Implementierung verhaltensmedizinischer Ansätze in der stationären orthopädischen Rehabilitation

In nahezu allen westlichen Industrieländern wird über eine zunehmende Häufigkeit von Rückenschmerzen berichtet. Rückenschmerzen sind dabei nicht nur mit einem hohen subjektiven Leid für die Betroffenen verbunden, sondern gelten auch als eine der häufigsten Ursachen für die Inanspruchnahme medizinisc...

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Main Author: Mangels, Marija
Contributors: Rief, Winfried (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2008
Psychologie
Subjects:
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Description
Summary:In nahezu allen westlichen Industrieländern wird über eine zunehmende Häufigkeit von Rückenschmerzen berichtet. Rückenschmerzen sind dabei nicht nur mit einem hohen subjektiven Leid für die Betroffenen verbunden, sondern gelten auch als eine der häufigsten Ursachen für die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen (wie z.B. orthopädischer Rehabilitationsbehandlungen). Zudem verursachen Rückenschmerzen enorme indirekte Kosten aufgrund hoher Arbeitsunfähigkeitszeiten. Die Notwendigkeit effektiver Behandlungsansätze wird dadurch evident. Metaanalysen weisen darauf hin, dass multidisziplinäre Ansätze mit einer Kombination von körperlichen, sozialen und psychologischen Behandlungselementen die höchste Wirksamkeit bei chronischen Rückenschmerzen aufweisen. Die Interpretation dieser Ergebnisse wird allerdings eingeschränkt, da es nach wie vor einen Mangel an methodisch hochwertigen Studien (v.a. mit randomisiertem, kontrolliertem Design) gibt, die solche multidisziplinären Behandlungsprogramme besonders im natürlichen Setting untersuchen. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Implementierung verhaltensmedizinischer Ansätze in der stationären orthopädischen Rehabilitation. Im Rahmen einer randomisierten, kontrollierten Studie wurden drei relevante Aspekte beleuchtet. Artikel 1 prüfte, ob sich durch die Ergänzung einer Standardbehandlung mit verhaltensmedizinischen Ansätzen (zur Schmerzbewältigung) die Effektivität der orthopädischen Rehabilitation verbessern lässt. Weiterhin wurde der zusätzliche Nutzen eines telefonischen Nachsorgeprogramms (zur Verbesserung der Nachhaltigkeit) im Anschluss an die stationäre Behandlung geprüft. In Übereinstimmung mit früheren Metaanalysen zeigt sich sowohl im Kurzzeit- als auch im Langzeitverlauf eine breite Wirksamkeit der multidisziplinären verhaltensmedizinisch-orthopädischen Behandlung auf für Schmerzpatienten relevanten Variablen (z.B. Beeinträchtigung, Schmerzempfindung, Lebenszufriedenheit, subjektive Gesundheit, Depressivität). Eine signifikante Überlegenheit der verhaltensmedizinisch-orthopädischen Behandlung gegenüber der Standardbehandlung konnte bei Schmerzbewältigungsstrategien gefunden werden. Die Überlegenheit des verhaltensmedizinischen Ansatzes fiel dabei nicht so deutlich aus wie erwartet, da sich überraschend bereits die Standardbehandlung als sehr effektiv erwies. Der förderliche Effekt des Nachsorgeprogramms ließ sich nur tendenziell finden, ohne statistische Signifikanz zu erreichen. Artikel 2 untersuchte, ob es einen bestimmten Zeitabschnitt im Rehabilitationsprozess gibt, der von zentraler Bedeutung für Arbeitsunfähigkeitszei¬ten im Jahr nach der stationären Rehabilitation ist und somit deren Vorhersage ermöglicht. Es zeigte sich, dass sich spätere Krankheitszeiten nicht auf ein Versagen der stationären Behandlung zurückführen lassen. Vielmehr erleiden Patienten mit später langen Arbeitsunfähigkeitszeiten nach der Entlassung einen Rückfall auf verschiedenen Variablen (Selbstwirksamkeit, Depressivität, Ruhe und Ausgeglichenheit bei der Arbeit sowie beruflicher Ehrgeiz). Da¬raus lässt sich schlussfolgern, dass stationäre Rehabilitationsbehandlungen im Sinne einer Prävention von Rückfällen nach Entlassung gerade auf diese Variablen fokussieren sollten und dass die Notwendigkeit der Entwicklung effektiver Nachsorgeangebote besteht. Selbstwirksamkeitserwartungen werden in der Schmerzforschung oftmals herangezogen, um eine Vielzahl von Verhaltensweisen und Aspekte des Schmerzgeschehens zu erklären. Vor diesem Hintergrund stellt Artikel 3 den Fragebogen zur Erfassung der schmerzspezifischen Selbstwirksam¬keit (FESS) vor. Dieses Testverfahren eignet sich aufgrund seiner guten psychometrischen Eigenschaften, der Möglichkeit zur Prädiktion von Krankheitsfolgen (Beeinträchtigung durch Schmerzen) und seiner Veränderungssensitivität zur Status- und Veränderungsmessung in der klinischen Praxis sowie zur Erfassung von Therapieerfolgen im Bereich der Schmerzforschung. Insgesamt liefert die vorliegende Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Überprüfung multidisziplinärer therapeutischer Leistungen im Rahmen einer methodisch hochwertigen Studie. Die Ergebnisse zeigen dabei, dass die Einführung verhaltensmedizinischer Ansätze in der stationären orthopädischen Rehabilitation viel versprechend ist. Weiterhin ergeben sich Hinweise zur Optimierung des Behandlungsangebots für Patienten mit chronischen Rückenschmerzen (z.B. Entwicklung geeigneter Nachsorgeangebote). Die Ergebnisse werden abschließend vor dem Hintergrund der Stärken und Schwächen der Gesamtstudie diskutiert.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2008.0114