EEG-Untersuchungen zur Informationsstruktur und Verarbeitung koreferenter Nominalphrasen

Manipulationen der Diskursstruktur im Hinblick auf die Verarbeitung von Antezedens-Anapher-Paaren waren Themen der vorliegenden Arbeit. Hauptziel war die Untersuchung des Einflusses kontextueller Faktoren auf die Analyse koreferenter Nominalphrasen während der visuellen Verarbeitung. Hierfür wurden...

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Main Author: Kulik, Sylvia Barbara
Contributors: Schlesewsky, Matthias (Prof. Dr.) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2007
Germanistische Sprachwissenschaft
Subjects:
Online Access:PDF Full Text
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Description
Summary:Manipulationen der Diskursstruktur im Hinblick auf die Verarbeitung von Antezedens-Anapher-Paaren waren Themen der vorliegenden Arbeit. Hauptziel war die Untersuchung des Einflusses kontextueller Faktoren auf die Analyse koreferenter Nominalphrasen während der visuellen Verarbeitung. Hierfür wurden Probanden in drei Experimenten mit einem Set semantisch relatierter Nomen in Form von Ober- und Unterbegriffspaaren konfrontiert. Dabei wurde insbesondere der Einfluss von Kontexten auf die Verarbeitung fokussierter Elemente wie auch die Verarbeitung anaphorischer Argumente betrachtet. Ein weiteres Thema der Arbeit war die Untersuchung von Stellungsvariationen nicht pronominaler Akkusativ- und Nominativargumente im Mittelfeld deutscher Sätze. Der Einfluss kontextueller Faktoren zeigt sich beispielsweise bei der Auflösung anaphorischer Relationen. Sehr oft erfolgt die referentielle Anbindung von Argumenten durch Pronomen. Allerdings können auch semantisch relatierte oder identische nominale Elemente als Anapher genutzt werden. In der vorliegenden Arbeit wurden nicht pronominale Anaphern verwendet. Dabei handelte es sich um Oberbegriffe (z. B. Fisch) oder identische Wiederholungen der zuvor im Kontext erwähnten Antezedeten (z. B. Karpfen). Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass die Verarbeitung bekannter oder voraktivierter (geprimter) Informationen im EEG zu einer Reduktion der lexikalisch relatierten N400-Komponente führt. Abhängig von der semantischen Nähe und der Distanz zwischen Prime und Target variiert die Reduktion und ist am Stärksten für unmittelbar wiederholte Wörter. Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit legen die Vermutung nahe, dass diese N400-Komponente darüber hinaus von der Verarbeitungsstärke beeinflusst wird, welche offensichtlich durch die Struktur des Kontextes mitbestimmt wird. In Experiment 1 zeigte sich, dass sowohl semantische als auch räumliche Distanz bei der Anbindung einer Anapher nicht zu der erwarteten Variation der Reduktion der N400-Komponente führten. Stattdessen war bei gleich bleibender Effektstärke für hyperonyme Anaphern eine Latenzverschiebung von ca. 70 ms zu beobachten. Ursache dieser Verzögerung ist möglicherweise die Zeit, die das Sprachverarbeitungssystem benötigt, um das zuvor präsentierte Konzept (das Antezedens) zur Integration des Oberbegriffs zu reaktivieren. Diese Beobachtungen können dahingehend interpretiert werden, dass (bei entsprechenden kontextuellen Voraussetzungen) die Verarbeitung unterschiedlicher nicht pronominaler Anaphern auf Textebene sehr ähnliche Verarbeitungsmechanismen zur Einbettung in den Diskurs aktiviert. Offenbar führte der semantische Unterschied dadurch lediglich zu einer zeitlichen Verschiebung der erfolgreichen Integration, nicht jedoch zu einem höheren lexikalischen Verarbeitungsaufwand als für die Integration identischer Anaphern nötig war. Die Struktur des Kontextes scheint dabei von entscheidender Bedeutung zu sein. Unter veränderten kontextuellen und damit informationsstrukturellen Bedingungen in Experiment 3 war dieser Effekt nicht zu beobachten. Für die Untersuchungen zur Verarbeitung von Manipulationen der Argumentabfolge im Mittelfeld deutscher Sätze wurden den Probanden Zielsätze präsentiert, deren eingebettete Nebensätze eine solche Manipulation zuließen (z. B.: „…, dass der Junge den Fisch …“ vs. „…, dass den Fisch der Junge …“). Im Deutschen ist für derartige Manipulationen eine so genannte Scramblingnegativierung zu erwarten. Dabei handelt es sich um eine ereigniskorrelierte Komponente im EEG, die bei der Verarbeitung mittelfeldinitialer, nicht pronominaler Akkusativargumente im Vergleich zu Nominativargumenten auftritt. In der vorliegenden Arbeit war die Scramblingnegativierung nicht für alle initialen Akkusativargumente nachweisbar. Ursache dessen ist vermutlich die wortweise Präsentation der Zielsätze. Diese bewirkte lokale Ambiguitäten einiger Artikel, wodurch diese sowohl als Determinierer einer DP als auch als Demonstrativpronomen interpretiert werden konnten. Aufgelöst wurde diese Ambiguität jeweils erst durch das Erscheinen des Nomens der initialen DP im Mittelfeld. Infolge der Präferenz subjektinitialer Strukturen sowie einer weiteren Eigenschaft dieser Satzposition, nämlich der, die Basisposition unbetonter Pronomen (Wackernageleffekt) zu sein, führte dies möglicherweise zu einer Präferenz der Interpretation der ambigen Artikel als Pronomen. Für diese Argumentation spricht, dass der Scramblingeffekt in Experiment 3 teilweise auf dem anschließenden nominalen Element nachweisbar wurde. Dabei handelte es sich um das dem Artikel assoziierte Nomen und damit immer noch um die Position der mittelfeldinitialen Determiniererphrase. Das würde bedeuten, dass es infolge der Ambiguität zu einer Verschiebung der Scramblingnegativierung auf das desambiguierende, die Funktion als Akkusativobjekt anzeigende Element kam. Eine weitere ungewöhnliche Beobachtung zeigte sich in den Verhaltensdaten in Experiment 3. Die Akzeptabilitätsbewertung sprachlichen Materials wird durch einige pragmatische Regeln beeinflusst. Zu diesen informationsstrukturellen Faktoren gehört die Präferenz subjektinitialer Strukturen aber auch die Präferenz, definite vor indefiniten Argumenten zu generieren. In Experiment 3 zeigte sich nun, dass Bedingungen mit initial indefiniten Akkusativartikeln im Mittelfeld der Zielsätze signifikant besser bewertet wurden, als Bedingungen mit einem definiten Akkusativartikel in dieser Satzposition. Die Ursache hierfür besteht möglicherweise in einer unerwarteten Vertauschung der thematischen Rollen in den Zielsätzen.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2007.0669