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Titel:Der Effekt kurzer Gestikübungen auf die Bewertung von konkreten und abstrakten Sätzen bei Patient*innen mit Schizophrenie
Autor:Nonnenmann, Annika
Weitere Beteiligte: Straube, Benjamin (Prof. Dr.)
Veröffentlicht:2021
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2021/0359
DOI: https://doi.org/10.17192/z2021.0359
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2021-03595
DDC: Medizin
Publikationsdatum:2021-11-02
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
Schizophrenie, Gestiktraining, Training, training, gestures, Gestik, koverbale Gestik, speech comprehension, Schizophrenia, Sprachverstehen

Zusammenfassung:
Störungen der Kommunikation stellen ein stabiles Merkmal der Schizophrenie dar. Sowohl Sprache als auch Gestik scheinen in ihrer Produktion und Perzeption (d.h. Verstehen und Interpretation) beeinträchtigt. Dabei wurde vielfach beschrieben, dass es vor allem bei abstrakten (im Vergleich zu konkreten) Inhalten zu Verständnisschwierigkeiten kommt. Medikamentöse und psychotherapeutische Ansätze richten sich bislang hauptsächlich gegen die produktiven Symptome der Schizophrenie, umso wichtiger ist es, das Augenmerk in möglichen Therapieoptionen auch auf die Negativsymptomatik zu legen. Entsprechend sollten erstmals die Effekte einer kurzen Sprach-Gestik- Intervention auf dysfunktionale Sprachverarbeitungsprozesse bei Schizophreniepatient*innen untersucht werden. Methoden Die Studie beinhaltet eine 30-minütige Sprach-Gestik-Intervention, welche mit 30 Schizophreniepatient*innen durchgeführt wurde. Ziel war es, zu explorieren, ob und inwiefern Patient*innen bei der Bearbeitung einer Sprachkategorisierungsaufgabe (Zuordnung eines Satzes zur Kategorie „abstrakt“ oder „konkret“) von koverbal perzipierter und produzierter Gestik profitieren. Dabei wurden als Messinstrument die behavioralen Daten „Reaktionszeit“ und „Richtigkeit“ herangezogen, welche jeweils vor und nach der Intervention erhoben wurden. Durch einen stufenartigen Aufbau der Intervention erhoffen wir uns, den Effekt der koverbalen Gestik auf das Sprachverständnis extrahieren zu können. Ergebnisse Die erhobenen Daten zeigten signifikante interventionsabhängige Effekte auf beide abhängigen Variablen: schnellere Reaktionsgeschwindigkeit abstrakter und konkreter Sätze und mehr richtige Kategorisierungen abstrakter Sätze. Die Effektstärke nahm zumindest nominell bei abstrakten Sätzen (Richtigkeit) sowie bei abstrakten und konkreten Sätzen (Reaktionszeit) graduell mit dem Ausmaß der Intervention (Kontrolle < Sprachperzeption < Sprach-und Gestikperzeption < Sprach-und Gestikperzeption und Produktion) zu. 84 Dies deutet auf einen positiven Effekt von sowohl koverbal perzipierter als auch produzierter Gestik auf das Sprachverständnis hin. Diskussion Die durch die Intervention herbeigeführte Verbesserung konkreter und abstrakter Sätze bezüglich der Reaktionszeit kann im Sinne eines besseren Erinnerungspfades oder eines schnelleren semantischen Zugriffs gedeutet werden. Der interventionsabhängige Effekt abstrakter Sätze hinsichtlich der Zunahme an richtigen Bewertungen legt einen positiven Einfluss koverbaler Gestik auf das Generieren abstrakter Konzepte nahe. Diese Beobachtung ist von besonderer Bedeutung, da bei Patient*innen eine dysfunktionale Integration von abstrakter Gestik beschrieben wurde. Die Daten in unserem Patientenkollektiv deuten jedoch darauf hin, dass Patient*innen dennoch von koverbaler, abstrakter Gestik profitieren und somit die funktionale Verarbeitung abstrakter Konzepte trainiert werden könnte. Der Interventionseffekt wurde für spezifische Sätze beobachtet, die Teil der Sprach-Gestik-Intervention waren. Würde durch die Sprach-Gestik- Intervention ein genereller Mechanismus trainiert werden, müssten die Patient*innen ebenfalls in der Kontrollbedingung Verbesserungen in der Sprachkategorisierungsaufgabe zeigen. Obwohl die Gestik- Interventionsbedingungen nominell die größten Effekte zeigten, kann aus den aktuellen Daten aufgrund fehlender Signifikanzen (bzw. allenfalls Trends) in den Post-hoc-Analysen noch nicht zweifelsfrei geschlossen werden, dass die beobachteten Verbesserungen auf die Perzeption und Produktion koverbaler Gestik zurückzuführen sind. Dies könnte unter anderem an der großen Varianz innerhalb der Stichprobe liegen, weshalb künftige Studien explorieren sollten, ob innerhalb des heterogenen Störungsbildes der Schizophrenie möglicherweise Patient*innen mit bestimmten Symptomkomplexen (wie z.B. sprachassoziierten Defiziten) besonders profitieren könnten. Schlussfolgerung Zusammenfassend konnten wir mit der Durchführung der Studie zeigen, dass bereits eine kurze Sprach-Gestik-Intervention bei Schizophreniepatient*innen die Sprachkategorisierungsleistung verbessern kann, was im Hinblick auf künftige Studien, die zudem neuronale Daten und soziale Auswirkungen berücksichtigen, äußerst vielversprechend erscheint.

Summary:
Communication disorders represent a stable feature of schizophrenia. Both speech and gestures seem to be impaired in their production and perception (i.e., comprehension and interpretation). In this context, it has been described many times that comprehension difficulties occur especially with abstract (compared to concrete) content. Pharmaceutical and psychotherapeutic approaches have so far mainly been directed against the productive symptoms of schizophrenia, which makes it all the more important to focus attention in possible therapy options for negative symptoms as well. Accordingly, the effects of a brief speech- gesture intervention on dysfunctional speech processing in schizophrenia patients should be investigated for the first time. Methods The study included a 30-minute speech-gesture intervention, which was conducted with 30 schizophrenia patients. The aim was to explore whether and to what extent patients benefit from coverbal perceived and produced gestures during the processing of a language categorization task (assignment of a sentence to the category "abstract" or "concrete"). The behavioral data "reaction time" and "correctness", which were collected before and after the intervention, were used as measuring instruments. Through a stage-like design of the intervention, we hope to be able to extract the effect of coverbal gestures on language comprehension. Results The collected data showed significant intervention-dependent effects on both dependent variables: faster reaction time of abstract and concrete sentences and more correct categorizations of abstract sentences. The size of the effect increased, at least nominally, for abstract sentences (correctness) and for abstract and concrete sentences (reaction time) with the extent of the intervention (control < speech perception < speech and gesture perception < speech and gesture perception and production). This suggests a positive effect of both coverbal perceived and produced gestures on language comprehension. 86 Discussion The intervention induced improvement of concrete and abstract sentences in terms of the reaction time can be interpreted in terms of a better memory path or faster semantic access. The intervention-dependent effect of abstract sentences in terms of an increase in correct evaluations suggests a positive influence of coverbal gestures on the generation of abstract concepts. This observation is of particular importance since dysfunctional integration of abstract gestures has been described in patients. However, the data in our patient collective suggest that patients nevertheless benefit from coverbal abstract gestures and thus could be trained to functionally process abstract concepts. The intervention effect was observed for specific sentences that were part of the speech-gesture intervention. If a general mechanism were trained by the speech- gesture intervention, patients should also show improvements in the language categorization task in the control condition. Although the gesture intervention conditions nominally showed the largest effects, it cannot yet be ultimately concluded from the current data that the observed improvements are due to the perception and production of coverbal gestures. This doubt in conclusion is due to a lack of significance (or at most trends) in the post-hoc analysis. This could be due, among other things, to the large variance within the sample, which is why future studies should explore whether, within the heterogeneous disorder pattern of schizophrenia, patients with certain symptom complexes (such as speech-associated deficits) might benefit particularly. Conclusion In summary, by conducting this study, we were able to show that even a brief speech-gesture intervention can improve speech categorization performance in schizophrenia patients, which appears extremely promising in terms of future studies that also consider neural data and social effects.


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