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Titel:Emotionale aversive Anspannung bei Anorexia nervosa: Implikationen des Emotionsdysregulations-Störungsmodells
Autor:Kolar, David Raphael
Weitere Beteiligte: Christiansen, Hanna (Prof. Dr.)
Veröffentlicht:2017
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2017/0239
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2017-02390
DOI: https://doi.org/10.17192/z2017.0239
DDC: Psychologie
Titel(trans.):Emotional aversive tension in anorexia nervosa: implications of the emotion dysregulation model
Publikationsdatum:2017-05-24
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
Anorexia Nervosa, Emotiondysregulation, DBT, dialectical behaviour therapy, Anspannung, dialektisch-behaviorale Therapie,, Essstörungen,, Epidemiologie, Emotionserkennung, app, tension, aversive Anspannung, Emotionsregulation, DBT, smartphone, Emotionsdysregulation, aversive tension, ecological momentary assessment

Zusammenfassung:
In den letzten Jahren rückte zunehmend die emotionale Dysregulation als auslösender und aufrechterhaltender Faktor der Anorexia nervosa (AN) in den Fokus der Forschung. Neben überdauernden Emotionen wurde hierbei auch die Wichtigkeit von kurzfristigen affektiven Zuständen untersucht, allerdings zumeist bei erwachsenen Betroffenen. Aversive Anspannung ist eine kurzzeitige Form hoher emotionaler Dysregulation, die bei Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen bereits gut untersucht ist. Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigte sich zudem, dass Zustände hoher Anspannung mit einer schlechteren Identifikation von Emotionen assoziiert waren. Bisher gab es jedoch keine Untersuchungen hierzu an Patientinnen mit Essstörungen. Als eine mögliche Ursache der emotionalen Dysregulation bei AN wird eine Invalidierung des emotionalen Erlebens und des Körpers diskutiert, wie sie durch das Schönheitsideal der westlichen Gesellschaft verursacht wird. Möglicherweise stellt hier die lateinamerikanische Kultur einen protektiven Faktor dar. In dieser publikationsbasierten Dissertation werden daher drei Studien vorgestellt, die das Auftreten von aversiver Anspannung bei Jugendlichen mit AN untersuchen, den Zusammenhang dieser Zustände mit der Emotionsidentifikation betrachten und zuletzt die Prävalenz der AN in westlichen Ländern mit Lateinamerika vergleichen. In der ersten Publikation wurde mit Hilfe einer Smartphone-basierten Echtzeiterhebung überprüft, ob weibliche Jugendliche mit AN häufiger hohe aversive Anspannung im Alltag erleben als gesunde weibliche Jugendliche. Des Weiteren wurden mögliche auslösende Ereignisse identifiziert. Es zeigte sich, dass Jugendliche mit AN Zustände hoher Anspannung häufiger erlebten als gesunde Jugendliche. Essensbezogene Ereignisse führten in der Gruppe der Jugendlichen mit AN zu einem zusätzlichen Anstieg der Anspannung, nicht jedoch in der gesunden Kontrollgruppe. Sport- oder schulbezogene Ereignisse hatten keinen Einfluss auf die Anspannung. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass aversive Anspannung als eine Facette der emotionalen Dysregulation eine Rolle bei AN spielt. Aufgrund der Verknüpfung von hoher Anspannung mit Mahlzeiten könnte die Regulation von Anspannung in der Therapie die Gewichtsrestitution von Jugendlichen mit AN verbessern. In der zweiten Publikation wurde anhand der gleichen Stichprobe untersucht, ob sich gesunde Jugendliche und solche mit AN hinsichtlich ihrer selbstberichteten momentanen Emotionsidentifikation unterscheiden. Jugendliche mit AN gaben eine signifikant schlechtere Emotionsidentifikation als die Kontrollgruppe an. Eine Verbesserung der Emotionsidentifikation fand nur in der Kontrollgruppe statt. Weder in der Kontroll- noch in der AN-Gruppe wurde ein Einfluss der aversiven Anspannung auf die Emotionsidentifikation nachgewiesen. Im Gegensatz zur Borderline-Persönlichkeitsstörung scheinen bei AN aversive Anspannung und niedrige Emotionsidentifikation zwei unabhängige Formen der emotionalen Dysregulation darzustellen. Es gilt zukünftig zu klären, warum sich Jugendliche mit AN im Verlauf des Tages nicht in ihrer Emotionsidentifikation verbessern. In der dritten Publikation wurden mit Hilfe einer Meta-Analyse die mittleren Punkt-Prävalenzen für AN, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung in Lateinamerika berechnet. Es zeigte sich eine niedrigere Prävalenz der AN im Vergleich zu westlichen Ländern, jedoch höhere Prävalenzen für Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass die lateinamerikanische Kultur möglicherweise weniger invalidierend zu sein scheint und damit einen Schutzfaktor hinsichtlich der AN darstellt. Ein direkter Zusammenhang muss jedoch noch in kulturvergleichenden Studien überprüft werden. Zusammenfassend konnten in dieser Dissertation bisher nicht berücksichtige Aspekte der emotionalen Dysregulation bei AN untersucht werden. Zukünftige Studien sollten zum einen den Einfluss von aversiver Anspannung und selbstberichteter Emotionsidentifikation auf störungsbedingtes Verhalten wie Restriktion oder kompensierende Maßnahmen erfassen, zum anderen den protektiven Einfluss der lateinamerikanischen Kultur auf die AN weitergehend untersuchen.

Summary:
Recently, emotion dysregulation is considered to be a causing and maintaining factor of anorexia nervosa (AN). Current psychiatric research investigated the influence of momentary affective states in this condition. However, mostly adults with AN were studied. Aversive tension is a momentary variation of emotion dysregulation broadly investigated in Borderline personality disorder (BPD). Individuals with BPD report poorer momentary emotion identification when experiencing heightened levels of aversive tension. However, neither aversive tension nor momentary emotion identification have been previously investigated in AN. One causal factor to emotion dysregulation in AN might be a pervasive invalidation in Western nations regarding body image and emotion experience. Living in a Latin American environment might be a potential protective factor for developing an eating disorder. Therefore, three studies will be presented in this publication-based dissertation. The first two studies investigate aversive tension and emotion identification in juvenile AN. The third study compares prevalence rates of AN in Latin America with the rates in Western countries. In the first publication, a smartphone-based ecological momentary assessment is presented, investigating whether female adolescents with AN report higher levels of aversive tension in daily life compared to healthy adolescents. Additionally, trigger events for aversive tension were assessed. Results indicate that adolescents with AN experience higher daily levels of aversive tension as healthy controls. Food-intake-related situations were correlated with an additional increase in aversive tension, but only in the AN group. Neither sports- nor school-related events were associated with an increase or decrease of aversive tension. Aversive tension is an important short-term factor of emotion dysregulation in AN. Teaching downregulation strategies for aversive tension during meal situations might improve weight restoration of adolescents. The second publication investigated whether adolescents with AN experience lower emotion identification compared to healthy controls. In an exploratory analysis of the same sample as in publication one, significantly lower levels of emotion identification in adolescents with AN were found. Emotion identification improved during the day, but for the control group only. Neither in the control nor in the AN group was emotion identification influenced by current levels of aversive tension. Different to BPD, aversive tension and poor emotion identification might represent two separate pathways of emotion dysregulation. Improving emotion identification within the day by incorporating contextual cues might be an important goal in AN treatment. Meta-analyses to assess the average prevalence rates of AN, bulimia nervosa and binge-eating disorder in Latin America were conducted separately for each of the disorders in the third publication. A lower point prevalence of AN in Latin America was found when compared to Western societies. However, significantly higher prevalence rates of bulimia nervosa and binge-eating disorder were found in Latin America. This indicates that Latin American culture might be less invalidating regarding body image than Western countries and might be considered as a protective factor for AN only. However, further cross-cultural studies are clearly needed. In summary, several new facets of emotion dysregulation of AN where investigated in this dissertation. Future studies should focus on the influence of aversive tension and self-reported emotion identification on momentary disordered eating behavior, such as restrictive eating or binging/purging. In addition, the protective influence of Latin American culture on AN should be further investigated.


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