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Titel:Lehren und/oder forschen? Lernprozesse in der Promotionsphase in organisationspädagogischer Perspektive
Autor:Teichmann, Franziska
Weitere Beteiligte: Weber, Susanne Maria (Prof. Dr.)
Veröffentlicht:2021
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2022/0063
DOI: https://doi.org/10.17192/z2022.0063
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2022-00630
DDC:370 Erziehung, Schul- und Bildungswesen
Publikationsdatum:2022-02-03
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
Hochschulforschung, Higher education research, Organisationspädagogik, Promotionsphase, organizational pedagogy, außeruniversitäre Forschungseinrichtung, university, Universität, doctoral phase, non-university research instituts, theory of practice, Praxistheorie

Zusammenfassung:
Lehre und Forschung sind Kernaufgaben an Universitäten. In ein Verhältnis zueinander gesetzt werden sie eng verbunden mit der Idee der Universität als Einheit von Lehre und Forschung. Doch diese Idee selbst, ihre Zuschreibung zu Wilhelm von Humboldt und ihre Realisierung in Universitäten in Deutschland wurden bereits vielfach als Mythos entlarvt. Im Wissenschaftssystem, in der Universität, ihrem Personal und außeruniversitären Forschungseinrichtungen können horizontale und vertikale Differenzierungsprozesse entlang von Lehre und Forschung ausgemacht werden. Für die Institution Universität finden sich zudem Beschreibungen, die sie auf dem Weg der Organisationswerdung sehen, womit zahlreiche Veränderungen in Lehre und Forschung in Zusammenhang gebracht werden. Neben jener Perspektive auf Lehre und Forschung auf Ebene der Wissenschaftseinrichtungen werden in organisationspädagogischer Perspektive Lernprozesse auch bei den Lehrenden und Forschenden in den Blick genommen. Die Universität ist nicht nur ein Ort, an dem Forschung betrieben wird und Studierende lernen, sondern ebenso ein Ort, an dem Wissenschaftler*innen lernen, wie sich Forschen und Lehren zueinander in ihrer Wissenschaftsorganisation verhalten bzw. in welches Verhältnis sie gebracht werden können und vielleicht auch sollten. Jene Lernprozesse werden als Zusammenwirken zwischen organisationalen Strukturen und institutionalisierten Strukturen der Wissenschaft sowie Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsstrukturen verstanden. Wie wirken also jene Prozesse der Differenzierung oder Bekenntnisse zur Einheit von Lehre und Forschung zusammen in der Alltagspraxis der Wissenschaftler*innen? Wie vollziehen sich Differenzierungsprozesse entlang von Forschung und Lehre bei Wissenschaftler*innen in der Qualifizierungsphase, die durch Prozesse der Inkorporierung im Alltag Teil des wissenschaftlichen Feldes werden? Wie lernen jene Wissenschaftler*innen in ihrer Promotionsphase Lehrende und/oder Forschende zu sein und wie entwickeln sie ein Selbstverständnis als solche? Jenen Fragen wird in einer organisationspädagogischen und praxistheoretischen Perspektive in Anlehnung an Pierre Bourdieus Instrumentarium nachgegangen. Der empirische Zugang zu den Herstellungsweisen von Verhältnissen zwischen Lehre und Forschung erfolgt mit einem rekonstruktiven Ansatz in Anlehnung an die dokumentarische Methode. Analysiert werden Interviews mit Wissenschaftler*innen in der Qualifizierungsphase und Promotionsbetreuer*innen sowie Gruppendiskussionen. Es werden Wissenschaftler*innen befragt, die in der Qualifizierungsphase an Universitäten oder außeruniversitären Forschungseinrichtungen beschäftigt waren, sodass unterschiedliche organisationale Kontexte in die Analyse einbezogen und kontrastiert werden. Es werden zum einen Arbeitsbereiche an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen als institutionalisierte Kontexte der Strukturierung von Verhältnissen zwischen Forschung und Lehre rekonstruiert. Zum anderen werden Selbstverständnisse von Wissenschaftler*innen in der Qualifizierungsphase als Lehrende und/oder Forschende sowie deren Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster rekonstruiert. Als Zusammenspiel beider Strukturen werden fünf zentrale Themen herausgearbeitet, die Dimensionen des Erlernens von Lehre und Forschung als angeordnete Strukturen zeigen. Diese Dimensionen sind: Der Sprung ins kalte Wasser: Lehre und Forschung zwischen Struktur und Freiheit; Sinnsuche in Lehre und Forschung; forschungsorientierte Lehre, lehrorientierte Forschung und Lernorientierung in Lehre und Forschung; Anordnung von Lehre und Forschung als Verortung in Wissenschaftsorganisationen und der scientific community; Ermöglichende und begrenzende Strukturen von Lehre und Forschung für ‚Fremde‘ im Feld und Produktion von Fremdheit. Die Arbeit schließt in organisationspädagogischer Perspektive mit Ableitungen für die Gestaltung von Lernprozessen für Wissenschaftler*innen in der Qualifizierungsphase an Wissenschaftsorganisationen.

Summary:
Teaching and research are core tasks at universities. They are closely related to the idea of the university as a unity of teaching and research or education through science. However, this idea itself, its attribution to Wilhelm von Humboldt and its realization in universities in Germany have already been exposed as a myth many times. In the science system, in the university, its staff and non-university research institutions, horizontal and vertical processes of differentiation along the lines of teaching and research can be identified. For the university as an institution, there are also descriptions that see it on the way to becoming an organization, with which numerous changes in teaching and research are associated. In addition to the perspective on teaching and research at the level of academic institutions, organizational pedagogical perspectives also focus on learning processes among teachers and researchers. The university is not only a place where research is carried out and students learn, but also a place where scientists learn how research and teaching relate to each other in their scientific organization and in which relationship they can be brought together. These learning processes are understood as an interaction between organizational structures and institutionalized structures of science as well as structures of thinking, perception and action. So how do those processes of differentiation or commitments to the unity of teaching and research interact in the everyday practice of scientists? How do processes of differentiation along research and teaching take place among scientists in the qualification phase, who become part of the scientific field through processes of incorporation in everyday life? How do these scientists learn to be teachers and/or researchers in their doctoral phase and how do they develop a self-image as such? These questions will be examined from an organizational pedagogical and practice theoretical perspective based on Pierre Bourdieu's instruments. The empirical approach to the production of relations between teaching and research is carried out with a reconstructive approach based on the documentary method. Interviews with scientists in the qualification phase and doctoral supervisors as well as group discussions will be analyzed. Scientists who were employed at universities or non-university research institutions during the qualification phase will be interviewed, so that different organizational contexts will be included and contrasted in the analysis. On the one hand, work areas at universities and non-university research institutions are reconstructed as institutionalized contexts of the structuring of relationships between research and teaching. On the other hand, self-perceptions of scientists in the qualification phase as teachers and*or researchers as well as their patterns of thinking, perception and action will be reconstructed. As an interplay of both structures, five central themes are elaborated, which clarify dimensions of learning teaching and research as ordered structures. These dimensions are: Jumping in at the deep end: teaching and research between structure and freedom; Searching for meaning in teaching and research; Research-oriented teaching, teaching-oriented research, and learning orientation in teaching and research; Arranging teaching and research as situated in science organizations and the scientific community; Enabling and limiting structures of teaching and research for 'strangers' in the field; and Production of strangeness. The work concludes in an organizational pedagogical perspective with derivations for the design of learning processes for scientists in the qualification phase at science organizations.


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