Neurobiopsychologische Analyse des Angstverhaltens im Modell der Ratte: Auswirkung serotonerger Manipulationen

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die genauere Untersuchung der psychologischen und neurochemischen Zusammenhänge zwischen der Emotion Angst und dem Neurotransmitter Serotonin (5-Hydroxytryptamin, 5HT). Die Literatur bietet diesbezüglich eine Vielzahl von Arbeiten, doch die Funktion von 5HT im Zu...

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Main Author: Ludwig, Verena
Contributors: Schwarting, Rainer (Prof. Dr. ) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2007
Psychologie
Subjects:
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Description
Summary:Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die genauere Untersuchung der psychologischen und neurochemischen Zusammenhänge zwischen der Emotion Angst und dem Neurotransmitter Serotonin (5-Hydroxytryptamin, 5HT). Die Literatur bietet diesbezüglich eine Vielzahl von Arbeiten, doch die Funktion von 5HT im Zusammenhang mit Angst ist immer noch nicht vollständig geklärt. Studien, die Angstverhalten anhand von 5HT-Läsionen untersuchen, zeigen inkonsistente Ergebnisse (Griebel 1995, Menard & Treit 1999). Dies könnte unter anderem daran liegen, dass die meisten Studien mit einer generellen Läsion von zentralem 5HT arbeiten, 5HT jedoch durch weit verzweigte Projektionen (Feldman et al. 1997) und verschiedene 5HT-Rezeptorsubtypen (Lesch et al. 2003, Hennig & Netter 2005) Angst unterschiedlich moduliert (Deakin & Graeff 1991, Graeff et al. 1997). Zudem existieren individuelle Unterschiede verschieden ängstlicher Ratten (Schwarting et al. 1998), die sich auf 5HT-Manipulationen auswirken können. Im Rahmen dieser Dissertation wurden drei Studien durchgeführt, die sich mit diesen, bisher meist nicht berücksichtigten, Aspekten beschäftigen und beispielsweise individuelle Unterschiede oder die funktionalen Rolle von 5HT im ventralen Striatum mit einbeziehen. Das Angstverhalten von Ratten wurde nach Manipulation des 5HTSystems, durch das Toxin 5,7-Dihydroxytryptamin (5,7-DHT), das potentiell neurotoxische 3,4-Methylenedioxymethamphetamin (MDMA) und den 5HT2CAntagonisten RS102221 erhoben. Eine Injektion von 5,7-DHT in das ventrale Striatum führte zu einer 5HT-Läsion im anterioren Vorderhirn (Striatum und frontaler Kortex), wobei eine Vorbehandlung mit verschiedenen Wiederaufnahmehemmern notwendig war, um unter anderem das dopaminerge Transmittersystem zu schützen. Studien, die ebenfalls mit gezielten zentralen Injektionen von 5HT-Toxinen arbeiten, vernachlässigen es oft, weitere Hirnareale und Neurotransmitter zu analysieren und unterschätzen das anatomische Ausmaß der Schädigung. Der verringerte 5HTSpiegel im anterioren Vorderhirn führte hier zu moderaten anxiogenen Effekten im erhöhten Plus-Labyrinth (elevated plus-maze, EPM) und im Offenfeld (open field, OF). Darüber hinaus zeigten sich Effekte in einem weitern Verhaltensmaß für Angst, der Ultraschallvokalisation (ultrasonic vocalisation, USV). Eine intrastriatale Injektion des 5HT2C-Antagonisten RS102221 führte dagegen kaum zu Auswirkungen im Angstverhalten im OF, was darauf hindeutet, dass die anxiogenen Effekte in der vorangegangenen Läsionsstudie eventuell auf andere 5HT-Rezeptortypen oder extrastriatale 5HT-Schädigungen zurückzuführen sind. Untersuchungen von MDMA-Langzeiteffekten unter Berücksichtigung individueller Ängstlichkeit zeigten, dass die Wirkung von MDMA von der vorherigen natürlichen Ängstlichkeit der Ratten abhängig ist. Das Verhalten im EPM, OF und bei der Exploration eines neuen Objektes war nur bei niedrigängstlichen Tieren durch MDMA verändert. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Injektion des Toxins 5,7-DHT in eine bestimmte Hirnregion zu einer weitreichenderen Läsion führen kann und auch andere Hirnareale und Neurotransmitter untersucht werden müssen, um nicht zu einer falschen Schlussfolgerung zwischen Neurochemie und Angst zu gelangen. Zudem reagieren nicht alle Individuen auf eine Manipulation des 5HT-Systems gleich. Daher sollten Versuchstiere vorher auf ihre individuellen Dispositionen, beispielsweise hinsichtlich Angst, untersucht werden. Weiterhin empfiehlt es sich, nicht nur das augenscheinliche Verhalten der Tiere auszuwerten, sondern den Tieren auch “zuzuhören“, da das Verhalten von Ratten nicht nur auf sichtbare Variablen wie beispielsweise Lokomotion oder Vermeidung beschränkt ist, sondern sich eine Manipulation des 5HT-Systems auch auf deren USV auswirkt.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2008.0075