Biologische Beiträge zum Leib-Seele-Problem. Eine wissenschaftshistorische und -theoretische Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Molekularen Genetik und Theoretischen Biologie

Ziel dieser Arbeit ist eine wissenschaftshistorische und -theoretische Untersuchung des Leib-Seele Problems. Die drei naturwissenschaftlichen Systeme, auf die sich diese Arbeit bezieht, sind Aristoteles Wissenschaftsphilosophie, v. Uexkülls Theoretische Biologie, und eine Protobiochemie der Moleku...

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Main Author: Diekwisch, Thomas
Contributors: Janich, Peter (Professor, Doktor) (Thesis advisor)
Format: Dissertation
Language:German
Published: Philipps-Universität Marburg 2005
Philosophie
Subjects:
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Description
Summary:Ziel dieser Arbeit ist eine wissenschaftshistorische und -theoretische Untersuchung des Leib-Seele Problems. Die drei naturwissenschaftlichen Systeme, auf die sich diese Arbeit bezieht, sind Aristoteles Wissenschaftsphilosophie, v. Uexkülls Theoretische Biologie, und eine Protobiochemie der Molekularen Genetik. In Hinblick auf die Philosophie des Geistes haben wir die Naturgötter der Vor- und Frühgeschichte behandelt, biographische, psychologische, zeitgeschichtliche, und philosophische Hintergründe von Descartes Trennung zwischen Körper und Seele diskutiert, und Martin Heideggers Fundamentalontologie aus der Perspektive von Angst und Sorge analysiert. Zusammen, zufällig oder nicht, sind alle diese Systeme in der Auseinandersetzung zwischen Geist und einer wirklichen, physischen Umwelt entstanden. Auch in der aktuellen Diskussion des Leib-Seele-Problems bestehen nach wie vor Probleme mit der Reduktion mentaler Konzepte auf physische Ereignisse und mit der Möglichkeit kausaler Geist-Körper-Beziehungen. In unserer wissenschaftstheoretischen Analyse haben wir aufgezeigt, daß das Leib-Seele-Problem vornehmlich als sprachtheoretisches Problem zweier Beschreibungssprachen besteht. Solange wir Phänomene des Geistes aus der wissenschaftlicher Perspektive betrachten, verwenden wir verschiedene Methoden, um das Wesen psychischer und physischer Phänomene zu erkunden, und selbst wenn diese Methoden denselben Gegenstand erforschen, benutzen wir verschiedene Beschreibungssprachen, um unser Wissen zu qualifizieren. Wir haben darüber hinaus eine begriffliche Trennung zwischen verschiedenen Formen von Geisteshandlungen vorgenommen, insbesondere zwischen (i) Reflexhandlungen, (ii) Sinneswahrnehmungen, und (iii) Bewußtseinszustände und Qualia. Hier argumentieren wir, daß insbesondere im Fall von (iii) nicht die Interaktion mit der Außenwelt noch die neurobiologische Repräsentanz im Vordergrund stehen, sondern die Bewußtseinsleistung an und für sich. Diese Unterscheidung verschiedener Geistesaktivitäten erlaubt uns eine begriffliche Position gegen den reduktiven Materialismus, indem wir argumentieren, daß es in unserer Sprache, Kommunikation, und selbst in unserer Anschauung im Falle von Bewußtszuständen und Qualia nicht um den neurokybernetischen Prozess sondern um das geistige Phänomen geht, das als kognitive Entität an und für sich die Basis für Kommunikation und Reflexion darstellt. Neben der Zurückweisung des Leib-Seele-Problems aus sprach- und wissenschaftstheoretischer Perspektive ist der Funktionalismus die vielleicht am nächsten stehende Position. Die Attraktivität des Funktionalismus besteht darin, zwei verschiedene Beschreibungssprachen für physische und psychische Phänomene eingeführt zu haben. Im Gegensatz zum Scheinproblem-Ansatz erlaubt der Funktionalismus die Möglichkeit einer psychophysischen Repräsentation. Diese Möglichkeit ist insbesondere attraktiv, wenn wir über psycho-physische Interaktionen reden wollen, wie zum Beispiel in der psychosomatischen Medizin. Über das methodische Begreifen und Erfassen des Gehirns hinaus stellt sich jedoch auch die Frage nach der Kompatibilität mentaler und physikalischer Ereignisse und nach der Natur des Leib-Seele-Problems. Wir schlagen deshalb einen emergenztheoretischen Multiaspekt-Ansatz vor, um die verschiedenen Wege natur- und geisteswissenschaftlicher Methodik in unsere anschauliche Erfassung des Leib-Seele-Problems und insbesondere des Gehirns einfließen zu lassen. Hier folgen wir Aristoteles Teleologie, Martin Heideggers Fundamentalontologie und Carl Gustav Jungs Konzept des Unus Mundus , indem wir zur Vereinigung physischer und psychischer Vorstellungswelten aufrufen, um eine Seinsverwirklichung zu erzielen, die über isolierte Einzelwissenschaften und Einzelerfahrungen hinaus geht. Diese Arbeit war von Anfang an nicht nur als Analyse des Leib-Seele-Problems aus der Perspektive der Analytischen Philosophie konzipiert worden, sondern vielmehr als wissenschaftstheoretischer und wissenschaftshistorischer Beitrag zum Leib-Seele-Problem aus der Sicht der Naturwissenschaften. Unsere Kleine Proteobiochemie der Molekularen Genetik hat demonstriert, zu welchem Ausmaß Gene zur Entwicklung und Formbildung der Lebewesen beitragen. Wir haben jedoch auch gelernt, daß genetische Kontrolle Grenzen hat, insbesondere wo Einflüsse der Umwelt, Spontaneität, und psychosomatischen Wechselwirkungen zum Tragen kommen. Über die molekulargenetische Perspektive hinaus haben wir den menschlichen Geist im Kampf zwischen Freiheit, Umwelt, Variabilität, und evolutionshistorisch überlieferter Planmäßigkeit erfahren, und uns ist klar geworden, wie wenig wir über die neurobiologische Natur bewußter Vorgänge wirklich wissen.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2005.0124