Jörg Ziegenspeck: Martin Luserke - Notizen zu Leben und Werk des Reformpädagogen. Ansprache anläßlich der Ausstellungseröffnung "Martin Luserke - Reformpädagoge - Schriftsteller auf dem Meer und an den Meeresküsten" am 9. Oktober 1988 im Morgenstern-Museum in Bremerhaven. Marburg 1999: http://archiv.ub.uni-marburg.de/sonst/1999/0016.html



Jörg Ziegenspeck (*)

Martin Luserke - Notizen zu Leben und Werk des Reformpädagogen

Ansprache anläßlich der Ausstellungseröffnung "Martin Luserke - Reformpädagoge - Schriftsteller auf dem Meer und an den Meeresküsten" am 9. Oktober 1988 im Morgenstern-Museum in Bremerhaven

Marburg 1999: http://archiv.ub.uni-marburg.de/sonst/1999/0016.html


I.

Eigentlich hätte ich schon bei der Bitte, heute und hier ein paar Worte des Geleits zu sprechen, zurückschrecken müssen, denn ich bin weder ein profunder Luserke-Kenner noch ein ausgewiesener Luserke-Forscher, ich bin nur - wie die meisten von Ihnen - ein Neugieriger, der bei der Suche nach den "Wegbereitern der modernen Erlebnispädagogik" auch auf diesen Reformpädagogen stieß.

In dieser Zeit wird - wenn es um die Frage der Nachfolge (1) geht - viel von den "Enkeln" erwartet. Aber solange es noch Weggefährten und Zeitzeugen gibt, sollten diese eigentlich Kunde geben und uns später Geborene kundig machen. Denn sie können aus konkreter Anschauung und bewußtem Erleben berichten, die "Enkel" nur vom Hörensagen. Jene hatten die Chance der persönlichen Begegnung in ihrer Zeit, wir Nachgeborenen müssen aus Geschriebenem "entziffern" und Berichte "enträtseln", um Person und Werk in unsere Wirklichkeit zu "übersetzen" und "hinüberzuretten".

Um im Bilde zu bleiben: Die "Enkel" sind - wollen sie, wie hier bei Martin Luserke, das pädagogische Urgestein schlagen - auf die Söhne und Töchter angewiesen. Und so haben wir heute die Möglichkeit, Dieter Luserke zu danken; er ist Motor und Anreger, und er hat gemerkt, daß viele seiner Anstöße etwas in Bewegung brachten. Im übertragenen Sinne darf die Schauspielerin Maria Becker wohl als eine "Tochter" bezeichnet werden, der es immer wieder gelingt, der Vitalität Luserkescher Prägungen Ausdruck zu verleihen. Es beruhigt mich also, daß ich nicht alleine bin, und daß im Laufe des Tages so manche Ergänzung notwendigerweise erfolgen kann und Nachfrage möglich ist.

II.

Anläßlich des 100. Geburtstags Martin Luserkes (1980) hielt Kurt Sydow - der Kollege aus gemeinsamer Juister Zeit - die Laudatio. (2) Damals beendete er seine Ansprache mit folgendem Zitat Luserkes:

"Dreierlei Wille ist in allem, was lebt,
und in rechtem Maße seien diese drei vereint.
Dann fährt das Leben gut dahin:
In sich selber beisammenbleiben,
den Genuß der Veränderung verstehen und
dem Tode ohne Furcht dennoch entschlüpfen.
Schlange, Wasserwoge und Möwe, das sind die drei,
und in solcher Richtung muß es gelesen werden:
Die Möwe ist das erste,
auf Wind und Wasser, dem flutenden Tode,
wiegt sie sich immer dahingetragen obenauf.
Die Wasserwogen, das ist das zweite:
ohne Zögern erfüllen sie alle Räume und ohne Unterschied.
Die Schlange aber ist das dritte,
die sich häutet, wenn es ihre Zeit ist,
und sich nicht einmal umsieht nach dem, was sie abstreifte.
Fände sich die Durchdringung dieser drei Dinge ineinander -
das wäre der silbergeschmiedete Menschenleib,
und in der Verbundenheit der Freundschaft
ist auf Erden schon die Erfüllung zu suchen."


Hieran ist - so denke ich - heute anzuschließen, denn gerade Leben und Werk Martin Luserkes ist "die Durchdringung dieser drei Dinge ineinander" abzulesen: Martin Luserke hat sich stets bemüht,
Und in der Tat, Martin Luserke hat sich in seinem Leben nicht umgesehen, wenn es etwas abzustreifen galt; und auch dem Tode - im Sinne des Versinkens in die Erinnerungslosigkeit eines undurchdringlichen Dunkels - ist er entschlüpft: seine Erzählungen sind auch Berichte über den Erzähler selbst - und so wird er (mit Hilfe auch der "Ur-Enkel") noch lange lebendig sein.

Martin Luserkes Leben mutet wie ein Schauspiel an: viele Bilder und Akte reihen sich aneinander, die Kulissen wechseln, das Wort bleibt. Der Vorhang fällt, das nächste Spiel beginnt: und in jedem Stück, auf jeder Bühne war Martin Luserke er selbst und in der Veränderung der Lebensbezüge ein Verwandelter und Gewandelter, schließlich einer, der etwas "über Bord werfen" konnte, ohne alles zu verlieren; ein Mensch hat gegeben und dabei viel zurück erhalten; und was er erhielt, machte er wieder zum Geschenk.

In diesem Sinne will uns auch diese Ausstellung zeigen, wer Martin Luserke war und was er hinterließ. Nun ist es an uns, daraus etwas zu machen.

III.

Luserke war geborener Berliner. Das pietistisch geprägte Elternhaus schickte ihn mit 15 Jahren zur Lehrerausbildung auf das Herrnhuter Lehrerseminar in Niesky (Lausitz). Er wurde anschließend Elementarlehrer am gymnasialen Pädagogium in Niesky. Dem Pietismus entfremdet, studierte er 1904 Mathematik und Philosophie an der Universität Jena. Er unternahm 1905 eine meereskundliche Studienfahrt in die Bretagne, die zu einer mehrmonatigen Wanderung durch das Gebiet der keltischen Steinzeitkultur wurde. Das war das Urerlebnis seines Lebens, dessen Abenteuercharakter ihm bewußt wurde als sagenhafter Erzähler wie als Pädagoge. Vom akademischen Lehrbetrieb wie von der offiziellen Pädagogik enttäuscht, brach er 1906 das Studium ab.

Ostern 1906 schloß er sich dem Reformpädagogen Hermann Lietz an und unterrichtete an seinem Landerziehungsheim Haubinda. Als es auch hier zu Konflikten mit der Leitung kam, gründete er mit einer Gruppe von "Pädagogischen Rebellen", zu denen Gustav Wyneken, Paul Geheeb und August HaIm gehörten, im Herbst 1906 die Freie Schulgemeinde Wickersdorf. Hier entstanden auch seine ersten "Laienspiele" und die frühen Erzählungen. Bei periodisch auftretenden Konflikten mit Wyneken übernahm M. Luserke von 1910 bis 1924 die Leitung von Wickersdorf. Unterbrochen wurde die Führung durch Luserkes Kriegsdienst und Gefangenschaft von 1914 - 1917 und von 1919 -1921, als Wyneken wieder vorübergehend die staatliche Lizenz zur Leitung erhielt.

Da Wyneken Mitglied der Schulgemeinde blieb, selbst im benachbarten Pippelsdorf wohnte und ein eigenes Zimmer im Internat behielt, suchte Luserke dem ständigen Gegensatz auszuweichen durch seine Gründung der "Schule am Meer" auf Juist (1924). Es war geplant, Juist als Spielzentrum und Ausbildungsstätte für Spielleiter einzurichten (mit Unterstützung des preußischen Kultusministeriums und des Berliner Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht). Von 1929 -1931 wurde eine große Theaterhalle errichtet. Nach vergeblichen Hoffnungen auf Anerkennung oder Übernahme der Schule durch die NS-Kulturpolitik wurde sie 1934 aufgelöst.

Luserke führte weiterhin ein Leben als freier Schriftsteller (es entstanden u.a. der Roman "Hasko" und eine Wikinger-Trilogie). Auf der Tjalk "Krake", seiner schwimmenden Dichterwerkstatt, war Luserke in der Nord- und Ostsee - in Begleitung seines Sohnes Dieter - unterwegs. Auf dem Schiff entstanden Seegeschichten in unmittelbarer Erfahrung. 1939 siedelte Luserke sich in Meldorf (Schleswig-Holstein) an. Es entstanden viele neue Texte für das Laientheater. In seinen letzten Lebensjahren arbeitete Luserke an der Vollendung seiner Auffassung vom Spiel der Shakespeare-Komödien ("Pan-Apollon-Prospero", 1957) und an seiner Lebensphilosophie ("Agitur ergo sum?", 1974). Martin Luserke starb 1968 in Meldorf und liegt auf dem Friedhof in Hage (Ostfriesland) begraben. (3)

IV.

Drei Begebenheiten sollen herausgegriffen werden, weil es sich wohl um "Schlüsselerlebnisse" handelt und Kindheit, Jugend und Alter charakterisieren helfen:

1. Hans-Windekilde Jannasch - ebenfalls ein Reform-Pädagoge - berichtet folgendes aus gemeinsamer Schulzeit:

"Als älteren Schülern waren uns zwei Wege zum Spaziergang ohne Aufsicht freigegeben, der eine begrenzt, der andere in unbegrenzte Weite führend. An diesem stehen wir am ersten Nachmittag der Pfingstferien. Es ist die Chaussee, die irgendwann einmal Dresden trifft. Ein phantastischer Gedanke! Luserke erklärt sich auf der Stelle bereit, dem Lockruf der Ferne zu folgen. Wir legen unser mageres Taschengeld zusammen für das Telegramm, das seine Ankunft in Dresden melden soll, und für die Rückfahrt 4. Klasse. 16 Stunden läuft er, bricht auf der Augustusbrücke übermüdet, mit durchgelaufenen Füßen, zusammen, telegraphiert triumphierend und ist am nächsten Tag wieder da. Sind es nicht die Keime späterer Lebensleistung?"(4)


2. Später dann die dreimonatige Wanderung von der deutschen Nordseeküste bis zum westlichsten Küstenstreifen Europas und zu den vorgelagerten Inseln. Auf dieser Reise entschied sich das Schicksal des späteren Erzählers und auch des Pädagogen, als ihm bei einer ihn beschämenden Begegnung mit einem letzten Barden im Kreis der Fischer von Molène sein "ganzes Kulturgut und Ergebnis von literarischer Bildung umgekehrt erschien", vielleicht auch abhanden kam. Ein Dichter hatte er werden wollen; und Blatt für Blatt des "erdichteten" Materials der bisherigen Reise warf er in den nächtlichen Ebbstrom. Und von den späteren Geschichten Luserkes ist keine als "Literatur" aus unverbindlicher Phantasie entstanden. Nein, Luserke erzählte "auf Anruf", und die Geschichten hatten stets mit dem eigenen Lebensabenteuer und dem Erlebnis der Zuhörer zu tun. - Eine Kunst, die heute kaum noch jemand beherrscht.

Diese Unmittelbarkeit als das unverwechselbare Charakteristikum des Dichters Martin Luserke wirkte sich in gleicher Intensität auch bei dem Lehrer Luserke aus, als 1906 das pädagogische Abenteuer begann. Und bis zum Ende seiner pädagogischen Epoche 1934 ist sein ganzes erzieherisches Denken von den Begriffen "Weltbemächtigung durch Erfahrung aus eigenem Abenteuer und Erlebnis" geprägt. (5)

3. Und wie er sich der Welt bemächtigte, so waren es immer wieder Naturerscheinungen, die sich bei ihm eingruben; je tiefer, desto gewaltiger lebten Erlebnisse in Sprache und Dichtung fort. So berichtet er:
"Das große Erlebnis war vorhin an Deck. Eine Stunde habe ich atemlos gegafft, bis mir einfiel, auch Dieter zu holen. Der Vollmond stand sehr niedrig, und das Gewölk war unter dem kälteren Wind zu massigen Dunstgebilden geworden. Und da sah ich im Süden, wo sich eine große Sandbank, 'das Nordland', unter dem Wasser streckt, diese Stunde lang zum Erschrecken leibhaftig hier am Rand der Welt die Mondburg auf dem Nordland. Erst erhoben sich dort nur schattenlose Wolkenfelsen. Im ganzen Süden stand der Dunst noch dick gemauert vom Wasser empor; der Nordwest hatte sich gerade erst darüber hergeworfen. Wo die schiefe Mondbeleuchtung einfiel, ragten die Felsen unheimlich dicht und weiß wie hundert Meter hohe Eisberge. Hoch von oben gossen sich Lawinen über die Hänge. - Das Ganze war so unheimlich nahe beim Schiff, daß man den Kopf in den Nacken legen mußte, und der Sturz auf unser Deck herabzukommen schien. Unser Mast aber schwankte unter einem Himmel, der erst endlos hoch durch eine zweite Wolkendecke abgeschlossen wurde. Mann, was schwankt der Kahn! Gerade ist wieder eine Boe zu Gange, die orgelt richtigt in unserem Takelwerk. Es ist doch schon zwei Stunden nach Hochwasser und könnte längst ruhiger sein.

Also, wie ich oben ganz benommen auf dieses Nebelbild von Eisberg starrte, da kam plötzlich wie ein Schlag das Bewußtsein: dies Ganze bewegt sich ja! Die weißen Felsen verschoben sich bannend langsam; jetzt rückte ein ungeheurer, finsterer Klotz heran. So wie ich in Norwegen die Felsen steil aus dem Wasser hoch und immer höher steigen sah, bis es einem beim Hinaufschauen schwindelte, weil das Gestein sich herabzukippen schien, so riesenmäßig war dieser Wolkenberg auf dem Nordland. Seine Flanken waren von Schächten zerklüftet, in die das Mondlicht eindrang. Und langsam bildeten sich in der fortschreitenden Veränderung Fensterhöhlen und offene Wölbungen, die ins Innerste des Riesenklotzes führten, und ganz in seiner Tiefe wurde schließlich ein rötliches Gewusel von Gestalten sichtbar. Dazu das Gebrause von Wind und Wasser und die seltsamen Stimmen, die man im Sturm plötzlich rufen hörte. Peng, da schlug wieder eine See draußen gegen unseren Bug, daß der Gischt schwer übers Vorschiff prasselte. Das Schiff hatte nicht aufgepaßt. Im allgemeinen nimmt 'Krake' die See prächtig. Schwenkt sich drüber und wischt sich das Hinterteil daran.... Seit ich die Mondburg gesehen habe, ist irgend etwas im ganzen hier verändert. Bestätigung eingetroffen. Danke, Obadjah!" (6)


V.

Aus dem bisher Gesagten wird deutlich geworden sein, wie wichtig Martin Luserke in der Erziehung das "Erlebnis aus erster Hand" ist. Wer heute versucht, an den Erkenntnissen von einst anzuknüpfen, um nach Möglichkeiten für eine wegweisende Erziehung von heute und für morgen zu suchen, wird nichts kopieren können (also auch nicht den Versuch unternehmen, die "Schule am Meer" neu eröffnen zu wollen), sondern wird vielmehr nach Übertragung in unsere aktuelle Wirklichkeit trachten. Ein solcher Übersetzungsversuch wird seit mehreren Jahren an der Hochschule in Lüneburg unternommen.

"Erziehung d u r c h die See", nicht f ü r die See heißt das Motto; die Natur wird in das pädagogische Konzept integriert. So wie ein traditionsreiches Schiff für die moderne Jugendarbeit zum Medium wird, so wird auch an älteren pädagogischen Grunderfahrungen anzuknüpfen versucht, weil sie sich gerade heute sehr deutlich in ihrem aktuellen Gehalt bestätigen.

"Eine solche erlebnisorientierte pädagogische Arbeit benötigt in unserer Zeit in der Tat ein Medium, das dafür besonders geeignet ist: Auf einem Segelschiff kann der Jugendliche das Abenteuer noch aus 'erster Hand' erleben, kann er feststellen, was wirklich in ihm steckt, wird er in einer Weise herausgefordert, wie es an Land und in unserer weitgehend betonierten, asphaltierten, pflegeleicht gehaltenen und flurbereinigten Zivilisation mit der gleichzeitig erzeugten Konsumhaltung des einzelnen kaum noch möglich ist - von gesetzlichen Einschränkungen der Erlebnismöglichkeiten ganz zu schweigen.

Die intensiven Erlebnisse an Bord und das in dem einzelnen Jugendlichen wachsende Bewußtsein, daß er sich ungewohnten und neuen Aufgaben stellen und in der zunehmenden Verantwortung bewähren kann, hat Auswirkungen auf seine Bereitschaft, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren und sich in seinem Lebens- und Wirkungsfeld zu engagieren - beruflich und sozial." (7)


Im Gegensatz zu theoriebildenden Lernsituationen werden auf dem Segelschiff Fertigkeiten und Kenntnisse praktisch vermittelt. Nicht das Lernen über den Kopf ist Trumpf (und wieviele Jugendliche haben durch ein solches verschultes Lernen das Lernen verlernt?), sondern das Lernen über die Hand und die unmittelbare Beobachtung wird angebahnt (und steigt dann manchem auch wohl zu Kopfe!).

Und deshalb spreche ich von der "kopernikanischen Wende des Lernens", die noch aussteht:

Wer etwas "behandelt", wer sich mit etwas "befaßt", wer etwas "begreifen" will, der muß dazu auch Chancen erhalten. Wann werden wir endlich erfassen, daß der "Nürnberger Trichter", der nach wie vor hohen Stellenwert besitzt, das falsche Instrument ist, unser Verhalten zukunftsorientiert zu verändern?

VI.

Zum Schluß kann ich nur thesenartig verdichten, was auch den Aussagen Martin Luserkes und anderer Reformpädagogen abzuleiten ist. Wenn es um das "Lernen fürs Leben" geht, müssen wir umdenken, denn dieses Lernen läuft nicht nur und ausschließlich über den Kopf ab, vielmehr sind Herz und Hand zu beteiligen.

Bezogen auf eine Pädagogik, die dem Erlebnis besonderen Stellenwert einräumt, sage ich:

  1. Lernen für's Leben bedeutet, sich auf Kontraste einzulassen und Kontraste bewußt zu machen:
    • Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart,
    • zwischen notwendiger Anpassung und erforderlichem Zwang,
    • zwischen Innenwelt und Außenwelt in ihren physischen, psychischen, sozialen und politischen Bezügen und Spannungen,
    • zwischen Aktion und Reaktion,
    • zwischen Differenzierung und Integration
  2. Lernen für's Leben bedeutet, das zu konkretisieren, was sich im allgemeinen Sprachgebrauch als anschauliche Wendungen finden läßt:
    • sich zu neuen Ufern aufmachen,
    • seinen Horizont zu erweitern und
    • etwas in Erfahrung bringen.
  3. Lernen für's Leben bedeutet, den offensichtlichen Mangelerscheinungen in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken:
    • dem Mangel an Sorgsamkeit,
    • an Initiative,
    • an Selbstzucht und Bescheidung und
    • an menschlicher Anteilnahme.
  4. Lernen für's Leben bedeutet, dem in der Medizin anerkannten Grundsatz - Vorbeugen ist besser als Heilen -auch im pädagogischen Raum Gültigkeit zu verschaffen:
    • denn Straffälligkeiten zu verhindern ist billiger, als Jugendliche in den Apparat der Justiz geraten zu lassen;
    • Beratung, die zur Selbsthilfe befähigt, ist billiger, als Jugendliche in die Obhut der Psychiatrie zu geben.

  5. Lernen für's Leben bedeutet, dort anzusetzen, wo bestehende Institutionen häufig überfordert sind und versagen:
    • Elternhaus und
    • Schule
  6. Lernen für's Leben bedeutet, dem Schönen Erlebnis seinen wichigen, nicht zu unterschätzenden Stellenwert einzuräumen:
    • Die Psychologie hat sich in der Vergangenheit fast ausschließlich auf das schlechte Erlebnis mit seinen negativen Auswirkungen konzentriert (so wird z.B. von der traumatischen Wirkung mit lebenslanger Bedeutung gesprochen);
    • dagegen gilt es, dem schönen Erlebnis mit wissenschaftllichen und praktischen Mitteln "auf die Sprünge zu helfen".

  7. Lernen für's Leben bedeutet, an den Ideen Kurt Hahns, Martin Luserkes und anderer Reformpädagogen und der sich hieran orientierenden Erlebnispädagogik anzuknüpfen:
    • Jugendliche sollen in gemischten Gruppen (Rasse, Glaube, Sprache, Geschlecht, soziale Herkunft u.a.) Gelegenheit erhalten,
      1. sich selbst und die anderen neu kennenzulernen;
      2. sich herausfordern zu lassen;
      3. anderen zu helfen und sich von anderen helfen zu lassen;
      4. zu merken, daß mehr in einem steckt, als man bisher annahm;
      5. Verantwortung zu tragen und zu übertragen

Wer schließlich "Lernen fürs Leben" so versteht, der mag guten Gewissens ergänzen: "Lernen mit Herz, Hand - und Verstand", weil er offensichtlich aus praktischer Einsicht in die Notwendigkeiten zu einem neuen Verständnis gekommen ist. (8)

Wenn Martin Luserke in diesen Thesen und in dieser Übersetzung transparent geblieben ist, dann werden wir auch in Zukunft noch manche wichtige Erkenntnis von ihm in die moderne Pädagogik übertragen können.

Und - so denke ich -: das lohnt!


Anmerkungen:

(*) Jörg Ziegenspeck (Hochschule Lüneburg) gilt als Initiator einer modernen Erlebnispädagogik in der Bundesrepublik Deutschland. Zahlreiche Bücher, erziehungswissenschaftliche Aufsätze und die Begründung einer "Zeitschrift für Erlebnispädagogik" dokumentieren diese langfristig angelegten Bemühungen.

(1) Um Mißverständnisse zu vermeiden, diese Anmerkung: "Nachfolge" hier nicht im statischen Sinne (wer wird "Nachfolger"?) gemeint, vielmehr im dynamischen Sinne (ihm nachgehen, seine Spur weiter verfolgen).

(2) Kurt Sydow: Die Lebensfahrt des Martin Luserke. Juist (Eigenverlag) 1986.

(3) Diese Kurzbiographie folgt jenem Text, der von Wolfgang Keim (Gesamthochschule Paderborn) vorgelegt wurde: Alfred Ehrentreich: 50 Jahre erlebte Schulreform - Erfahrungen eines Berliner Pädaogen. Reihe: Studien zur Bildungsreform - Band 11. Frankfurt / Bern / New York (Peter Lang) 1985, S. 215f.

(4) Zitiert bei Kurt Sydow, a.a.O.

(5) Vgl. Herbert Giffei: Martin Luserke - Ein Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik Reihe: Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik - Heft 6. Lüneburg (Klaus Neubauer) 1987.

(6) Zitiert bei Kurt Sydow, a.a.O.

(7) Jörg Ziegenspeck: Lernen fürs Leben - Lernen mit Herz und Hand. Ein Vortrag zum 100. Geburtstag von Kurt Hahn (1886-1974). Reihe Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik - Heft 1. Lüneburg (Klaus Neubauer) 1986, S. 18.

(8) Vgl. Jörg Ziegenspeck, a.a.O. , S. 20-21.