Geschlechts, jüngeren Alters, in Ausbildung und in Organisationen mit positivem Implementationsklima berichten positivere Einstellungen gegenüber EBP. Es zeigt sich kein Zusammenhang der Einstellungen gegenüber EBP zum Implementationsklima des Abrechnungs- und Gesundheitssystems.

Summary:
Trauma disorders affect many children and adolescents in Germany and are accompanied by severe impairment of the affected individuals as well as their families. Only a small proportion of affected children and adolescents in Germany receive evidence-based psychotherapy. The identification and treatment of trauma disorders is associated with several challenges on the side of psychotherapists concerning their knowledge, perceived competence, as well as attitudes towards evidence-based psychotherapy, including apprehensions about conducting such a therapy. This PhD thesis presents five studies that address starting points for improving the dissemination and implementation of evidence-based psychotherapy for trauma disorders. Together, they allow conclusions on how to improve mental health care for affected children and adolescents in Germany. Based on a systematic literature review, the first publication provides an overview of the current research on sexual development in children and adolescents who have experienced sexual violence. A total of 127 studies with children and adolescents aged two to 21 years published from 1985 to 2019 were included. They examined eight domains of sexuality: sexual risk behaviors (k = 58), teenage pregnancy (k = 30), sexual offenses (k = 26), beliefs and emotional reactions regarding sex (k = 17), sexual behavior problems (k = 16), sexual transmitted diseases (k = 11), prostitution (k = 5), and physical symptoms (k = 3). Overall, the study evidence is inconsistent and further research is needed. Sexual violence can be identified as a risk factor for sexual risk behavior, teenage pregnancy, and sexual offenses. The second publication examines the impact of sexual violence on sexual risk behavior in children and adolescents. The meta-analysis included 19 studies with children and adolescents between the ages of ten and 19 years. The average proportion of female participants was 77.4 %. Those affected by sexual violence were found to be at increased risk for teenage pregnancy (k = 10), greater number of sexual partners (k = 5), and involvement in prostitution (k = 3). No group difference was evident with respect to alcohol and drug use during sexual intercourse (k = 4) or with respect to condom use (k = 4). The assumption that unfavorable effects of sexual violence on some forms of sexual risk behavior are already evident in childhood and adolescence is supported. The third publication addresses the effectiveness of caregiver-involving interventions for children and adolescents with trauma disorders. The meta-analysis aimed to identify moderators of this effectiveness. Potential moderators were age and gender, symptomatology and symptom severity of the children and adolescents, the type of traumatic event, the intensity and setting of caregiver involvement, the caregivers' relationship with the children and their psychopathology. Based on a systematic literature search, 44 articles were included that examined 19 different interventions with 3 845 children and adolescents aged one to 18 years. In the quantitative analysis, k = 33 studies were included. Greater effectiveness of interventions with caregivers compared to control conditions is found for PTSD, depressive and anxiety symptoms in self-report, and internalizing symptoms in parent-report. At twelve-month post-treatment, a significant effect size is found for self-reported PTSD symptoms. A larger number of participants with female gender and fulfilled diagnostic criteria results in larger effect sizes. The fourth publication examines the role of the perceived therapeutic competence regarding trauma disorders for therapists’ confrontational approach, involvement of caregivers in treatments, secondary traumatic stress and interest in further training. Barriers to routine trauma exploration and continuing education were explored. A total of 323 psychotherapists were recruited for the online survey. 61.3 % had a completed license to practice and 46.9 % of these had a trauma-specific qualification. The perceived competence is positively associated with a confrontational approach and the involvement of caregivers and negatively associated with secondary traumatic stress. Organizational aspects are frequently considered as barriers to continuing education. Fears of suggestion and of causing distress are among the most frequently mentioned barriers to routine trauma exploration. The fifth publication addresses the German translation and psychometric investigation of the EBPAS-36. Model fit of the original scale’s factor structure was reviewed and compared with two second-order factor structures. Associations with sociodemographic and occupational data as well as organizational/health system implementation climate were examined. Data from 599 psychotherapists were analyzed. The psychometric properties of the EBPAS-36D are satisfactory. The reliability of the total scale is α = .89, that of the twelve subscales ranges from α = .65 to α = .89. Model fit of the original scale’s factor structure is acceptable, fits of the second-order factor structures are even better. The EBPAS-36D allows the prediction of the intention to use EBP beyond age, gender, and working in science. More positive attitudes are reported by participants of female gender, younger age, in training and in organizations with more positive implementation climates. No relationship is found regarding the health care system’s climate.


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