Märchen-Pop und Grimms-Krams. Das Kulturerbe "Märchen" im Spannungsfeld von Tourismusmarketing und Identitätsstiftung in Hessen.

Der Märchen- und Grimm-Tourismus wird im Bundesland Hessen intensiv seit Gründung der Deutschen Märchenstraße 1975 betrieben. Doch einen außerordentlichen Schub erhielt das hessische Märchenengagement im Jahr 2005, als die „Kasseler Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen“ am 17. Juni von der UNES...

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Main Author: Nieraad-Schalke, Nicole
Contributors: Zimmermann, Harm-Peer (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2011
Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Der Märchen- und Grimm-Tourismus wird im Bundesland Hessen intensiv seit Gründung der Deutschen Märchenstraße 1975 betrieben. Doch einen außerordentlichen Schub erhielt das hessische Märchenengagement im Jahr 2005, als die „Kasseler Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen“ am 17. Juni von der UNESCO zum „Memory of the World“ erklärt wurden. Hessen als selbst ernanntes „Bundesland der Brüder Grimm“ erkannte schnell die Chancen, die die UNESCO-Auszeichnung bot. Im Fokus der volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Analyse steht daher die Frage, wie sich aktuelle populäre Resonanzen auf die Brüder Grimm und ihre Märchen im Bundesland Hessen präsentieren. In welchen Formen sind geschichtlich-volkskundliche Themen wie Märchenmotive, -personal und -(be)deutungen, aber auch Märchensammler und -entstehungsprozesse heute in der Gesellschaft verankert? Warum gehen gerade Tourismus und Märchenerbe eine solch enge – und beileibe nicht neuartige – Beziehung ein? Was genau sind die Konzepte, Strategien und Kampagnen, aufgrund derer der hessische Märchentourismus vorangetrieben wird? Stellt das Märchenthema in Hessen nur ein touristisch „verordnetes“ und nach außen gerichtetes Image dar oder besitzt es identifikatorischen Rückhalt in der lokalen, regionalen oder gar landesweiten Bevölkerung? Und nicht zuletzt: Warum fasziniert das Märchen in der Spätmoderne überhaupt noch so viele Menschen? Warum sprießen Märchenparks, Märchenfestspiele und Märchenstädte aus dem Boden, warum erreichen massenmediale Darstellungsformen mit märchenhaften Bezügen die cineastischen sowie schriftstellerischen Bestsellerlisten und warum verweisen Werbung, Karikatur und Satire immer wieder auf Froschkönig- oder Dornröschen-Motive? Gerade nicht-historische, nicht-wissenschaftliche, nicht-germanistische Umgangsweisen mit dem Grimm’schen Kulturerbe werden in der Studie als konstitutive Bestandteile lebendiger Erinnerungskultur und Kulturerbepflege betrachtet – und damit in ihrer Vielfalt und Popularität sowie hinsichtlich ihrer Bedürfnisbefriedigung ernst genommen. Ferner geht es insbesondere um das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Wertschöpfungsprozessen und lokalpatriotischem Engagement, zwischen Inszenierung und Authentizität, zwischen Heritage und History, zwischen Place Branding und Kulturerbeschutz. Qualitative Antworten werden dabei nicht pauschal gegeben, sondern auf der Basis von Feldforschung anhand der vier hessischen „Märchenorte“ Steinau an der Straße, Alsfeld, Witzenhausen und Schauenburg in ihrer Eigenlogik beschrieben. Im Vordergrund steht die Analyse des jeweils herausragenden Märchenangebots. In Steinau ist dies eine jährliche Veranstaltung: der seit 2002 stattfindende Steinauer Märchensonntag unter dem Motto „Stadt spielt Märchen“. Alsfelds Märchenvermarktung wird durch das 2005 eröffnete Märchenhaus repräsentiert, während der seit 1968 existierende Familien-Erlebnispark im Witzenhäuser Stadtteil Ziegenhagen das dortige Märchenmarketing vorantreibt und daher näher vorgestellt wird. Schließlich werden die 1997 eröffnete Schauenburger Märchenwache und ihre Synergieeffekte auf den nordhessischen Märchentourismus untersucht. Dabei stehen auch und vor allem die Akteure im Fokus, die die konkreten Märchenaktionen mit Leben füllen; also diejenigen, die Märchen „lebendig werden lassen“, indem sie sich als „Gestiefelter Kater“ verkleiden, Puppenspiele aufführen, Märchen erzählen oder diese künstlerisch verarbeiten. Der populäre Umgang mit den Grimms und ihren Märchen (Märchenparks, -puppenspiel, -festivals oder -kostümierungen) zielt oft darauf ab, die historischen Persönlichkeiten und die fantastischen Märchenfiguren anschaulich zu machen: Sie sollen hier und jetzt unmittelbar erlebbar, anfassbar, dinglich und leiblich erfahrbar sein. Doch reicht das Märchenverständnis darüber hinaus von ökonomischen und unterhaltenden über gemeinschaftsfördernde und wissensvermittelnde bis hin zu pädagogisch-esoterischen und künstlerischen Zugangsweisen zum Märchenthema. Aufgrund dieser verschiedenen Märchenverständnisse bietet schließlich die Untersuchung der „Marke Grimm“ und der „Marke Märchen“ in hessischen Städten auch einen neuen Einblick in das aktuelle gesellschaftliche Märchenbild. Dabei berührt die Analyse stark den wissenschaftlichen Diskurs um spätmoderne Erinnerungskultur(en) und den aktuellen „Geschichtsboom“ und führt von Phänomenen wie Erlebniskultur, Tourismus, Folklorismus und Heritage über deren Kritik bis hin zur (mittlerweile für die Volkskunde fast als „klassisch“ zu charakterisierenden) Kritik der Kritik.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2012.0119