MARBURG JOURNAL OF RELIGION

Volume 11, No. 1 (June 2006)
(5399 words)


 

Religiosität als demographischer Faktor

- Ein unterschätzter Zusammenhang?

 

Michael Blume, Carsten Ramsel, Sven Graupner

 

Abstract:

In getrennten Diskursen werden derzeit in Wissenschaften und Gesellschaft zwei Themen immer wieder diskutiert: der demographische Wandel und die „Wiederkehr der Religionen“. Der Artikel zeigt anhand von Daten der ALLBUS-Befragung 2002 (1) - aus denen wir ausgewählt und Schaubilder erstellt haben - auf, dass sich beide Phänomene (und eine Reihe weiterer Fragen) klären lassen, wenn der Zusammenhang zwischen Religiosität und Geburtenverhalten berücksichtigt wird.

Two topics are currently the subject of separate discussions in science and society: the demographic shift and the “return of the religions.“ This article appeals to data from the ALLBUS (2) survey of 2002 to demonstrate that these two phenomena (as well as a number of other questions) can be explained if the connection between religiosity and birth-behavior is taken into account.

 


1. Beobachtungen zu Religiosität und Demographie in internationaler Perspektive

Auf der Basis von demographischen Daten und von Befragungsergebnissen des seit 1980 in inzwischen 76 Nationen erhobenen World Value Survey beobachteten die US-amerikanischen Politikwissenschaftler Pippa Norris und Ronald Inglehart, dass weltweit ein gesellschaftlicher Bedeutungsverlust von Religion eine Hauptursache des folgenden Geburtenrückgangs in den jeweiligen Ländern sei. (i)

In säkular geprägten Gesellschaften, auch unterschiedlicher Wohlstandsniveaus, sinke die Fertilitätsrate (Lebendgeburten pro Frau) unter die „Bestandserhaltungsgrenze“ von 2,1. Dynamisches Bevölkerungswachstum gehe dagegen von religiös geprägten Gesellschaften, weitgehend unabhängig von der konkreten Konfession, aus. (ii)

Daher komme es global zu der „paradoxen Gleichzeitigkeit“ von fortschreitenden Säkularisierungsprozessen in vielen Gesellschaften einerseits, dem globalen Anstieg der Zahl und des Anteils religiös geprägter Menschen andererseits. Zwischen den schrumpfend-säkularen und wachsend-religiösen Gesellschaften verbreitere sich so ein kultureller, gesellschaftlicher und schließlich politischer „Spalt“. (iii)

Die Ursache für den Bedeutungsverlust von Religiosität, der dann auch zu niedrigeren Geburtenraten führe, vermuten Norris und Inglehart in der sozialen Absicherung. Wo die Menschen durch einen „Wohlfahrtsstaat“ von existenziellen Sorgen befreit würden, verlören traditionelle Werte und Religion ihre „Hauptfunktion“ und würden durch säkulare und individualistische Haltungen mit dann sinkender Fertilität ersetzt. (iv)

Dass nach ihren eigenen Daten auch in entwickelten Ländern teilweise eine Wiederbelebung religiös-weltanschaulichen Interesses (und sogar ein zaghafter Anstieg der Fertilität) mit Schwerpunkt in gebildeten und wohlhabenden Schichten zu konstatieren ist, integrieren Norris und Inglehart vorerst nicht in ihre Theoriebildung. (v)

 

2. Überprüfung der Thesen anhand des ALLBUS 2002 – Deutschland

Ausgehend von einem Seminar am religionswissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen stellen sich die Autoren die Aufgaben, die von Norris und Inglehart auf Ebene der Nationalstaaten beschriebenen Beobachtung durch Daten aus der deutschen Gesellschaft innerhalb einer Nation zu überprüfen und, wenn sich der Zusammenhang bestätigen sollte, diesen am Material durch eine religions- wie auch demographiewissenschaftlich gestützte Theorie zu erklären.

Als Datenmaterial wählten wir die ALLBUS-Befragung des Jahres 2002, die in ganz Deutschland erhoben wurde und Fragen sowohl zu den Themenkreisen Familie wie auch zu Religiosität, Bildungs- und Einkommenssituation enthält.

Wir konzentrierten uns dabei auf die Gruppe der 35-45jährigen Befragten als einer Altersgruppe, die wesentliche Entscheidungen der Familiengründung umgesetzt hat. Konfessionell setzte sich die Grundgesamtheit von 682 Personen zu 28,6% aus katholischen und zu 29,7% aus evangelisch-landeskirchlichen Christen zusammen, 2,7% gehörten einer freikirchlichen oder anderen christlichen Religionsgemeinschaft und 2,5% einer nicht-christlichen Religionsgemeinschaft an. 36,2% der Befragten waren konfessionslos.

3. Religiosität als demographische Variable

(Abb. 1: Verteilung durchschnittliche Anzahl der Kinder nach Religiosität (ALLBUS 2002), N = 673 (vi))

Die Gegenüberstellung der Selbsteinschätzung der Religiosität der Befragten von 1 (nicht religiös) bis 10 (sehr religiös) mit der Anzahl ihrer Kinder beschreibt einen deutlichen Zusammenhang. Von durchschnittlich 1,44 Kindern bei Befragten, die sich als nicht religiös bezeichnen, steigt die Kinderzahl auf 1,9 Kinder bei Befragten, die sich als sehr religiös einschätzen, an. Der Anstieg ist dabei deutlich, aber nicht völlig durchgängig. Bei Befragten, die sich als wenig (2, 4) oder auch ziemlich religiös (6, 7) einschätzten, liegen die durchschnittlichen Kinderzahlen unter dem Wert der dezidiert Nichtreligiösen.

Wird die Frage der religiösen Praxis - hier: des Betens - gestellt, werden Zusammenhang und auch Auffälligkeiten noch deutlicher. Die durchschnittliche Kinderzahl der nie betenden Befragten liegt demnach nur noch bei 1,39, diejenige der täglich Betenden dagegen bei 2,06.

(Abb. 2: Verteilung durchschnittliche Anzahl der Kinder nach Bethäufigkeit (ALLBUS 2002), N = 680)

Auch hier ist nicht einfach ein linearer, sondern ein „wellenförmiger Anstieg“ zu beobachten. Die wiederabfallenden Ergebnisse finden sich dabei bei denjenigen Befragten, die ihre Bethäufigkeit nicht den Zeitrhythmen zuordnen können, nach denen Religionsgemeinschaften regelmäßig ihre Gebetsvorschriften systematisieren (Jahresfeiertage, wöchentlich, täglich).

Selbst wenn wir dem etwas unschärferen und in der Korrelation nicht ganz so starken Begriff der „Religiosität“ verpflichtet bleiben, ergibt sich der von Norris und Inglehart beobachtete Zusammenhang in Deutschland auch auf nationaler Ebene.

Sich selbst als religiös einschätzende, vor allem religiös praktizierende Bevölkerungsschichten haben durchschnittlich deutlich mehr Kinder als jene, die ihre Religiosität nicht systematisch praktizieren oder sich selbst als nicht religiös betrachten.

Die folgende Grafik vergleicht die Verteilung der Befragten nach Religiosität und ihrer Kinder. Das von Norris und Inglehart global beschriebene „Paradox der Gleichzeitigkeit“ wird hier auf nationaler Ebene im Generationenvergleich sichtbar. Auch nach einer gesamtgesellschaftlich erfolgten Säkularisierung steigt der Anteil der Menschen aus religiösen Elternhäusern wieder an, da die religiös gebliebenen, gewordenen oder mit religiöser Prägung zugewanderten Menschen sich für mehr Kinder entscheiden als die Nichtreligiösen. In einer tendenziell bereits schrumpfenden Gesellschaft wie der deutschen tritt dieser Effekt sogar besonders deutlich hervor.

 

(Abb. 3: Verteilung Generation 35-45 J. und deren Kinder nach Religiosität der Eltern, N = 673, Kinder = 1035, Durchschnittliche Kinderzahl / Befragter 1,54, Höchstwert 10: 1,90)

Die Annahme, dass die Kinderhäufigkeit eigenständig mit der Religiosität korreliert, soll an drei konkurrierenden Erklärungen geprüft werden. Denn zu den gängigen Thesen rund um den „Faktor Religiosität“ gehört, dass er eine weitgehend abhängige Variable und seinerseits aus dem Bildungsstand, Einkommen oder dem gesamtgesellschaftlichen Umfeld abzuleiten sei. Demnach würde die Religiosität den „eigentlichen“ Einflussfaktor auf das Geburtenverhalten nicht selbst darstellen, sondern allenfalls begleiten.

3a. Der Einfluss des Einkommens auf die Kinderhäufigkeit

Dass vor allem arme Menschen viele Kinder bekämen wird seit Thomas Malthus (1766-1834) von den je wohlhabenden Schichten meist mit Unruhe beobachtet. Und auch noch bei der Theorie von Inglehart und Norris, die die Hauptfunktion von Religion in der Bewältigung „existentieller Unsicherheit“ sehen, schwingt die Beobachtung eines international negativen Zusammenhangs von Wohlstand und Religiosität mit. Könnte also die Korrelation von Religiosität und hoher Kinderzahl eigentlich darin begründet liegt, dass vor allem arme Leute viele Kinder bekämen und zudem religiös wären?

Zumindest für Deutschland lässt sich diese Annahme so nicht belegen. Die niedrigste Einkommensgruppe (bis € 999 / Monat) erreicht hier auch die mit Abstand niedrigste durchschnittliche Kinderzahl, die höchste durchschnittliche Kinderzahl wird im Segment eines monatlichen Haushaltseinkommens von € 3000 bis € 4999 erzielt.



(Abb. 4: Verteilung durchschnittliche Anzahl der Kinder nach monatliches Nettoeinkommen im Haushalt (ALLBUS 2002), N = 585)

In die Analyse dieser Verteilung sind jedoch die besonderen Bedingungen der deutschen Sozial- und Familienpolitik (Stand 2002) mit einzubeziehen. So erwachsen aus Kindern in den Haushalten Transfereinkommen (Erziehungs- und Kindergeld, ggf. Sozialhilfe, Wohngeld etc.), die insbesondere niedrige Einkommen anzuheben vermögen. Umgekehrt gehen mit der Geburt von Kindern häufig mindestens für ein Elternteil (meist die Mutter) Einkommensmöglichkeiten und Karrierechancen verloren.

Die schwachen Werte sowohl im unteren wie höchsten Einkommenssegment werden demnach auch dadurch geprägt, dass die Haushaltseinkommen von ärmeren Eltern durch Transfereinkommen eher auf-, die von reicheren Eltern durch Einkommensverluste eher abgestiegen sind. Entsprechend konzentrieren sich in den mittleren Einkommenssegmenten sowohl die Befragten mit durchschnittlich mehr Kindern als auch mit höherer Religiosität. (vii)


(Abb. 5: Verteilung monatliches Nettoeinkommen im Haushalt nach kategorisierter Religiosität (ALLBUS 2002), N = 582)

Nicht unter den Wohlhabenden, sondern unter den ärmsten Bevölkerungsschichten (bis € 999 monatliches Haushaltseinkommen) gibt es mit 45,8% den mit Abstand höchsten Anteil an Befragten, die sich als nicht religiös bezeichneten. Dass andererseits auch die höchste Einkommensgruppe sowohl unterdurchschnittlich wenige Kinder als auch den geringsten Anteil an „sehr Religiösen“ zu verzeichnen hat, weist darauf hin, dass in Deutschland wohlhabende Eltern Entscheidungen zwischen Kindern und Wohlstand zu treffen haben – und dass es überdurchschnittlich häufig religiöse Eltern sind, die sich gegen Einkommenschancen und für (mehr) Nachwuchs entscheiden.

Dieser Zusammenhang wird bestätigt, indem die Generationenverteilung und Kinderzahl nach Religiosität in der Einkommensklasse ab € 3000 verglichen wird.


(Abb. 6: Verteilung Generation 35-45 J. und deren Kinder nach Religiosität der Eltern, bei einem monatlichem Nettoeinkommen im Haushalt ab € 3000 (ALLBUS 2002), N = 184, Kinder = 335, Durchschnittliche Kinderzahl / Befragter 1,82, Höchstwert „Sehr religiös“ 2,2)

Die Daten widersprechen also insgesamt der Annahme, dass aus „Armut“ sowohl eine durchschnittlich hohe Kinderzahl wie auch Religiosität abzuleiten sei. Vielmehr wird die Entscheidung gerade auch für viele Kinder in Deutschland insbesondere (!) in den höheren Einkommenssegmenten stark durch die Religiosität beeinflusst. Die Gruppe der „Sehr religiösen“ mit einem monatlichen Haushaltseinkommen ab € 3000 gehört mit einer durchschnittlichen Kinderzahl von 2,2 sogar zu den wenigen Bevölkerungsschichten, die derzeit in Deutschland ein reales, demographisches Wachstum aufweisen. Die Befragten der gleichen Einkommensgruppe, die sich als nicht religiös einschätzten, hatten dagegen durchschnittlich nur 1,62 Kinder. Der Faktor „Religiosität“ wird damit durch den Faktor „Wohlstand“ in seiner demographischen Wirkung nicht etwa erklärt, sondern vielmehr tendenziell verstärkt.

3b. Der Einfluss der Bildung auf die Kinderhäufigkeit

Demographen beobachten seit Jahrzehnten auch in Deutschland einen negativen Zusammenhang von Geburtenzahl und Bildung - umso formal gebildeter die Menschen, umso niedriger die durchschnittliche Kinderzahl. Kaum ein Phänomen wird in den derzeitigen demographischen Debatten in Deutschland so häufig zitiert wie das der „kinderlosen Akademikerin“. (viii)

Geradezu eine „klassische“ Annahme der Säkularisierungstheorien besteht zudem in der Vermutung, dass höhere Bildung auch zu abnehmender Religiosität führe.

Würden sich beide Annahmen so bestätigen, würde die Bildung zur entscheidenden Variable avancieren, denn vornehmlich aus ihr würden dann sowohl niedrige Kinderzahl wie auch geringe Religiosität resultieren.

Die erste Annahme wird durch das ALLBUS-Datenmaterial bestätigt: mit steigender formaler Bildung nimmt die durchschnittliche Zahl der Kinder deutlich ab. „Aus der Reihe“ fällt entlang dieser Annahme allenfalls die unterdurchschnittliche Zahl von Kindern bei den Befragten mit Realschulabschluss.


(Abb. 7: Verteilung durchschnittliche Anzahl der Kinder nach allgemeinem Schulabschluss (ALLBUS 2002), N = 681)

Keine überzeugenden Belege finden sich jedoch für die zweite Annahme – die Vermutung, dass steigende Bildung direkt zu abnehmender Religiosität führe. So ist der Anteil der Befragten, die sich als „nicht religiös“ einstufen nicht etwa unter den Befragten mit Hochschulreife, sondern unter den Befragten mit Realschulabschluss am höchsten, gefolgt von den Befragten ohne Schulabschluss, die auch den niedrigsten Anteil derjenigen aufweisen, die sich als „sehr religiös“ einschätzen.


(Abb. 8: Verteilung kategorisierter Religiosität nach allgemeinem Schulabschluss (ALLBUS 2002), N = 681)

Selbst wenn wir die Werte der "sehr Religiösen" und der "Religiösen" zusammenfassen stellt es sich nicht grundlegend anders dar. Nach der Summierung bezeichnen sich immerhin 53,9% derjenigen Befragten ohne Schulabschluss und 59% der Haupt- oder Volksschulabsolventen als "(sehr) religiös", während nur 47,7% der Befragten mit Fachhochschulreife und 46,1% der Befragten mit Hochschulreife dies tun. Der niedrigste zusammengefasste Wert aus "Religiösen" und "sehr Religiösen" aber wird mit 45,4% von den Realschulabsolventen erreicht. Für die Annahme, dass steigende allgemeine Bildung generell zu abnehmender Religiosität führe, ist damit weiterhin kein eindeutiger Zusammenhang erkennbar. So liegt der zusammengefasste Wert der Befragten mit Haupt- oder Volksschulabschluss höher als der der Befragten ohne Abschluss, am kleinsten ist der zusammengefasste Anteil an Religiösen und sehr Religiösen unter Realschulabsolventen.

Auch unter den Befragten höherer Schulabschlüsse entscheiden sich sehr religiöse Eltern deutlich häufiger für eine große Familie als diejenigen, die sich als wenig oder als nicht religiös einschätzen. Besonders deutlich tritt zudem in den höheren Bildungsschichten der Effekt ein, der auch schon im Vergleich der durchschnittlichen Kinderzahl nach Religiosität und Bethäufigkeit (Abb. 1 und 2) zu beobachten war. Demnach führen unter formal Gebildeten eher unscharfe religiöse Haltungen zu deutlicher niedrigeren Kinderzahlen als „entschiedenere“ religiöse und sogar als betont nicht religiöse (häufiger weltanschauliche?) Selbsteinschätzungen.

 

(Abb. 9: Verteilung Generationen 35-45 J. und Befragte mit Fachhochschul- und Hochschulreife (ALLBUS 2002), N = 219, Kinder = 306, Durchschnittliche Kinderzahl / Befragter: 1,41, Höchstwert (8-10) „Sehr religiös“: 1,77)


Der Faktor „Bildung“ weist damit einen deutlichen negativen Effekt auf die durchschnittliche Kinderzahl der formal höher Gebildeten auf. Er erklärt die demographische Wirkung des Faktors „Religiosität“ dabei jedoch ebenfalls nicht, sondern bringt ihn - wie schon der Faktor „Wohlstand“ - sogar deutlicher zur Geltung.

3c. Familiäre versus gesellschaftliche Prägung?

Bestritten werden könnte, dass überhaupt eine Auswirkung der durchschnittlich höheren Kinderzahl aus religiös geprägten Familien auf die nachfolgenden Generationen bestünde. Zu klären ist, ob auch eine signifikante Weitergabe religiöser Prägungen über die Generationen hinweg erfolgt. Eine denkbare Gegenthese könnte davon ausgehen, dass die Religiosität der Eltern keine prägende oder gar eine häufiger negative (abschreckende) Wirkung auf die religiöse Haltung der nachfolgenden Generationen habe.

Die Befragtengruppe der 35-45jährigen erweist sich in diesem Zusammenhang als besonders interessant, fallen ihre Geburtsjahre in den 60er-Jahren doch in die Zeit großer gesellschaftlicher und auch religiöser Umbrüche: auf Seiten der katholischen Kirche etwa des Zweiten Vatikanischen Konzils, aber auch der umstrittenen Enzyklika zu Empfängnisverhütung, in den evangelischen Kirchen u.a. die Lehrdebatten um Bultmann und Barth, Wirken und Ermordung Martin Luther Kings sowie insgesamt die erste Entfaltung breiterer ökumenischer Bewegungen, die zunehmend staatlich forcierten Säkularisierung in Ost- und die auch kirchenkritische „68er“-Studenten­be­wegung in Westdeutschland. Wie wirkte sich unter diesen Bedingungen die religiöse Orientierung der Mütter und Väter, nach Erinnerung der Befragten, noch aus?



(Abb. 10: Verteilung Religiosität der Befragten nach Religiosität der Mutter (ALLBUS 2002), N = 650)

Vor allem im Bezug auf die Mütter ist das Bild eindeutig: Es besteht ein sehr starker, positiver Zusammenhang. Über 60% aller bei „sehr religiösen“ Müttern aufgewachsenen Befragten entwickelten ihrerseits eine „sehr religiöse“ Haltung, wie auch immer noch 36% der von „ziemlich religiösen“ Müttern geprägten. War die Mutter dagegen selbst „nicht religiös“, so blieben auch zwei Drittel der Befragten nicht- und weitere 20% wenig religiös. Nur rund 10% der Befragten mit „sehr religiösen“ Müttern entwickelten ihrerseits keine oder eine nur geringe Religiosität, Kinder „nicht religiöser“ Mütter fanden immerhin zu über 13% zu einer religiösen oder gar sehr religiösen Haltung.

Ein entsprechender, wenn auch etwas schwächerer Zusammenhang weist auch der Vergleich der Religiosität der Befragten mit der Religiosität der Väter auf. Auch hier schätzen sich 54% der Befragten, die einen „sehr religiösen“ Vater angaben, selbst als „sehr religiös“ ein, weitere 38% immer noch als „religiös“. Auf „nicht religiöse“ Väter folgten knapp 60% „nicht religiöse“ Befragte, weitere 21,5% schätzten sich als „wenig religiös“ ein. Immerhin aber rund 19% der Befragten mit „nicht religiösen“ Vätern schätzen sich dennoch als „religiös“ oder „sehr religiös“ ein, umgekehrt kehrten nur 8% der von „sehr religiösen“ Vätern geprägten Befragten der Religion völlig oder fast völlig den Rücken.


(Abb. 11: Verteilung Religiosität der Befragten nach Religiosität des Vaters (ALLBUS 2002), N = 610)

Die Ergebnisse weisen eine überraschend große Stabilität in den Einschätzungen der „Religiosität“ zwischen den Generationen auf, wie sie auch Norris und Inglehart im internationalen Vergleich beobachteten. (ix) Dies ist hier umso erstaunlicher, als es sich um bereits erwachsene Befragte handelte, die noch dazu in gesellschaftlich und religiös sehr bewegten Zeiten aufwuchsen. Und doch sind die Einflüsse der Eltern unübersehbar: Grundhaltungen zur Religiosität wurden auch von den Eltern der 60er überaus erfolgreich weitergegeben. Überraschend sind auch die - wenn auch dezenten - Hinweise auf eine Zunahme von Religiosität schon in dieser Generation; es wechselten prozentual mehr Befragte aus nicht oder weniger religiösen Haltungen in die Bereiche stärkerer Religiosität als umgekehrt.

Es besteht jedoch kein Anlass, aus einer ähnlichen Selbst- und Elterneinschätzung der Religiosität eine „Kopie“ des religiösen Verhaltens abzuleiten. Vielmehr scheint es, als sei womöglich das religiöse Interesse weitergegeben oder sogar belebt worden - nicht aber unbedingt die religiöse Praxis. Denn vergleicht man die Einschätzungen der Befragten zur Religiosität der Eltern mit deren eigener Bethäufigkeit, verwischt der prägende Einfluss des Elternhauses ein wenig. Wo religiöse Praxis fehlte, wurde sie selten vermisst: So wuchsen rund drei Viertel (74%) der Befragten, die nicht beten, bei Müttern auf, die selbst nicht oder wenig religiös eingeschätzt wurden. Nur sehr selten nahmen Befragte nicht religiöser Mütter später eine Praxis regelmäßigen Betens auf.

Die täglich betenden Befragten wuchsen dagegen nur zu 60% bei sehr oder ziemlich religiösen Müttern auf. Die Kinder „sehr religiöser“ Mütter beten fast ausnahmslos – aber oft nur selten, bisweilen in unsystematischen Zeitabständen. Und umgekehrt: 40% der heute täglich Betenden wuchsen bei Müttern mittlerer, weniger oder auch vereinzelt nicht religiösen Haltung auf.


(Abb. 12: Verteilung Bethäufigkeit nach Religiosität der Mutter (ALLBUS 2002), N = 685)

Ohne der Analyse bereits zu weit vorgreifen zu wollen, kann hier auf Luckmanns Erklärungsmodell der „unsichtbaren Religion“ verwiesen werden. (x) Demnach würden die Befragten zwar im Hinblick auf religiöses Grundinteresse (oder das Fehlen desselben) in der Sozialisation durchaus stark geprägt, ob und wie sich dieses jedoch später in „sichtbare“ religiöse Praxis umsetzt, obliege zunehmend der Entscheidung des Einzelnen. Eine große Zahl derjenigen, die aus religiös geprägten Elternhäusern stammen, empfindet sich zwar selbst durchaus auch als religiös - praktiziert dies aber weniger regelmäßig und systematisch. Umgekehrt gibt es eine kleinere Zahl von Befragten, die aus dem Elternhaus weniger religiös geprägt wurden, zum Zeitpunkt der Befragung jedoch täglich beteten.

Eine Grundhaltung zur „Religiosität“ wird häufiger aus dem Elternhaus übernommen, über die daraus folgende Form und Systematik der religiösen Praxis entscheidet der Einzelne (sicher in sozialer Interaktion) jedoch stärker selbst.

 

4. Die biographische Wechselwirkung von Religiosität und Geburtenverhalten

Die empirischen Befunde zum Einfluss von Religiosität auf die Kinderhäufigkeit scheinen zunächst sehr komplex und nicht einfach erklärbar zu sein. Sie lassen sich jedoch schlüssig mit der „biographischen Fertilitätstheorie“ verbinden, die Herwig Birg, Professor em. für Demographie und langjähriger Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik an der Universität Bielefeld, entwickelt hat. (xi)

Dabei verweist er darauf, dass dem Menschen mit dem technischen, wirtschaftlichen, schließlich auch sozialen und politischen Fortschritt ein immer wachsendes „biographisches Universum“ mit immer mehr Wahlmöglichkeiten entstehe.

Damit aber hätte man auch Kinder zunehmend nicht mehr einfach „gehabt“, „sondern das Kinderhaben wurde zum Gegenstand einer identitätsstiftenden bzw. identitätsbewahrenden Reflexion und einer biographischen Entscheidung.“ (xii)

Mit zunehmender Entwicklung aber stiegen nun „Opportunitätskosten“ und „Festlegungsrisiko“ durch Kinder - sie schränken die Options- und Einkommenschancen der Eltern immer mehr ein und ihre Geburt ist „irreversibel“. Die Entscheidungen für Kinder würden so immer häufiger reduziert, es entwickele sich das „demographisch-ökonomische Paradoxon“ (xiii) sinkender Fertilität bei steigendem Wohlstand. Die demographischen Veränderungen seien also nicht Folge eines Wertewandels, sondern gingen diesem vielmehr meist voraus. In Deutschland habe die Geburtenrate messbar bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen abzunehmen - lange kompensiert durch sinkende Kindersterblichkeit und steigende Lebenserwartung. (xiv)

Wir sehen in dieser Theorie Birgs eine deutliche Konvergenz mit religionswissenschaftlichen Beobachtungen und unseren Datenauswertungen. Mit zunehmender Bildung, technischer, wirtschaftlicher, sozialer und politischer Entwicklung wächst das „biographische Universum“ auch im religiösen Bereich. Religiöse Praxis wird nicht mehr einfach „befolgt“, sondern - wie die Entscheidungen zu (weiteren) Kindern - zunehmend „zum Gegenstand einer identitätsstiftenden bzw. identitätsbewahrenden Reflexion und einer biographischen Entscheidung“. Schon das aktive Befolgen religiöser Gebote (wie tägliches Beten, Gottesdienstbesuch, Begehung von Feiertagen, Entrichten regelmäßiger Abgaben und Spenden, etc.) geht mit einem Verzicht auf andere Optionen einher. (xv) Noch deutlicher wird die Einschränkung des biographischen Universums dann, wenn Optionen bewusst nicht verfolgt werden, weil sie religiös als Sünde deklariert sind (z.B. vorehelicher Geschlechtsverkehr, Partnerwechsel, Einschränkungen von Geburtenkontrollen, Abtreibungsverbote etc.). So antworteten über zwei Drittel der sich als „sehr religiös“ einschätzenden Befragten auf die Frage, ob sie eine Tat schon einmal deswegen unterlassen hätten, weil sie eine Sünde sei, mit „Ja“. Unter den Befragten, die sich als nicht religiös einschätzten, bejahte dies weniger als ein Fünftel.


(Abb. 13: Verteilung Unterlassung von Sünden nach kategorisierter Religiosität (ALLBUS 2002), N=666)

Religionsübergreifend kann die Reflektion dieses Umstandes sehr früh in Lehraussagen, Gleichnissen, Predigten und auch Bildern vom „schmalen Weg“ oder „Pfad“ beobachtet werden, von dem in der Lebensführung abzuweichen ins Verderben führe. (xvi) Umfassende Regelungen des Sexualverhaltens sind darin regelmäßig enthalten bzw. werden daraus abgeleitet. Wie Inglehart und Norris beobachtet dabei auch Birg „die meist pronatalistischen Wirkungen praktisch aller Kulturen und Weltreligionen“. (xvii) Auch dieser zunächst erstaunlich anmutende Umstand wird aus der genannten Affinität erklärbar: religiöse Strömungen, deren biographische Wegweisungen dem Kinderhaben gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstehen, werden gegenüber geburtenfördernden Wettbewerbern immer wieder weniger Kinder hervorbringen und kinderreiche Familien weniger ansprechen. Sie werden also über missionarische Anfangserfolge hinaus nur selten traditionsbildend werden können. Dagegen werden sich jene religiösen Strömungen auch innerhalb der großen Religionen immer wieder durchsetzen, die ihre Anhängerschaft zu einer größeren Kinderzahl zu animieren vermögen. Dies führt auch dazu, dass (wie etwa im frühen Christentum und Buddhismus) ehe- und familienskeptische Aussagen insgesamt relativiert werden und sich eine kleine zölibatäre Schicht schließlich umso engagierter um die insgesamt hohe Fruchtbarkeit der Laien und die religiöse Erziehung der Kinder sorgen muss.

Zwischen der Entscheidung für ein „religiöses Leben“ und „Kinder haben“ entwickelt sich also historisch und gerade auch unter modernen Bedingungen eine wechselseitige Affinität, die sich mit steigendem Einkommen und steigender Bildung sogar weiter verschärft.

Wer in einem entwickelten Land lebt, wohlhabend, gebildet und frei ist, verfügt über ein enormes „biographisches Universum“ an Möglichkeiten. Wer sich diese Chancen und Freiheiten nicht (mehr) durch religiöse Observanz einschränken lassen will, wird sich häufig ebenso gegen entsprechende Optionsverluste durch eine größere Kinderschar entscheiden. Die biographische Option „Kinder haben“ lässt sich schließlich auch mit ein oder zwei Kindern umsetzen ebenso wie der Option „Religiosität“ auch mit gelegentlichen und wenig systematisierten Angeboten nachgegangen werden kann. Größere Familien werden zur Domäne religiös entschiedener Eltern.


(Abb. 14: Verteilung Generation 35-45jährige und Familien mit mehr als zwei Kindern, nach Religiosität der Eltern (ALLBUS 2002), N = 673)

Zu diesem Erklärungsansatz passt auch präzise die Beobachtung, dass „unsichere“ religiöse Haltungen und „wenig systematisierte“ religiöse Praxis weniger geburtenfördernd wirken als entsprechend „klarere“ (mitunter auch nichtreligiöse) Haltungen - es kommt auf die Bereitschaft an, sich festzulegen und auf Optionen auch tatsächlich zu verzichten. Nicht-Entscheidungen bleiben oft Entscheidungen gegen Kinder. Ein bisschen schwanger geht buchstäblich nicht. (xviii)

 

Abb. 15: Verteilung Generation 35-45 J. und Kinderlose (ALLBUS 2002), N = 673)

 

5. Fazit: Die „Wiederkehr der Religionen“

Es gibt keinen Mangel an oft sehr unterschiedlichen Theorien über die Gründe für die vermeintlich rätselhafte „Wiederkehr der Religionen“. (xix) Lange konnte man sich aus den gängigen demographischen Theorien noch durchaus ableiten, warum aus traditional geprägten und armen Ländern Bevölkerungsüberschüsse in die reicheren und säkularen Gesellschaften drängten, konnte man auch die fortlebende Religiosität mancher Zuwanderer als Identitätswahrung in der Diaspora einordnen. Spätestens mit dem 11. September 2001 wurde vielfach auch eine „islamische Renaissance“ beobachtet, deren entschiedenste und bisweilen auch radikale Aktivisten sowohl in der islamischen Welt wie auch in Europa und den USA vornehmlich aus Bildungsaufsteigern - Studenten, Naturwissenschaftlern, Technikern, Ärzten, Lehrern - sowie vereinzelt aus Konvertiten bestehen. Auch in Indien und China gehört der expandierende Mittelstand zu den Trägern religiöser Belebungen, die gerade in ihrer Entschiedenheit auch Brüche mit der Tradition erkennen lassen (Falun Gong, Hindutva). (xx) In den USA gehören die evangelikalen Bewegungen zu den Triebkräften „neokonservativer“ Vorstöße in Gesellschaft, Politik, Justiz und schließlich sogar Wissenschaft, bis hin beispielsweise zu Demonstrationen junger Leute gegen vorehelichen Sexualverkehr („Love waits“) und Kampagnen gegen die Evolutionstheorie.

Auch in Europa und Deutschland haben die begeisterten Pilgerfahrten junger, gebildeter Mitteleuropäer zu Papstmessen und Kirchentagen, die breite Spendenbereitschaft zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche und religiöse Buch- und Filmerfolge (in Deutschland z.B. Peter Hahnes „Schluss mit lustig!“ und der neue katholische Katechismus, international die Filme „Passion of Christ“ und „Luther“ etc.) Aufmerksamkeit gefunden.

Kritiker einer vorschnellen Verallgemeinerung der These von einer generellen religiösen Wiedergeburt weisen dabei zu Recht darauf hin, dass sich nur ein kleiner Teil der jungen Papstpilger etwa auch an die päpstlichen Sexuallehren gebunden fühlt und dass der Mitgliederschwund etwa der deutschen Großkirchen weitergehe. Auch die charismatischen und evangelikalen Bewegungen und „Megachurches“ wiesen sowohl in den USA wie in Europa, Afrika und Asien Unterschiede zu früheren Erweckungsbewegungen auf, z.B. in der gezielten Vermarktung und Bedienung von Zielgruppen, der gefälligeren Betonung heils- und erfolgsorientierter Inhalte gegenüber Predigten von Höllenstrafen etc. (xxi)

Wir sind der Auffassung, dass sich die Beobachtungen auch in ihren zunächst widersprüchlich scheinenden Aspekten durch die vorliegende Theorie der Wechselwirkung von sozioökonomischer Entwicklung, Religiosität und Demographie schlüssig erklären lassen.

Demnach führt 1. die sozioökonomische Entwicklung - in regional unterschiedlichem Tempo - zu wachsenden biographischen Universen. Die Menschen werden mit ständig neuen Optionen, aber damit auch immer neuen Entscheidungsfragen konfrontiert, die „Optionskosten“ traditioneller Orientierungen wie auch von Kindern steigen an. Weltweit besonders betroffen sind dabei Bildungsaufsteiger, die den „Sprung“ aus traditionellen und religiös geprägten Lebenswelten in ein plurales, städtisches Leben zu bewältigen und dabei Entscheidungen für oder gegen Optionen zu konstruieren und sowohl gegenüber ihrem traditionell-religiöses Elternhaus wie auch der säkularen Gesellschaft zu legitimieren haben.

2. Ein Großteil der Menschen tendiert zu Kompromissen zwischen den neuen Optionen und der traditionellen Lebensführung. Als hilfreich empfundene Aspekte der im Elternhaus vermittelten „Religiosität“ werden zunehmend nur noch privat gepflegt oder im städtischen Leben nachgefragt („unsichtbare Religion“), religiös bestimmte Festlegungen und damit auch religiöse Praxis wie auch die durchschnittliche Kinderzahl schmelzen zugunsten der biographischen Optionsvielfalt immer weiter ab.

3. Unter der anhaltenden Spannung „entscheiden“ sich einige Menschen schließlich zur völligen Aufgabe religiöser Praxis und Überzeugungen, andere zur bewussten Hinwendung zur Religion. Diese „entschiedenen“ religiösen Rekonstruktionen verbinden dabei (nicht immer bewusst) traditionelle und moderne Elemente und grenzen sich mitunter scharf gegen viele Optionen moderner Lebensführung ab. Neben Aspekten einer Rückbesinnung sind damit auch oft „neue“ Konversionserfahrungen verbunden, die zum Beispiel in vielen Freikirchen als „Wiedergeburten“ und auch mit Wiedertaufen begangen werden. So bejahte über ein Fünftel der Befragten, die sich als sehr religiös einschätzten, die Frage, ob sie zu ihrer Religion schon einmal eine „neue Bindung“ eingegangen seien

 

(Abb. 16: Verteilung neue Bindung zur Religion eingegangen nach kategorisierter Religiosität (ALLBUS 2002), N=668)

4. Diese Selbsteinschränkungen des biographischen Universums dieser „entschieden“ Glaubenden führen dabei häufig zu einer relativ höheren Kinderzahl. Etablierte Religionsgemeinschaften geraten unter doppelten Druck: beharren sie auf Optionsverzichten, verlieren sie gemäßigte Mitglieder. Nähern sie sich jedoch liberalisierend dem „Zeitgeist“ (d.h. vielen neuen Lebensoptionen) an, spalten sich kinderreiche „entschieden religiöse“ Anhänger empört ab. So verlieren sie inmitten von Flügelkämpfen fast unausweichlich Mitglieder durch Austritte und fehlenden Nachwuchs. Sowohl missionarisches wie demographisches Wachstum geht dagegen von „entschiedeneren“ Gemeinschaften oft junger Leute und Familien aus. (xxii)

5. Die Säkularisierungsprozesse werden also derzeit nicht generell gestoppt, sind jedoch in eine demographische Sackgasse geraten. Weltweit und auch in Deutschland bringen die noch traditionell oder wieder „entschieden“ religiös geprägten Gemeinschaften relativ mehr Kinder hervor als die schließlich real schrumpfenden säkular geprägten Bevölkerungsschichten. Ein dadurch wieder wachsender Anteil der jungen Generation entstammt religiös praktizierenden Elternhäusern, Jugend- und damit auch Protestkulturen nehmen wieder religiösere Färbungen an, beeinflussen Kultur, Wirtschaft und auch Politik und verunsichern damit auch die gängigen, meist säkularen Fortschrittserzählungen. Diskriminierungen wirken dagegen kontraproduktiv, vertiefen sie doch den gesellschaftlich-kulturellen Spalt, schränken die biographischen (v.a. beruflichen) Optionen der zur Entscheidung gezwungenen Betroffenen weiter ein und tragen damit zu einer Ausweitung der demographischen Differenz bei.

6. Die aktuelle Situation wäre daher eher zutreffender mit einer auch demographisch bedingten, wieder ansteigenden und häufiger „entschiedenen“ Religiosität der jüngeren Generationen als mit einer einfachen „Wiederkehr der Religionen“ zu beschreiben. Die gezielte Abgrenzung der kinderreicheren „entschiedenen“ Gemeinschaften gegen die Optionsvielfalt der modernen, biographischen Universen vergrößert zwar zunächst den Spalt zu den säkularen und gemäßigten Bevölkerungsschichten, mit wachsender Größe nehmen jedoch auch Institutionalisierungen und Verflechtungen dieser Gemeinschaften mit der Mehrheitsgesellschaft wieder zu. Auch Kinder religiös „entschiedener“ Eltern müssen nicht zu immer weiterer Rigorosität und gesellschaftlichem Rückzug neigen - wie die vielfältigen Szenen junger Religiöser (beispielsweise der genannten Papstpilger) auch heute unterstreichen. Durch die Förderung von Dialog und Begegnung, der gegenseitigen Achtung der Religionsfreiheit und vor allem den Verzicht auf wechselseitige Diffamierung und Diskriminierung kann die religiöse Pluralität bewältigt und ihre auch positiven Wirkungen (demographische Stabilisierung „unterjüngter“ Gesellschaften, religiös-kulturelle Produktivität, hohes familienbezogenes, ehrenamtliches und auch global karitatives Engagement etc.) erschlossen werden. Staaten und gemäßigte Religionsgemeinschaften stehen vor der Aufgabe und Chance, durch gezielte Förderung von Eltern und Kindern die biographischen Optionskosten für (weitere) Nachkommen anzuerkennen und zu senken, durch diese höhere Kinderfreundlichkeit auch die eigenen Mitgliederzahlen mittelfristig wieder zu stabilisieren und damit sowohl die demographischen wie lebensweltlichen Differenzen zwischen säkularen, gemäßigten und religiös entschiedenen Gemeinschaften zu mildern.

Politik, Öffentlichkeit und auch Kirchen und Religionsgemeinschaften stehen unter starken Entscheidungszwängen und damit Beratungsbedürfnissen, denen unseres Erachtens auch durch die langjährigen Vernachlässigungen des Faktors „Religion“ in Wissenschaft und Politik nicht immer gerecht geworden ist.

Stimmen unsere Beobachtungen und Thesen jedoch, dürfte sich die Welt eher am Anfang als am Höhepunkt der zunehmend sichtbar werdenden religiös-demographischen Belebung befinden. Auch deswegen wollen wir mit diesem Artikel zu weiteren religions- und politikwissenschaftlichen, demographischen und interdisziplinären Diskussionen und Arbeiten anregen.

 

Literaturverzeichnis & Anmerkungen:

1 Die in diesem Beitrag benutzten Daten entstammen der „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“ (ALLBUS 2002). Das ALLBUS-Programm ist 1980-1986 und ab 1991 von der DFG gefördert worden. Die weiteren Erhebungen wurden von Bund und Ländern über die GESIS (Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen) finanziert. ALLBUS wird von ZUMA (Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen e.V., Mannheim) und dem Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung (Köln) in Zusammenarbeit mit dem ALLBUS-Ausschuß realisiert. Die Daten sind beim Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung (Köln) erhältlich. Die vorgenannten Institutionen und Personen tragen keine Verantwortung für die Verwendung der Daten in diesem Beitrag.

2 The data referred to in this article have been taken from the „Allgemeinen Bevölerungsumfrage der Sozialwissenschaften“ (General Social-Scientific Population Survey) of 2002. The ALLBUS program was supported from 1980-1986 and has been again since 1991 by the DFG. In the other years, upport came from the GESIS (Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen) (=Society for social-scientific infrastructural institutions). ALLBUS is conducted by ZUMA (Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen e.V., Mannheim) (=Center for Methods and Analyses inc., Mannheim) and the Zentralarchiv für empirische Sozialforschung (Köln) (=Central Archive for Empirical Social Research (Cologne)) in cooperation with the ALLBUS-committee. The data is available at the Zentrum für empirische Sozialforschung in Cologne. The aforementioned institutions and individuals bear no responsibility for the application of the data made in this article.


i Pippa Norris und Ronald Inglehart, „Sacred and Secular“, Cambridge University Press 2004, S. 231

ii Ebda., S. 233 f.

iii Ebda., S. 216 f., S. 235, S. 241

iv Ebda., S. 231

v Ebda., S. 70. (Religiöse Partizipation in Bildungs- und Sozialschichten), S. 232 (Fertilitätsrate)

vi N gibt die Anzahl der Befragten an, die diese Frage beantwortet haben.

vii Vgl. Abbildungen 4 und 5

viii So etwa Meinhard Miegel in „Epochenwende“, Propyläen 2005, S. 183 ff.

ix So vergleichen Norris und Inglehart die religiöse Praxis („religious participation“) nach Geburtsjahrgängen und kommen zu dem Ergebnis, dass starker ein Rückgang religiöser Praxis nur in den postindustriellen Ländern erfolgt sei, mit Anzeichen einer Trendumkehr etwa seit 1976. Entscheidend für die spätere religiöse Praxis seien die sozioökonomischen Prägungen der ersten beiden Lebensjahrzehnte („formative years“), was mit unseren Beobachtungen sehr gut übereinstimmt. Siehe Norris und Inglehart 2004, S. 77 ff., S. 231 f.

x Thomas Luckmann, „Die unsichtbare Religion“, Suhrkamp 2005

xi Herwig Birg, „Die Weltbevölkerung“, Beck 2004
Siehe auch: Herwig Birg, „Differentielle Reproduktion aus der Sicht der biographischen Theorie der Fertilität“, in: „Fortpflanzung: Natur und Kultur im Wechselspiel“, Eckart Voland (Hrsg.), Suhrkamp 1992

xii Birg 2004, S. 76

xiii Ebda., S. 110

xiv Ebda., S. 77

xv Es sei erwähnt, dass beispielsweise in der biblischen Überlieferung das erste Gebot Gottes an den Menschen, ergangen unmittelbar seiner Erschaffung, lautet: „Seid fruchtbar und mehret euch und machet Euch die Erde untertan.“ (Gen 1,28). Die jüdische Tradition sieht in dieser Aufforderung darin entsprechend das erste von insgesamt 613 Geboten.

xvi Der sprichwörtliche schmale und breite Pfad, Jesus als „Weg, Wahrheit, Leben“ im Christentum, die „Halacha“ als hebr. „(Lebens-)Weisung“ im Judentum, die „Scheriat“ als arab. „Weg zur Wasserquelle“ im Islam, der „mittlere Weg“ und „achtfache Pfad“ im Buddhismus, der chinesische Begriff des „Dao“ (Weg, Pfad) etc.

xvii Birg 2004, S. 117

xviii Wenn sich wenig oder ziemlich religiöse Personen dann aber doch zu Kindern entschieden haben, haben sie etwas häufiger große Familien als nicht religiöse, deutlich seltener aber als sehr religiöse (Abb. 14).

xix Eine Darstellung verschiedener Erklärungsansätze z.B.: Gottfried Küenzlen, „Die Wiederkehr der Religionen“, Olzog 2003

xx So notiert das deutsche Nachrichtenmagazin SPIEGEL in seiner Ausgabe 03/2006 unter der Überschrift „Fatwa gegen kurze Röcke“ verwundert, dass sich in Indien derzeit eine selbst gegenüber der Tradition verschärfenden Sexualethik („verordnete Tugendhaftigkeit“) unter Hindus und Muslimen der Großstädte breitmache. „Ausgerechnet in den weltoffenen Computermetropolen des Subkontinents macht sich neue Prüderie breit.“ (SPIEGEL 03/2006, S. 118)

xxi Alan Wolfe, „The Transformation of American Religion“, Free Press 2003

xxii Beispielhaft zu „Erweckungen“ und „freien Gemeinden“, die auch als „Jugendkirchen“ bezeichnet würden am Beispiel Sachsen z.B. idea-spektrum 2/2006, „Warum völlig freie Gemeinden entstehen“, S. 22

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaften und ist Lehrbeauftragter am Institut für Religionswissenschaft der Universität Tübingen.

Carsten Ramsel studiert Religionswissenschaft und Philosophie.

Sven Graupner studiert Soziologie und Religionswissenschaft.


Anmerkung über die Entstehung dieses Beitrags:

Das Seminar „Religion und Demographie“ mit insgesamt 35 Teilnehmern bearbeitete und diskutierte in Plenum und Gruppen verschiedenste Aspekte des Themas, u.a. Religions- und Ländervergleiche. Die Artikelpräsentation begleitete Mareike Zimmermann.

Ein besonderer Dank gilt Machern und Verwaltern der ALLBUS-Befragungen, die unseres Erachtens viele noch zu hebende „Datenschätze“ enthalten. Die Auswahl der Daten und die Erstellung der Schaubilder verantworten die Autoren.


© Michael Blume, Carsten Ramsel, Sven Graupner (Marburg 2006). Marburg Journal of Religion, ISSN 1612-2941


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