Evidenzbasierte Therapie psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter: Studien zu den vier häufigsten Störungsgruppen ADHS, Depression, Angst und Störung des Sozialverhaltens

Die Psychotherapie stellt ein zentrales Feld der Krankenversorgung in Deutschland dar, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche. In der BRD leiden etwa 10 % der Kinder und Jugendlichen an seelischen Erkrankungen. Lebensqualität, Familienleben und Zukunftschancen der Betroffenen sind...

Ausführliche Beschreibung

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Bibliographische Detailangaben
1. Verfasser: Bachmann, Eva-Mareile
Beteiligte: Röhrle, Bernd (Prof. Dr.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2008
Psychologie
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Beschreibung
Zusammenfassung:Die Psychotherapie stellt ein zentrales Feld der Krankenversorgung in Deutschland dar, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche. In der BRD leiden etwa 10 % der Kinder und Jugendlichen an seelischen Erkrankungen. Lebensqualität, Familienleben und Zukunftschancen der Betroffenen sind häufig massiv beeinträchtigt. In den letzten Jahren findet sich international eine zunehmend umfangreichere Therapieforschung bei Kindern und Jugendlichen. Durch die Fülle an empirischen Belegen gestaltet sich die Erfassung des aktuellen Forschungsstands jedoch zunehmend schwieriger. Die vorliegende Arbeit fasst die Ergebnisse zur Wirksamkeit psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlungsansätze im Kindes- und Jugendalter, wie sie in Metaanalysen und Überblicksarbeiten im Zeitraum von 2000 bis heute untersucht wurden, zusammen. Dabei werden ausschließlich Arbeiten zu den vier häufigsten bzw. wichtigsten Störungsbildern Angst, Depression [Manuskript 1], ADHS und Störung des Sozialverhaltens (SSV) [Manuskript 2] berücksichtigt. Neben der Analyse des Status quo der Therapieforschung werden offene Forschungsfragen, methodische Schwierigkeiten und wesentliche Implikationen ausführlich herausgearbeitet. Für die Störungsgruppen ADHS und Depression liegen mehr Überblicksarbeiten als für Angststörungen und SSV vor. Hinsichtlich der allgemeinen Forschungssituation lässt sich Folgendes festhalten: In Bezug auf psychotherapeutische Interventionen liegt für Angststörungen und SSV eine relativ große Datenbasis vor, die die Ableitung klarer, eindeutiger Schlussfolgerungen ermöglicht. Demgegenüber ist der Forschungsstand für depressive Störungen lückenhaft und unzureichend. Für ADHS findet sich ein deutlicher Mangel an neueren Studien und Übersichtsarbeiten zu psychologisch-psychosozialen Interventionen. In Bezug auf pharmakotherapeutische Behandlungsansätze verfügt ADHS als einziges Störungsbild über eine relativ gute Datenbasis. Demgegenüber sind die für den Bereich der depressiven Störungen vorliegenden pharmakologischen Behandlungsoptionen nur mäßig effektiv bzw. der Einsatz von SSRI von der aktuellen Sicherheitsdebatte überlagert. Für Angststörungen und SSV liegen bislang deutlich weniger pharmakotherapeutische Studien vor. Während der Einsatz von SSRI zur Behandlung von Angststörungen mittlerweile als empirisch gestützt gilt, ist die Befundlage im Bereich der SSV als insuffizient einzustufen. Im Bereich der Kombinationsbehandlung liegen für ADHS die – relativ gesehen – besten Ergebnisse vor, über alle vier Störungsbilder hinweg ist die Datenlage jedoch als unzureichend zu bewerten. Für drei der vier untersuchten Störungsbilder wird Psychotherapie als die wirksamste Methode beschrieben; nur bei ADHS ist die pharmakologische Behandlung (Stimulantien) effektiver. In Bezug auf die Effektivität der verschiedenen Interventionen finden sich für Angststörungen und ADHS tendenziell große Effekte; die Wirksamkeit für die Behandlung von depressiven Störungen und SSV ist geringer (im Durchschnitt sind eher mittlere Behandlungseffekte erreichbar). Für alle vier Störungsbilder können empirisch fundierte Leitlinien und Therapieempfehlungen abgeleitet werden. Störungsspezifisch sowie störungsübergreifend liegen hinsichtlich von Studiendesign und -inhalt verschiedene inhaltliche und methodologische Defizite vor. Der Wunsch nach und die Notwendigkeit einer verstärkten „effectiveness“-Forschung trägt der Tatsache Rechnung, dass bis heute unklar ist, in welchem Umfang im Laborsetting erwiesenermaßen wirksame Methoden auch in der Praxis zum Nutzen der Patienten angewendet werden können. Die vorliegende Arbeit [Manuskript 3] legt Daten zur Behandlungseffektivität ambulanter kinder- und jugendpsychiatrischer Therapien im naturalistischen Setting („treatment as usual“) vor, die in Deutschland bundesweit in Modellpraxen erhoben wurden. Für die Gesamtgruppe aller behandelten Patienten finden sich keine Behandlungseffekte; bei der Differenzierung nach den vier häufigsten Störungsbildern ergeben sich für Kinder und Jugendliche mit ADHS und Angststörungen kleine bis mittlere Behandlungseffekte. Die Ergebnisse dieser prospektiven Längsschnittstudie wurden dabei über Propensity-Score-Analysen, über die eine Randomisierung imitiert und die Kontrolle aller relevanten Kovariablen ermöglicht wird, abgesichert. Die Unterschiede in der Berechnung der Behandlungseffekte mit und ohne Propensity-Score-Analyse erweisen sich dabei als deutlich und unterstreichen die Notwendigkeit, dieses Analyseverfahren bei naturalistischen Studien vermehrt einzusetzen. Die erzielten Behandlungserfolge sind – gemessen an den aus „efficacy“-Studien berichteten Effektstärken – beachtlich und entsprechen in ihrer Störungsspezifität im Wesentlichen den Ergebnissen bereits vorliegender Arbeiten.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2008.0728