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Titel:Exzessiver Videospielkonsum bei jungen Erwachsenen: Einfluss auf den Schlaf und das deklarative Gedächtnis sowie die Hormone Melatonin und Cortisol
Autor:Hartmann, Miria
Weitere Beteiligte: Koehler, Ulrich (Prof. Dr. )
Veröffentlicht:2021
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2021/0141
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2021-01414
DOI: https://doi.org/10.17192/z2021.0141
DDC: Medizin
Publikationsdatum:2021-02-25
Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

Dokument

Schlagwörter:
board games, Stress, Computer, Cortisol, computer, Hydrocortison, melatonin, Videospiel, Schlaf, Explizites Gedächtnis, Brettspiel, video games, cortisol, Melatonin, sleep, stress, declarative memory

Zusammenfassung:
Einleitung Medien und digitale Spiele spielen eine immer größer werdende Rolle in unserer Gesellschaft. Vor allem Jugendliche benutzen ihr Smartphone und ihren Computer täglich. Eine wichtige Beschäftigung sind Computer- und Konsolenspiele. Der Verkauf von Spielen, oft mit gewaltreichem Inhalt, boomt. Ein großer Teil des Tages wird vor dem Bildschirm verbracht und der Schlaf wird häufig vernachlässigt. Es stellt sich die Frage, was exzessives Videospielen bei den Jugendlichen auslöst. In dieser Studie wurde untersucht, wie sich fünfstündiges Videospielen auf die Schlafeffizienz, das deklarative Gedächtnis, die Hormone Melatonin und Cortisol sowie die Vigilanz und Tagesmüdigkeit am nächsten Morgen auswirkt. Methoden Zwanzig 16-18-jährige, männliche Jugendliche wurden in die Studie eingeschlossen, davon durchliefen 18 die Studie bis zum Ende. Insgesamt verbrachten sie drei Nächte im Schlafmedizinischen Zentrum Marburg. Die erste Nacht war eine Eingewöhnungsnacht. An den zwei anderen Versuchsnächten wurde jeweils fünf Stunden das Computerspiel „Counter Strike - Global Offensive“ oder das Brettspiel „Monopoly“ gespielt. Während des Spielens und in der darauffolgenden Nacht wurde eine Polysomnographie bei jedem Probanden aufgenommen. Es wurde ein Wortlistenlerntest mit einem Abruf der erinnerten Wörter nach dem Stimulus sowie am nächsten Morgen durchgeführt. Außerdem wurden an fünf Zeiträumen (vor dem Spiel, während des Spiels, nach dem Spiel, in der Nacht und am nächsten Morgen) Speichelproben genommen, die auf ihren Melatonin- und Cortisolgehalt geprüft wurden. Am nächsten Morgen wurde für die Bestimmung der Tagesmüdigkeit die Stanford-Schläfrigkeits-Skala ausgefüllt und ein Pupillographischer Schläfrigkeitstest durchgeführt. Zudem durchlief jeder Proband einen langandauernden und monotonen Vigilanztest. Ergebnisse Nach dem Videospielstimulus verringerte sich die Schlafeffizienz signifikant um 3,5 %. Des Weiteren waren die Probanden vermehrt wach im Bett (circa 15,5 Minuten). Zusätzlich gab es längere Leichtschlafphasen des Stadiums N1 und die tieferen Schlafstadien wurden erst später erreicht. Das Ergebnis des Wortlistenlerntests war nach dem Videospiel am nächsten Morgen signifikant schlechter. Durchschnittlich zwei Wörter weniger wurden erinnert. Auch direkt nach dem Videospiel ergab sich eine bedeutsam schlechtere Leistung. Des Weiteren war die Konzentration des schlafunterstützenden Hormons Melatonin bei Beginn der Bettzeit nach dem Videospiel erniedrigt und die Konzentration des Stresshormons Cortisol während des abendlichen Spielens erhöht. Im Bereich des Tagesmüdigkeit und Vigilanz konnte kein Unterschied zwischen der Videospiel- und Brettspielnacht festgestellt werden. Diskussion Exzessives Videospielen hat bei Jugendlichen einen Effekt auf den Schlaf, hier gezeigt durch Veränderung der Schlafeffizienz und der Schlafphasen. Da die Probanden jedoch am nächsten Morgen weder subjektiv noch objektiv müder waren, ist es fraglich, inwieweit die hier gefundenen Ergebnisse für den Alltag der Jugendlichen relevant sind. Ein vorstellbares Szenario ist die Kumulation der genannten Effekte. Werden nicht nur an einem Abend der Woche, sondern an mehreren Tagen hintereinander so lang am Abend Videospiele konsumiert, kann schlechterer Schlaf zu weniger Aktivität und Leistungsfähigkeit führen. Aufgrund der gezeigten verschlechterten deklarativen Gedächtnisleistung sollte die Abendgestaltung von Schülern, die tagsüber gelernt haben, kritisch hinterfragt werden. Melatonin zeigte sich nach dem Videospiel vor dem Zubettgehen erniedrigt und im Verlauf nach hinten verlagert. Einerseits kann dies am Blaulicht des Computerbildschirms liegen, andererseits ist ein Zusammenhang mit dem stressreichen Videospielen denkbar. Die höchste Melatoninkonzentration nach dem Videospielen zeigte sich am nächsten Morgen beim Aufstehen. Hier ergibt sich eine verstärkte Gefahr einer Schlafstörung bei Jugendlichen. Laut unseres Kenntnisstands ist dies die erste Studie, die eine erhöhte Cortisolkonzentration während des Videospielens untersucht und nachgewiesen hat. Weiterhin hat die virtuelle Realität Einzug in die alltägliche Nutzung erhalten. Diese neue Art des Spielerlebens kann den Körper auf neue Weise fordern und beeinflussen.

Summary:
Introduction Media and digital games play an important part in today’s society. Especially adolescents use their smartphone and computer every day. An important role in the usage can be assigned to videogames and in particularly violent videogames. As a result, a huge part of the day is spent in front of a screen and sleep is oftentimes neglected. The question arises if excessive video gaming causes effects for adolescents. This study considers the effects of video gaming of five hours for sleep, the declarative memory, the hormones melatonin and cortisol and the sleepiness on the next day. Methods Twenty 16-18 aged males were part of the study while eighteen boys completed the whole study. In sum they spent three nights in the Sleep Laboratory in Marburg. During the first night there was just a familiarization. While the other two nights the study participants were asked to play the computer game “Counter Strike - Global Offensive” or the board game “Monopoly”. A polysomnography was measured over the whole time of playing and the following night. All subjects underwent a wordlist memory test with a recall directly after the stimulus and on the next morning. In addition to that saliva samples were taken for five times (before the game, during the game, after the game, during the night and on the following morning). The samples were analyzed for melatonin and cortisol. The next morning the Stanford Sleepiness Scale was filled up and the pupillography sleepiness test was performed. Furthermore, each study participant passed a long-lasting and repetitive vigilance test. Results After playing video games, the sleep efficiency was reduced significantly (3.5 %). The subjects were more awake in bed (15.5 minutes). Furthermore, the N1-sleep was prolonged and deeper sleep stages were reached later. The results of the wordlist memory test were significantly reduced after the videogame on the next morning. The subjects reproduced two words less. A recall of the wordlist directly after the stimulus also showed a significantly reduced performance after the videogame. In addition to that, the concentration of the soporific hormone melatonin was reduced after the computer game before bedtime and the concentration of cortisol was increased during the game. There was no significant difference between the video game and monopoly game in the range of vigilance. Discussion This study shows that excessive video gaming has got an effect on the sleep of adolescents. Nevertheless, the study participants were not more tired after the video game than after the board game on the next morning. That’s why it is disputable if these results play a role in the daily life of adolescents. An imaginable scenario is the accumulation of the mentioned effects. Adolescents often play video games for several hours for many times a week. It is possible that bad sleep can augment and the adolescents get more and more tired and less efficient. The worse memory performing shows that pupils should reconsider their evening activities after a day of learning at school. Melatonin was reduced after the videogame before bedtime and was postponed over the night. On the one hand this could be caused by the blue light of computer screens, on the other hand a correlation with a stressful computer game is possible. The highest post-videogaming melatonin concentration was measured at the next morning. This could cause a greater risk for sleep disorders in adolescents. To our knowledge this is the first study that examined and proved an higher concentration of cortisol during videogames. In addition to that, virtual reality can be used daily. This new way of being part of the game can demand and influence the body in a new manner.


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