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Titel:Fear-Avoidance Beliefs, Coping und Biofeedback. Was wird bei der Entstehung und in der Behandlung chronischer Rückenschmerzen gelernt?
Autor:Sielski, Robert
Weitere Beteiligte: Glombiewski, Julia Anna (Dr.)
Veröffentlicht:2016
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2017/0072
DOI: https://doi.org/10.17192/z2017.0072
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2017-00729
DDC:150 Psychologie
Titel(trans.):Fear-avoidance beliefs, coping and biofeedback. Learning mechanisms in the development and treatment of chronic back pain.
Publikationsdatum:2017-09-14
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
Rückenschmerzen, Fear-avoidance, Pain Solutions Questionnaire, Experiment, Schmerz, Entstehung, Pain Solutions Questionnaire, Fear-Avoidance, Therapie, Back pain, Biofeedback, Behandlung

Zusammenfassung:
Das einleitende Zitat von Reinecker betont die Relevanz lerntheoretischer Annahmen in der Entwicklung, Aufrechterhaltung sowie Behandlung psychischer Störungen. Im Bereich chronischer Rückenschmerzen wird häufig das Fear-Avoidance Modell nach Vlaeyen und Linton (2000) herangezogen, um die Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Rückenschmerzen zu erklären. Laut Modell werden bei der Entwicklung klassische und bei der Aufrechterhaltung operante Konditionierungsprozesse angenommen. Diese Lernmechanismen können jedoch nicht vollständig den Teufelskreis aus Schmerz, Angst und Vermeidung erklären. Dies gilt insbesondere für die Entstehung der kognitiven Komponenten des Modells wie den Fear-Avoidance Beliefs. Für die Behandlung chronischer Rückenschmerzen liegen mittlerweile zahlreiche Interventionen vor, die mit verschiedenen Methoden unterschiedliche Behandlungsziele (z.B. Schmerzreduktion vs. Lebensqualität trotz Schmerzen) verfolgen, sodass Patienten andere Copingstrategien lernen. Erste Befunde geben Hinweise, dass in der Bewältigung chronischer Schmerzen akkommodative Copingstrategien hilfreicher als assimilative Copingstrategien sind. Sowohl für die Untersuchung der eingesetzten Copingstrategien als auch die Auswirkungen derer auf die Symptomatik sind adäquate Messinstrumente essentiell. Für Schmerzerkrankungen wie Fibromyalgie, Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp konnte Biofeedback als wirksames psychologisches Verfahren belegt werden. Im Bereich chronischer Rückenschmerzen ist die Befundlage unklar und bedarf einer genaueren Überprüfung der kurz- und langfristigen Wirksamkeit. Die Entstehungsmechanismen von Fear-Avoidance Beliefs wurden trotz der Relevanz in der Entwicklung und Aufrechterhaltung chronischer Rückenschmerzen bislang wenig untersucht. Aus diesem Grund wurden in Studie 1 der vorliegenden publikationsbasierten Dissertation untersucht, ob evaluatives Konditionieren – als weiterer Konditionierungsprozess – Einstellungen gegenüber rückenbeanspruchenden Bewegungen im Sinne der Fear-Avoidance Beliefs verändern kann. In zwei durchgeführten Experimenten konnte gezeigt werden, dass durch evaluatives Konditionieren negative aber nicht positive Einstellungen gegenüber rückenbeanspruchenden Bewegungen gebildet wurden. Negative Veränderungen konnten sowohl auf expliziter als auch teilweise auf impliziter Ebene gezeigt werden. Die Ergebnisse legen nahe, dass evaluatives Konditionieren ein relevanter Lernmechanismus in der Entwicklung von Fear-Avoidance Beliefs ist. In Studie 2 wurde in einer Stichprobe von N = 165 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen eine deutsche Version des Pain Solutions Questionnaires (PaSol) entwickelt und auf deren Gütekriterien untersucht. Die deutsche Version des PaSol zeigte gute psychometrische Qualitäten. Die Überprüfung der Faktorstruktur ergab dieselbe Item-Skalenzuordnung und vier zugrunde liegende Faktoren wie in der Originalversion des Fragebogens berichtet. Zusätzlich konnten erste Hinweise gegeben werden, dass der PaSol sensitiv ist, um Veränderungen durch Psychotherapie aufzuzeigen. Mit der Entwicklung einer reliablen und validen Version des PaSol liegt nun auch für den deutschen Sprachraum ein adäquates Messinstrument vor, welches den Einsatz von Copingstrategien und somit den Umgang mit Schmerzen differenziert erfassen kann. Im Rahmen einer Metaanalyse wurde in Studie 3 die Wirksamkeit der Behandlung chronischer Rückenschmerzen mit Biofeedback untersucht. Es wurden 21 Studien in die Analysen aufgenommen, die einen Biofeedbackanteil von mindestens 25% an der Gesamtbehandlungszeit berichteten und mindestens eine der folgenden Zielgrößen untersuchten: Schmerzintensität, Depression, Beeinträchtigung, Selbstwirksamkeitserwartungen oder muskuläre Anspannung. Die Ergebnisse deuten auf kleine bis mittlere Wirksamkeit für alle genannten Zielgrößen, die im Vergleich zu Kontrollgruppen als auch nach einem Follow-Up von durchschnittlich acht Monaten stabil und vergleichbar blieben. In Studie 4 wurden die Ergebnisse der Metaanalyse vertiefend diskutiert und auf dessen Wirkmechanismen sowie Limitationen eingegangen. Insgesamt konnte Biofeedback als wirksame (zusätzliche) psychologische Intervention in der Behandlung chronischer Rückenschmerzen nachgewiesen werden. Die Ergebnisse sprechen gleichzeitig jedoch auch dafür weitere Interventionen einzusetzen, insbesondere wenn es sich um eine stark beeinträchtigte Patientengruppe handelt.

Summary:
Learning is crucial for the development, maintenance, and treatment of mental disorders. The fear-avoidance model (Vlaeyen & Linton, 2000) is frequently used to explain the development and maintenance of chronic back pain through classical and operant conditioning procedures. However, inconsistent evidence about the presence of a conditioned fear response suggests further learning mechanisms to be important; especially in the formation of fear-avoidance beliefs. Cognitive-behavioral therapy offers a wide range of interventions in the treatment of chronic back pain. Depending on the intervention, the used methods and targeted therapy goals might differ, from reducing pain intensity to improving quality of life despite being in pain. First studies suggest that accommodative coping strategies might be more beneficial in the treatment of chronic pain compared to assimilative coping strategies. Adequate measurements are essential for investigating the used coping strategies as well as the consequences of their utilization on pain-related symptoms. Biofeedback has been found to be an effective psychological intervention in the rehabilitation of fibromyalgia, migraine, and tension-type headache. However, the empirical evidence in the treatment of chronic back pain shows inconsistent results and remains unclear. In this thesis, four Studies are presented that investigate said aspects. Despite their relevance in the development and maintenance of chronic back pain, there is little knowledge on the mechanisms behind the acquisition of fear-avoidance beliefs. On that account, in Study 1, we aimed at examining whether evaluative conditioning affected attitudes toward back-stressing movements as found in fear-avoidance beliefs. Results from two experiments showed that evaluative conditioning formed negative (but not positive) attitudes toward back-stressing movements on an explicit level and partially on an implicit level. Thus, our results indicate that evaluative conditioning might play a role in the acquisition of fear-avoidance beliefs. In Study 2, we developed a German version of the Pain Solutions Questionnaire (PaSol) and analyzed its psychometric properties in a sample of N = 165 patients suffering from chronic back pain. The exploratory factor analysis reproduced the original questionnaire’s four-factor structure. The reliability and validity analyses demonstrated acceptable to good results. Moreover, the PaSol was found to be sensitive to detect treatment changes over time. The German version of the PaSol is a reliable and valid instrument in the measurement of assimilative and accommodative coping strategies in patients suffering from chronic low back pain. In Study 3, we investigated the efficacy of biofeedback as treatment option for chronic back pain by conducting a meta-analysis based on 21 studies that employed a biofeedback intervention for at least 25 % of the total treatment time and reported at least one of the following outcomes: pain intensity, depression, disability, self-efficacy, and reduction of muscle tension. Effect size estimates for the total sample suggested a small to moderate effect for all outcomes. These effects remained comparatively stable over an average follow-up phase of 8 months and for controlled studies only. Thus, we conclude that biofeedback can be beneficial for various pain-related outcomes in the short and long terms. A further discussion on biofeedback as a psychological intervention, both as standalone and as adjunctive intervention for chronic back pain is shown in Study 4. Altogether, our results indicate that biofeedback can lead to improvements on several pain-related outcomes. However, our results also suggest the utilization of further interventions for highly disabled patients.


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