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Titel:Im Zeichen von Veste & "Mohr": Städtische Symbole und Geschichtskultur am Beispiel Coburgs
Autor:Habel, Hubertus
Weitere Beteiligte: Braun, Karl (Prof. Dr.)
Veröffentlicht:2009
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2009/0160
DOI: https://doi.org/10.17192/z2009.0160
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2009-01607
DDC:914.3 Geografie, Reisen (Deutschland)
Titel(trans.):Under the sign of Veste & "Mohr": Urban Symbols and commemorative Culture exemplary researched for Coburg
Publikationsdatum:2009-07-16
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
Symbolgeschichte / Coburg, Bamberg, Lübeck, Coburg, München, Commemorative culture, Symbol history, Berlin, Erinnerungskultur / Coburg, Coburg, Kollektives Gedächtnis, Symbol

Zusammenfassung:
Die Arbeit stellt nach einer Übersicht der Geschichte von Stadt und Festung Coburg die vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart untersuchte Symbolgeschichte der Stadt im Kontext der lokalen Erinnerungskultur dar. Zunächst wird die 1354 einsetzende Genese des bürgerlich-städtischen Wappens mit dem Kopf des Mauritius von Agaunum untersucht, der vom ottonischen Reichsheiligen zum Patron der Stadtpfarrkirche geworden ist. Die 1934 von den Nationalsozialisten angestrengte Ersetzung durch ein NS-Wappen stellt eine auch geschichtskulturell bedeutende Zäsur dar. Die Entwicklung der Personifikationen der Stadt – vom Stadtwappen abgeleitet der „Coburger Mohr“ und das „Bratwurschtmännle“ sowie die um 1900 historistisch generierte „Coburgia“ – bildet einen zweiten Strang der Darstellung. Eine dritte, eng mit der wettinischen Dynastie des Coburger Herzogshauses verknüpfte symbolgenetische Linie markiert die um 1800 einsetzende Entwicklung der „Veste“ Coburg als zentrales Symbol der Residenzstadt bis hin zum städtischen Logo der Gegenwart. Abschließend wird die Frage nach der Funktion dieser Symbole im Kontext ihres historischen Wandels als Indikatoren differenzierter Identitäten in der Stadtgesellschaft untersucht. Das Ziel dieser Studie ist es, die visuellen Symbole Coburgs Karl Brauns Ansatz der „Dichten Beschreibung“ (C. Geertz) entsprechend als Ausdrucksformen kulturellen Handelns zu verstehen sowie den regelhaften Rahmen dieser Bedeutungsrealisierungen im Kontext des gesamten Symbolsystems einzuordnen und zu beschreiben. Dies geschieht in Anlehnung an die Teminologie von Ernst Cassirers Theorie der symbolischen Formen sowie orientiert an Victor Turners Ritual-Theorie. In der Mitte des 14. bzw. im 16. Jahrhundert setzt die Etablierung des „Mohrenkopfes“ als Wappensymbol und der Festung als ikonografisches Attribut der Residenzstadt des Herzogtums Coburg ein. Mit der Romantik beginnt als mitteleuropaweite Gegenbewegung zu Aufklärung und napoleonischer Besetzung auf lokaler Ebene die Genese der Festung als Nationalheiligtum. Verschiedene Strömungen bilden die Basis zweier Umbaukampagnen der frühneuzeitlichen Landesfestung zur spätmittelalterlich erscheinenden „Veste“ Coburg im 19. und frühen 20. Jahrhundert: Die Rückbesinnung auf Luthers Aufenthalt während des Augsburger Reichstages 1530, dessen Instrumentalisierung als Vorbild der nationalen Einigungsbewegung im Zuge des Wartburgfestes 1817, die mediävalisierend-historistisch motivierten Legitimationsbemühungen des Coburger Herzogs Ernst I. (1806-1844) sowie die burgenromantischen Ideen in der wilhelminischen Ära um 1900 Gustav Freytag, eng mit dem Coburger Herzog Ernst II. (1844-1893) in den Jahrzehnten um 1860 an der Spitze der nationalliberalen Einigungsbewegung zusammenarbeitend, mystifiziert in seinem historischen Roman „Die Ahnen“ (1872-1880) mit der „Idisburg“ die Festung als zentralen Ort der deutschen Nationalgenese von der Völkerwanderungszeit bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die 1920 vollzogene Vereinigung des kleinen Freistaats Coburg mit Bayern bewirkt ab den frühen 1920er Jahren schließlich die geschichtskulturell langfristig wirksame Betonung der historischen Besonderheit Coburgs als ehemals wettinische, protestantische Residenz im katholisch geprägten Bayern. In der Folge von Hitlers und der SA erstem reichsweit beachteten Auftritt außerhalb Münchens 1922 entwickelt sich Coburg zu einem zentralen Pfeiler der „braunen Brücke“ Franken und wird 1929 zur ersten Stadt mit parlamentarischer NS-Mehrheit. Dies und die Instrumentalisierung als „Experimentierfeld der Machtergreifung“ manifestiert man 1934 nach der Abschaffung des „Mohrenkopf“-Wappens durch die Etablierung eines NS-Wappens, das die Rolle der Stadt als „Schmiede“ des SA-„Schwertes“ nach außen symbolisch repräsentieren soll. Nach innen jedoch zeigt das spätmittelalterliche Wappen aufgrund der stark ausgeprägten Verankerung im Bewusstsein der Bevölkerung eine erstaunliche Überlebensfähigkeit über das „Dritte Reich“ hinweg. Diese neue Vitalität kann im Zeichen des Kalten Krieges durchaus ambivalente Züge tragen. Dank seiner Vereinigung mit Bayern sind Stadt und Landkreis Coburg die einzigen Bereiche des ehemals wettinischen Thüringen, die nicht hinter dem „Eisernen Vorhang“ der DDR-Grenze verschwinden. So kann es geschehen, dass der „Coburger Mohr“, wie das Wappen mit dem Afrikaner-Kopf noch heute in der Bevölkerung bezeichnet wird, nun als „Urwaldneger“ diffamiert und dagegen das als „thüringischer Lutherkopf“ apostrophierte Haupt der recht europäisch erscheinenden spätmittelalterlichen Mauritius-Skulptur vor der Pfarrkirche seit 1953 zum amtlich normierten Wappenvorbild erhoben wird. Kraft seiner Reichspatrons-Funktion wird dieser „Coburger Mauritius“ nun im Interesse antikommunistisch geprägter Bestrebungen zur Wiedervereinigung als Garant der Einheit Deutschlands und der – nicht nur geografisch gemeinten – Zentralposition „Coburg[s] mitten im Reich“: instrumentalisiert: Auch diese stark gegenwartspolitisch motivierte, geschichtskulturell aufgeladene Deutungsveränderung überlebt die in der Bevölkerung verhaftete unpolitische und historisch indifferente Wappenvariante des Afrikaner-Kopfes, die in der Normierung 1959 ihre offizielle Anerkennung gefunden hat. Selbst das 1994 eingeführte und 2003 bzw. 2005 deutlich modifizierte sowie von einem „Corporate Identity“-Prozess begleitete Logo Coburgs mit stilisierten Bildern der Veste Coburg vermag den „Coburger Mohren“ nicht zu verdrängen, was auch den logostrukturellen Mängeln geschuldet ist. Der empirische Befund zur Binnen- und Außen-Identifikation Coburgs mit Veste und „Mohr“ bzw. mit den damit verknüpften Symbolsystemen bestätigt diese Entwicklung.

Summary:
Following an introductory synopsis of the history of the town of Coburg and its fortress this dissertation focuses on the history of local symbols from the late Middle Ages up to the present within the context of local commemorative culture. The first object of research is the genesis of the city’s coat of arms, originating in 1354 with the portrait of Saint Maurice of Agaunum, first protector of the German Empire in the high Middle Ages and later patron saint of Coburg’s main parish church. In 1934 the mediaeval shield was replaced by a Nazi emblem with the swastika on a sword. This can be considered as a turning-point in the local commemorative culture. A second line of research outlines the influence of the city’s shield on effigies and statues presenting Coburg’s patron saint in person like the “Coburger Mohr”, the so-called “Bratwurschtmännle” or other “Coburgia” of the time around 1900. A third line within the development of local symbols is closely connected with the ducal dynasty of the House of Wettin starting at about 1800 and favouring the “Veste” Coburg (mediaeval spelling for fortress) as the residential town’s central symbol, a tradition which can even be recognized in the design of the city’s logo of our days. Finally the meaning of these symbols is being explored in respect to their importance as indicators of distinct identities within the urban society in the changing process of history. The main purpose of this study is to create an understanding of Coburg’s visual symbols according to Karl Braun’s special approach of “thick description” (C. Geertz), which opens the possibility of describing cultural activities as well as categorizing different forms and levels of meaning within a certain framework of cultural rules. It is an approach based on Ernst Cassierer’s terminology of symbolic forms and on Victor Turner’s theory of rituals. The “Mohrenkopf” begins to appear in the city’s coat of arms in the middle 14th century. From about the middle of the 16th century the Coburg fortress can be found there as the most important iconographic attribute of the residential town. The genesis of the Coburg fortress as a kind of sacred symbol of national veneration is closely linked to the Movement of Romanticism and tendencies directed against Enlightment and the Napoleonic occupation about 1800. Two reconstruction campaigns transformed the 17th century fortress into a pseudo-mediaeval monumental castle, strongly supported by two important motives: first the commemoration of Martin Luther’s stay on the castle during the Augsburg Imperial Diet in 1530 and his importance as a model for the movement of national unity in the wake of the so-called Wartburg Festival in 1817 and second Duke Ernest’s I. (1806-1844) romantic conception of mediaeval history commonly serving as a justification of power in early 19th century Germany. About 1860 the author Gustav Freytag plays an important role in the leading group of the movement for liberalism and national unity in close cooperation with Coburg’s Duke Ernest II. (1844-1893). In his historical novel “Die Ahnen” (1872-1880) even some mythical importance is ascribed to Coburg castle alias “Idisburg” as a central location of the genesis of German national identity ranging from the period of late antiquity to the middle of the 19th century. After the revolution and the abdication of the last Duke in 1918 Coburg joins the Catholic dominated Bavaria in 1920 by referendum, by this creating a new line of commemorative tradition mainly emphasizing the special role of the former dukedom ruled by the House of Wettin as a Protestant territory. Following Hitler’s and his “SA” stormtroopers’ first appearance outside Munich in Coburg in 1922, this town develops to a central Nazi bridgehead in Franconia situated between Munich and the German capital Berlin. It becomes the first town with a Nazi majority in the city council in 1929. Celebrating Coburg as a “field of experiment in the process of seizing power” the Nazis eliminate the “Mohrenkopf” from the city’s coat of arms in 1934 and replace it by a shield which represents the “forge” of the “SA-sword”, by this underlining the leading part of the Coburg branch within the Nazi-movement since 1922. After the end of the “Third Reich” the mediaeval coat of arms shows an astonishing ability of survival, even if in the period of the “Cold War” this new vitality may imply quite some ambivalent aspects. Owing to its union with Bavaria the town of Coburg and its district are the only former Thuringian territories which do not disappear behind the “Iron Curtain”. The “Coburger Mohr”, as the shield with its African head is called, apparently not entirely free from racial objections now has to stand behind in favour of a late mediaeval sculpture at the main parish church, the “Coburger Mauritius”, whose head with its more European looks from 1953 on serves as the official model of the Coburg coat of arms. In terms of anticommunist propaganda a new role is assigned to him as guardian of German unity, making use of his former position of protector of the Holy Roman Empire of German Nation Coburg’s central position “in the Empire’s centre” – not only in the geographical sense of the word. But in spite of various attempts of political misuse, the shield with the African head can well preserve its historical neutrality in close correspondence with popular consciousness. Its present-day form is first officially established and affirmed as shield norm in 1959. The Coburg city logo is designed in 1994 and modified in 2003 respectively in 2005 according to a supporting “corporate identity” process. Because of structural defects even this new symbol cannot displace the “Corburger Mohr”. There is plenty of evidence to confirm the widespread identification with “Veste” and “Mohr” inside and beyond the boundaries of Coburg.


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