Nebenniere, Stresshormone, Kultur und Gesundheit

Die Nebennieren sind als hormonbildende Drüsen zentrale Stressorgane des menschlichen Organismus, die Katecholamine und das Cortisol sind die von Ihnen produzierten so genannten Stresshormone. Die vorliegende Arbeit widmet sich der Nebenniere und ihren Stresshormonen aus einer kulturwissenschaftl...

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Main Author: Kann, Peter Herbert
Contributors: Münzel, Mark (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2009
Vergleichende Kulturforschung
Subjects:
Br
Do
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Description
Summary:Die Nebennieren sind als hormonbildende Drüsen zentrale Stressorgane des menschlichen Organismus, die Katecholamine und das Cortisol sind die von Ihnen produzierten so genannten Stresshormone. Die vorliegende Arbeit widmet sich der Nebenniere und ihren Stresshormonen aus einer kulturwissenschaftlichen und einer medizinischen Perspektive, wobei im Verlauf der Auseinandersetzung mit der Thematik ein Ineinanderfließen dieser beiden Sichtweisen unvermeidbar wird – ein meinerseits durchaus erwünschtes und erwartetes Phänomen, korrespondiert es doch gut mit einem von mir formulierten Grundpostulat, welches besagt, dass eine scharfe und dichotomisierende Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften nicht nur rational unbegründet, sondern auch ein Hemmnis der wissenschaftlichen Entwicklung darstellt. Vorangestellt wird zunächst ein Überblick über die physiologische und pathologische Anatomie der Nebennieren, die hormonelle Regulation und typische Nebennierenerkrankungen, letzteres gerade auch um das Verständnis der Folgen funktioneller Nebennierenveränderungen wie bspw. Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) und Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) zu erleichtern. Im Speziellen wird dann auf die Stresshormonanalytik im Labor eingegangen, die mit hinreichender Präzision in verschiedenen Körperflüssigkeiten möglich ist. Zu berücksichtigen bleibt hierbei eine respektable Variabilität, die sowohl methodischer als auch biologischer Natur ist, und die Einzelbefunde grundsätzlich wenig aussagekräftig erscheinen lässt. Aus methodisch-laboranalytischer Sicht ist somit für kulturwissenschaftliche Fragestellungen – sofern man diesen methodischen Ansatz für begündet halten möchte – ausschließlich die Untersuchung größerer Gruppen einschließlich einer statistisch begleiteten Befundauswertung sinnvoll. Grundlegend erfolgt ferner eine wissenschaftliche Diskussion der Begriffe „Ethnizität“ und „ethnische Zugehörigkeit“. Zusammenfassend – und vielleicht etwas verkürzend, es sei mir an dieser Stelle aber erlaubt – kann festgehalten werden, dass die kulturwissenschaftliche Definition einer „ethnischen Gruppe“ schwerlich mit dem Gebrauch dieses Terminus in der medizinischen Literatur korrespondiert, letzteres gilt gleichermaßen für den Begriff „Ethnizität“, der in der kulturwissenschaftlichen Defition einen dynamischen Prozess beschreibt. Dies ist ein Problem für den Umgang mit und die Interpretation der zur Verfügung stehenden medizinisch geprägten Literatur. Eine Analyse medizinisch-wissenschaftlicher Publikationen einschließlich einer persönlichen Korrespondenz mit verschiedenen Autoren führt zu der Feststellung, dass die Empfehlung der US-amerikanischen National Institutes of Health, die Kategorien der Klassifikation der ethnischen Zugehörigkeit als soziales bzw. politisches Konstrukt und nicht biologisch-anthropologisch zu verstehen, nicht oder zumindest nur partiell umgesetzt wird. Beim Vorhaben einer Untersuchung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten verschiedener menschlicher Gesellschaften ist dann eine Auseinandersetzung mit dem Stand der der Diskussion der Universalienforschung erforderlich. Wichtig scheint mir, mit Antweiler (2007) festzuhalten, dass menschliche Universalien keineswegs immer biologisch begründet sein müssen, sondern durchaus auch soziale und kulturelle Ursachen haben, aber auch einer Interaktion biologischer und kultureller Faktoren entspringen können. Was für Gemeinsamkeiten gilt, ist auch für Unterschiede relevant. Prinzipiell ist ferner neben einer genetischen auch die nicht-genetische Informationsweitergabe (tradigenetische Evolution) zu berücksichtigen. In einem ersten analytischen Schritt wird dann in dieser Arbeit systematisch untersucht, ob in der wissenschaftlichen Weltliteratur Hinweise für ethnische Unterschiede der Stresshormonregulation existieren. Im Weiteren wird dann die Frage relevant, ob ggf. solche Unterschiede für die Entstehung von Krankheiten und deren Therapie bedeutsam sein können, und ob in diesem Zusammenhang ethnologisch vorrangig interessante Themen wie kultureller Wandel und Rassismus eine besondere Rolle spielen. Möchte man den Umgang mit der Definition der ethnischen Zugehörigkeit in der medizinisch geprägten Literatur zumindest als Arbeitsgrundlage akzeptieren, lässt sich festhalten, dass es offensichtlich solche Unterschiede gibt. So sei exemplarisch für in den westlichen Industrienationen (speziell den USA) lebende Personen westafrikanischer Herkunft erwähnt, dass hier der Bluthochdruck häufiger beobachtet wird, dass Stoffwechsel und Wirkung des Stresshormons Noradrenalin Besonderheiten aufweisen und eine bestimmte Arzneimittelgruppe, die so genannten Betablocker, therapeutisch schwächer wirksam sind. Auch die Regulation der adrenocorticotropen Achse weist Besonderheiten auf. Vorrangig interessant scheint mir, dass die vorliegenden Befunde stark dafür sprechen, dass es sich hier keineswegs um rein biologische Phänomene handelt, sondern offenbar um eine Interaktion letzterer mit soziokulturellen Faktoren, wobei hier vorrangig Diskriminierungs- und Gewalterlebnisse, Rassismus – erlebt und internalisiert – , Situationen des kulturellen Wandels und der kulturellen Instabiltät sowie die sozial-beruflichen Rahmenbedingungen zu nennen sind. Eine Beziehung zu Krankheitsrisiken wie der arteriellen Hypertonie und dem Diabetes mellitus liegt nahe und scheint mir hinreichend belegt. Im zweiten Schritt wird dann – dem Stichwort „objektive Stressmessung“ assoziiert – geprüft, ob sich anhand der in der Literatur vorliegenden Befunde begründen lässt, einen Einsatz der Stresshormonanlytik unter verschiedenen Rahmenbedingungen als methodisches Instrument für kulturwissenschaftliche Fragestellungen vorzuschlagen. Dies ist zu bejahen, wobei sich interessanterweise aus den vorliegenden Befunden herausarbeiten lässt, dass neben Unterschieden der zeitlichen Kinetik des „Anspringens“ beider Systeme die komplementäre Analytik der Funktionen des sympathoadrenergen und des adrenocorticotropen Systems dichotome Faktoren des Stresserlebens abbilden können, wobei die sympathoadrenerge Aktivierung eher allgemein das Erregungsniveau und die mentale Anstrengung, die adrenocorticotrope Aktivierung hingegen die damit einhergehende emotionale Belastung und den negativen Affekt darstellen. Langfristiger Stress kann eine Umstellung zentraler Regulationsmechanismen des adrenocorticotropen Systems bewirken. Der dritte analytische Schritt dieser Arbeit schließlich zielt auf Hinweise für ein tiefergehendes Verständnis einer Interaktion zwischen kulturell-sozialen und somatisch-medizinischen Faktoren und damit letztendlich wissenschaftsmethodisch auf einen integrativen kulturwissenschaftlich-medizinischen Ansatz. Im Fokus steht hierbei das erst kürzlich verstandene Phänomen der epigenetischen Regulation. Die in diesem Kontext erhobenen Befunde stellen die nicht unübliche Sichtweise, „Natur“ als stabiles Fundament und „Kultur“ als modulierenden Faktor zu verstehen, grundsätzlich auch aus naturwissenschaftlicher Sicht in Frage. Für das adrenocorticotrope System darf als hinreichend belegt gelten, dass dessen Funktionalität durch soziokulturelle Faktoren moduliert werden kann. Ein aktuell identifiziertes molekulares Korrelat dieses Phänomens ist die DNA-Methylierung der Promotor-Region des Glucocorticoid-Rezeptor-Gens. Vereinfacht ausgedrückt determiniert die DNA-Methylierung, wie oft dieses Gen „abgeschrieben“ wird. Es deutet sich an, dass die epigenetische Regulation ein nicht auf dieses Gen beschränkter Vorgang ist, sondern offenbar universell ist. Diese Phänomene können durchaus der Schlüssel für ein tiefergehendes Verständnis der Interaktion kultureller und biologischer Faktoren sein. Deren weitergehende interdisziplinäre kulturwissenschaftliche und medizinische Erforschung kann ein tieferes Verständnis des Wechselspiels zwischen Kultur und Gesundheit, aber auch speziell der Rollen von Rassismus, Diskriminerung, kulturellem Wandel und kultureller Instabilität sowie psychosozialer Traumatiserung bzw. Vernachlässigung ermöglichen.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2009.0474