Sprachdominanz und Verbalgedächtnis bei Patienten mit rezidivierender depressiver Erkrankung : eine Studie mittels funktioneller transkranieller Dopplersonographie (fTCD)

Übereinstimmend stellten mehrere Arbeiten sowohl strukturelle als auch funktionelle Veränderungen fronto-temporaler Strukturen bei unter Major Depression (MD) leidenden Patienten fest. Aktuelle Studien weisen vor allem auf Dysfunktionen des medialen Temporallappens hin. Als mögliche Folge chronische...

Ausführliche Beschreibung

Gespeichert in:
Bibliographische Detailangaben
1. Verfasser: Rösler, Julia
Beteiligte: Hamer, Hajo M. (Prof. Dr. ) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2012
Nervenheilkunde
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
Tags: Tag hinzufügen
Keine Tags, Fügen Sie den ersten Tag hinzu!
Beschreibung
Zusammenfassung:Übereinstimmend stellten mehrere Arbeiten sowohl strukturelle als auch funktionelle Veränderungen fronto-temporaler Strukturen bei unter Major Depression (MD) leidenden Patienten fest. Aktuelle Studien weisen vor allem auf Dysfunktionen des medialen Temporallappens hin. Als mögliche Folge chronischer Pathologika im linken Temporallappen gilt eine atypische Sprachdominanz, wie sie mit Hilfe der funktionellen transkraniellen Dopplersonografie (fTCD) bereits bei Patienten mit linksseitiger Temporallappenepilepsie nachgewiesen wurde. In der vorliegenden Studie sollte unter Verwendung eines bereits etablierten Wortgenerierungsparadigmas mittels fTCD das Ausmaß der linkshemisphärischen Sprachdominanz bei an Depression erkrankten Patienten untersucht werden. Patienten und Methoden: Die untersuchte Stichprobe bestand aus 26 erwachsenen, rechtshändigen Patienten mit rezidivierender depressiver Störung (ICD 10: F33). Die Kontrollgruppe bestand aus 35 Probanden ohne neurologische, psychiatrische oder schwerwiegende andere Erkrankung. Während der Durchführung eines Wortgenerierungsparadigmas wurde mit Hilfe zweier im Schläfenbereich angebrachter Ultraschallsonden über dem M1-Abschnitt der Arteria cerebri media die Blutflussgeschwindigkeit (cerebral blood flow velocity= CBFV) beidseits kontinuierlich gemessen. Um darstellen zu können, welche Hemisphäre während der Wortgenerierung stärker aktiviert wurde, erfolgte die Berechnung eines Lateralitätsindex (LI) aus der jeweiligen CBFV-Differenz beider Seiten. Weitere Funktionen des Temporallappens wurden durch die Anwendung eines Wortschatztests (WST) sowie des Verbalen Lern- und Merkfähigkeitstests (VLMT) überprüft. Ergebnisse: Bei fünf (19,2%) weiblichen Patienten im Alter zwischen 56 und 80 Jahren ließ sich kein ausreichendes temporales Schallfenster finden. Als Patientenkollektiv resultierten 21 Personen (17 weiblich, 4 männlich) mit einem Altersdurchschnitt von 54,4 Jahren (SA= 14,7). Bei den depressiven Patienten ergab sich signifikant häufiger eine atypische Lateralisierung während der Wortgenerierung (28,6% vs. 8,6%) und somit eine im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant häufiger rechtshemisphärisch beziehungsweise bilateral lokalisierte Sprachdominanz ( ²= 3,892; p= 0,049). Auch die Lateralitätsindices waren bei den depressiven Patienten signifikant kleiner als bei den Kontrollpersonen (1,9 ± 4,0 vs. 3,8 ± 2,3; p= 0,039). Der maximale relative Blutflussanstieg fiel bei den depressiven Patienten sowohl links (8,7% ± 5,7% vs. 14,0% ± 5,0%; p= 0,001) als auch rechts (7,0% ± 4,7% vs. 11,2% ± 4,3%; p= 0,001) geringer aus als in der Kontrollgruppe. Die Gruppe mit atypischer Lateralisierung war signifikant älter als die Gruppe der Patienten mit typisch ausgeprägter Sprachdominanz (66,0 Jahre ± 12,9; Median= 68,5; 6 weiblich vs. 49,7 Jahre ± 12,9; Median= 45; 11 weiblich, 4 männlich; p= 0,047). Ein Zusammenhang zwischen Erkrankungsdauer, Schwere der Erkrankung oder der Medikation und der Lateralisierung fand sich nicht. Bezüglich des Abschneidens im VLMT zeigten die depressiven Patienten im Vergleich zur Kontrollgruppe eine signifikant geringere Gesamtlernleistung (45,7 ± 11,2 vs. 53,4 ± 9,2; p= 0,014) und auch die freie Abrufleistung (7,6 ± 4,2 vs. 10,3 ± 3,5; p= 0,021) war signifikant schlechter. Im Wortschatztest erreichte die Kontrollgruppe mit einem absoluten Wert von im Mittel 32,5 ± 2,9 Punkten eine signifikant höhere Punktzahl als die Gruppe der depressiven Patienten mit einem Wert von 25,5 ± 8,7 (p= 0,001). Diskussion: Die vorliegende Studie fand eine signifikant häufigere atypische Sprachdominanz bei depressiven Patienten gegenüber einem gesunden Kontrollkollektiv. Es ließ sich kein Einfluss der Schwere oder Dauer der Erkrankung auf den Lateralitätsindex nachweisen. Dies spricht eher für eine durch eine herabgesetzte Asymmetrie der Hemisphären hervorgerufene Prädisposition für psychiatrische Erkrankungen und gegen die Hypothese eines Sprachshifts. Eine eventuell durch erkrankungsbedingte Einflussfaktoren, etwa durch Angst, Agitiertheit oder Aufmerksamkeitsdefizite hervorgerufene Veränderung des LI, ließ sich durch diese Studie nicht eruieren und sollte in Folgestudien detailliert geprüft werden. Die bei depressiven Patienten bereits bekannten Einschränkungen im Verbalgedächtnis wurden in Teilen bestätigt - insbesondere das signifikant schlechtere Abschneiden der Patienten bei der freien Abrufleistung kann als Hinweis auf die Beteiligung linkstemporaler Strukturen in der Ätiopathogenese der Depression gewertet werden.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2012.0702