Evaluierung der Radioligandentherapie mit Indium-111-Minigastrin zur Behandlung metastasierter medullärer Schilddrüsenkarzinome am Standort Marburg

Schilddrüsenkarzinome machen circa 2,3% der weiblichen und 1% der männlichen Krebsmorbidität in Deutschland aus. Medulläre Schilddrüsenkarzinome wiederum stellen circa 2 – 5% aller thyroidalen Malignome dar. Sie werden meist erst spät und als Zufallsbefund, zum Beispiel bei Strumaresektion entdeckt....

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Main Author: Zimmer, Nico
Contributors: Luster, Markus (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Doctoral Thesis
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2022
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Schilddrüsenkarzinome machen circa 2,3% der weiblichen und 1% der männlichen Krebsmorbidität in Deutschland aus. Medulläre Schilddrüsenkarzinome wiederum stellen circa 2 – 5% aller thyroidalen Malignome dar. Sie werden meist erst spät und als Zufallsbefund, zum Beispiel bei Strumaresektion entdeckt. Bei Diagnosestellung sind medulläre Schilddrüsenkarzinome häufig schon metastasiert und somit nicht kurativ behandelbar. Zur systemischen Therapie in Europa zugelassen sind aktuell die Tyrosin-Kinase-Inhibitoren Vandetanib und Cabozantinib. Der Besatz der Tumorzellen mit Cholezystokinin-B-Rezeptoren ermöglicht potentiell eine zielgerichtete Therapie des neuroendokrinen Tumors. Am Universitätsklinikum Marburg wurde diese Rezeptor-bindende Radioligandentherapie von April 2001 bis Mai 2003 durchgeführt. Neunzehn an einem metastasierten medullären Schilddrüsenkarzinom erkrankten Patienten wurden unter der Compassionate Use-Indikation therapiert. Der verwendete Ligand Minigastrin besitzt eine hohe Bindungsaffinität zum Cholezystokinin-B-Rezeptor. Das daran gekoppelte Radionuklid In-111 emittiert Gammastrahlung und zytotoxisch wirksame Auger-Elektronen. Ziel dieser Arbeit war die Evaluierung des Nebenwirkungsprofils und des biochemischen Ansprechens, sowie die Einordnung der Radioligandentherapie mittels In-111-DTPA-[(D)-Glu1]-Minigastrin als alternative Therapieoption. Durchschnittlich erhielt jeder Patient 4,9 Therapiezyklen mit einer Aktivität von 10,7 GBq pro Zyklus. Während und kurz nach Injektion des Radiopharmakons kam es häufig zum Auftreten von Übelkeit bis hin zu Erbrechen. Diese Reaktionen wurden aufgrund der kurzen Dauer nicht als Nebenwirkungen gewertet. Nach der Injektion traten bei 10,6% der Therapiezyklen kurzfristige Nebenwirkungen auf. Davon fielen 36,4% auf ein allgemeines Unwohlsein, 27,3% auf eine Flush-Symptomatik, 18,2% auf eine Abgeschlagenheit, 9,1% auf eine Zunahme des Tumorschmerzes und 9,1% auf das Auftreten von vermehrtem Husten. Bezüglich der Langzeitnebenwirkungen der Therapie wurden laborchemische Hinweise auf Nephrotoxizität, Hämatotoxizität, Hepatotoxizität und Störungen des Elektrolythaushaltes betrachtet. Zusammenfassend zeigten 15,8% der Patienten eine höhergradige Reduktion der glomerulären Filtrations-Rate. Bei 10,5% der Patienten kam es zu einer persistierenden Nierenfunktionseinschränkung. Leichtgradige Blutbildveränderungen wurden bei 63,2% der Patienten gesehen, bei 10,5% der Patienten trat eine Anämie neu auf. Das Neuauftreten einer Thrombozytopenie wurde bei 10,5%, das Neuauftreten einer Leukozytopenie bei 26,3% der Patienten betrachtet. Höhergradige Anämien, Thrombo- oder Leukozytopenien wurden jedoch nicht nachgewiesen. Bei 42,1% der Patienten kam es zu Leberwerterhöhungen, welche bei 36,8% der Patienten transient waren. Milde und zumeist transiente Elektrolytstörungen wurden bei 31,6% der Patienten gesehen. Bezüglich des biochemischen Ansprechens für das Carcinoembryonale Antigen lag bei 42,1% ein stabiler Krankheitsverlauf und bei 42,1% der Patienten ein Krankheitsprogress vor. Bei Betrachtung des Calcitonins im Therapieverlauf zeigten 31,6% einen stabilen Krankheitsverlauf und 42,1% einen Progress. Bei 10,5% der Patienten wurde ein Therapieansprechen gesehen, wovon 5,3% eine komplette Tumormarker-Remission aufzeigten. Die Ansprechrate der untersuchten Therapie (10,5%) ist deutlich niedriger als jene der etablierten Y-90-DOTA- und Lu-177-DOTA-Liganden (circa 25% bzw. 40%) oder der Tyrosin-Kinase-Inhibitoren Vandetanib und Cabozantinib (28% bzw. 69%). Das Nebenwirkungsprofil betrachtend, wurden bei diesen Radioligandentherapien jedoch deutlich häufiger Blutbildveränderungen (90,8% bzw. 92,1% versus 63,2%) und eine persistierende Nierenfunktionseinschränkung nachgewiesen (34% bzw. 13% versus 10,5%). Unter der Therapie mit den etablierten Tyrosin-Kinase-Inhibitoren hingegen, traten Nebenwirkungen wie Durchfall, Hautausschlag, Abgeschlagenheit oder Übelkeit in über 30% der Fälle auf. Folglich erscheint das geringere hämatologische und nephrologische Langzeitnebenwirkungsprofil von In-111-Minigastrin verglichen mit Y-90- und Lu-177-markierten Somatostatin-Analoga vorteilhaft. Weiterhin ist die geringere Rate klinischer Nebenwirkungen verglichen mit den Tyrosin-Kinase-Inhibitoren nennenswert. Obwohl die beobachteten Ansprechraten denen der Vergleichstherapien unterliegen, ist das untersuchte Radiopharmakon aufgrund seines Sicherheitsprofils als alternative Therapieoption prinzipiell geeignet. Weiterhin können mit dem gewählten Ansatz Tumordarstellung und -therapie im Sinne des zukunftsweisenden Konzepts der Theragnostics kombiniert werden
Physical Description:183 Pages
DOI:10.17192/z2022.0159