Das neue Cinema Negro in Brasilien : Rassismus und postkoloniale Perspektiven im Wandlungsprozess des multiplikativen Gedächtnisses

Das Anliegen des Cinema Negro ist die Darstellung und Diskussion der Ergebnisse einer der komplexesten Machtstrukturen der menschheitlichen Geschichte: Die Kolonisation. Was das Cinema Negro als Widerstandsinstrument in Brasilien versucht, ist, der Welt die Wahrheit über Brasiliens Geschichte offen...

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Main Author: Alves Hengstl, Gizelda Maria
Contributors: Krewani, Angela (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2014
Neuere deutsche Literatur und Medien
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Das Anliegen des Cinema Negro ist die Darstellung und Diskussion der Ergebnisse einer der komplexesten Machtstrukturen der menschheitlichen Geschichte: Die Kolonisation. Was das Cinema Negro als Widerstandsinstrument in Brasilien versucht, ist, der Welt die Wahrheit über Brasiliens Geschichte offenzulegen: was es in Wirklichkeit bedeutet, Negro in Brasilien zu sein. Ein Ausgangspunkt ist die Lüge der Rassendemokratie in Brasilien, die auf allen fünf Kontinenten verbreitet wurde. Das Kolonialerbe in Brasilien stellt ein großes Thema dar, das für die brasilianischen Regisseure bis heute tabu ist, und wenn es doch vorkommt, wurde und wird es aus dem Blick der „anderen“ gezeigt und nicht aus der eigenen Erfahrungswelt eines Negros heraus. Sie, die Negros, konnten bis vor kurzer Zeit nicht selbst Regie führen, weil sie nicht an die beruflichen Positionen herangelassen wurden. Das Kolonialerbe in Brasilien, welches das Cinema Negro darstellt, ist auf der einen Seite ein Labyrinth voll ethnischer Konflikte, Rassenfeindlichkeit, ungerechter Gesetze, Armut, institutionellem Rassismus, medialem Rassismus u. a. Auf der anderen Seite lebt dort eine ethnische Gruppe mit einer unerschöpflichen Kultur und einem großen Reichtum an politischer Kraft, Hoffnung und Kreativität. Mit der Hoffnung auf ein bessere Zukunft kratzt das Cinema Negro viel von der starren Maske des Landes ab. Die Negros sollen besser verstehen können, wie die Macht gegen sie strukturiert und ausgeübt wird. Nur dann können sie darüber diskutieren und wirksam dagegen angehen. Zum Beispiel müssen sie verstehen können, wie und warum in Brasilien die soziale Schicht gegenwärtig eine deutlich ethnische Angelegenheit ist. Der Regisseur und vielseitig gebildete Joel Zito Araújo ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Cinema Negro. Die beiden Filme von Araújo – A Negação do Brasil und Filhas do Vento – weisen, nicht nur im Rahmen dieser Untersuchung, das Cinema Negro als eine neue Phase des brasilianischen Films aus. Araújo ist Schriftsteller, Regisseur, Hochschullehrer, Produzent und Drehbuchautor von Filmen, Lehrvideos und TV. Araújo als Regisseur stellt mit seinem Werk einen postkolonialen Diskurs bereit und den Umriss eines weitgefächerten Projektes für zukünftige Diskussionen der Filmgeschichte. 307 Schlussfolgerung Bevor die Kriterien des Cinema Negro festgelegt wurden, vor allem durch die oben angeführten Manifeste, war in der Geschichte des brasilianischen Kinos eine positive Bewertung der Schönheit und Fröhlichkeit der Negros und ihrer Kultur, frei von Ironie, frei von Stereotypen oder Unterdrückung, leider kaum zu sehen. Die brasilianischen Regisseure sind nicht bereit, sich auf die gewaltigen Schauspiele aus den Wohngebieten der Negros zu konzentrieren und damit ihre Leinwand zu „beschmutzen“. Diese neue Phase brasilianischer Filme des Cinema Negro zeigt aber einen Kessel voller Elemente, Zeichen und Metaphern einer langen Geschichte, die vom Beginn der brasilianischen Filmgeschichte an oft vertuscht oder manipuliert wurde. Das Cinema Negro vollzieht eine Auseinandersetzung mit einem Teil der Brasilianer, jenem Teil der Landesbevölkerung, welche mit den Schatten der Kolonisation existiert und unter sehr schlechten Bedingungen zurecht kommen muss. Die Bevölkerung, abstammend von den Sklaven in Brasilien, ist groß, existiert, kämpft noch um viele Rechte und plädiert für eine Reparation. So dient das Cinema Negro diesen Zielen, um das tragische Bild der Kolonisation und der Neokolonisation neu zu belichten. In Bildern und Ästhetik hebt das Cinema Negro z. B. in dem Film Bróder die Realität einer Favela hervor und betont das Freundschaftsverhalten und die Gemeinschaft der Mitbewohner positiv. Allein das unterscheidet diesen Film von diversen anderen brasilianischen Filmen, in denen die Gewalt im Zentrum steht. Das Cinema Negro zeichnet das Bild der Subalternen im Rahmen der Architektur, der Lebensqualität der Armut, der sozialen Not und der Prostitution, des Drogenhandels; veranschaulicht die Distanz zwischen Reich und Arm. Der Film Bróder legt die heißen Eisen in die Hand der weißen Elite. Immer wieder wird daran erinnert, wo die Ursache für die Missstände liegt. Bestimmte audiovisuelle Formen wie das Fernsehen stehen im Zentrum der Thematik bei A Negação do Brasil, Bom dia Eternidade und Filhas do Vento. Das brasilianische Fernsehen, als ein Medium verantwortlich für eine gigantische Multiplikation des Rassismus sowie für die Verbreitung aller Kriterien der Ideologie der „idealen“ weißen ethnischen Gruppe, wird oft sowohl als Quelle der Diskussion des Cinema Negro verwendet als auch als Teil der Handlung. Das Cinema Negro erreicht bis jetzt in Brasilien kein großes Publikum. Aber die zentrale Thematik, die Stellung der Negrobevölkerung im brasilianischen Kino und in der brasilianischen Gesellschaft, 308 Schlussfolgerung findet zum ersten Mal in der Geschichte des brasilianischen Kinos eine feste Basis – in dem Manifest Gênese do Cinema Negro brasileiro und dem Manifest von Recife. Ein weiteres Gestaltungselement des Cinema Negro liegt in der Darstellung und Inklusion einer afrobrasilianischen Ästhetik, welche bisher nicht zur Geschichte des Kinos in Brasilien gehörte: das Bild einer Bevölkerung und ihrer Kultur, deren Charakteristika bis dahin oft verborgen und verboten wurden. Erst das Cinema Negro konnte in Brasilien die Schönheit der Negro SchauspielerInnen vollkommen würdigen. Die Rezeption der Bilder des Cinema Negro gilt als filmische Grundlage für den Aufbau eines Selbstbewusstseins, eines Gewahrwerdens des eigenen Wertes dieser ethnischen Gruppe in Brasilien. Die Öffnung für die Bilder dieser Filmphase ist darin begründet, dass sie reale und authentische Situationen darstellt, deren Wurzeln aber in der kolonialen und neokolonialen Geschichte Brasiliens liegen. Die Unterschiede im Lebensstil und in der Lebensqualität sind meistens aufgrund der gesellschaftlichen Werturteile mit den Unterschieden im Phänotyp sehr genau gekoppelt: je dunkler die Haut, je gelockter das Haar, desto schlechter die gesellschaftliche Perspektive. Allein das führt zu einer dringend notwendigen Debatte, verrät die offene Wunde und identifiziert einen gravierenden sozialen Reparationsbedarf, im Alltagsleben, im Kino und in anderen Medien.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2014.0692