Publikationsserver der Universitätsbibliothek Marburg

Titel:Breaking Bad News - Wirklichkeit und Patientenpräferenzen
Autor:Bär, Tordis
Weitere Beteiligte: Seifart, Carola (PD Dr.)
Erscheinungsjahr:2019
URI:http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2019/0196
DOI: https://doi.org/10.17192/z2019.0196
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2019-01967
DDC:610 Medizin, Gesundheit

Dokument

Schlagwörter:
Arzt-Patient-Kommunikation, bad news delivery, breaking bad news, SPIKES-Protokoll, Krebsdiagnose, doctor-patient relationship, SPIKES protocol, Übermittlung schlechter Nachrichten, diagnosis of cancer, Patientenpräferenzen, communication skills, Aufklärungsgespräche

Zusammenfassung:
Das Übermitteln schlechter Nachrichten (Breaking Bad News = BBN), beispielsweise bei einer Tumorerkrankung, gehört zu den täglichen Aufgaben von klinisch tätigen Ärzten. Es gibt sowohl in Deutschland als auch weltweit erst wenige Untersuchungen zu diesem Thema. Das amerikanische SPIKES-Protokoll, das eine Leitlinie für das Führen von Aufklärungsgesprächen darstellt und in Deutschland als Lehrprotokoll verwendet wird, wurde bisher in Europa nicht und weltweit nur wenig beziehungsweise nicht ausreichend evaluiert. Es gibt bisher keine Daten zum üblichen Vorgehen und zur Qualität von Aufklärungsgesprächen in Deutschland. Ebenso fehlen Informationen zu den Präferenzen von Patienten für solche Gespräche. Ziel der Studie war es, zum einen die Qualität der Aufklärungsgespräche bei Krebspatienten in Deutschland abzubilden und zum anderen die Präferenzen der Patienten für ein solches Gespräch zu ermitteln. Anhand der einzelnen Punkte des SPIKES-Protokolls sollten die Patientenpräferenzen mit der Realität verglichen werden. Dabei sollte untersucht werden, inwieweit die Inhalte des SPIKES-Protokolls bei Aufklärungsgesprächen in Deutschland in der Realität umgesetzt werden beziehungsweise inwieweit sie den Bedürfnissen der Patienten entsprechen. Zudem sollte der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Qualität der Aufklärungsgespräche mit dem Ausmaß der psychischen Beeinträchtigung der Patienten korreliert. Auf Grundlage des SPIKES-Protokolls wurde ein Fragebogen entwickelt. Mittels dieses Fragebogens wurden 350 onkologische Patienten an zwei Marburger Kliniken zu ihrem Aufklärungsgespräch und zu ihren Präferenzen bezüglich eines solchen Gesprächs befragt. Zusätzlich wurden die Patienten gebeten, die deutsche Version der „Hospital Anxiety and Depression Scale“ (HADS-D) auszufüllen. Die befragten Patienten äußerten klare Präferenzen für Gespräche, in denen es um die Übermittlung schlechter Nachrichten geht. Im Vergleich mit ihren eigenen Erfahrungen fiel jedoch auf, dass die Präferenzen der Patienten in der Realität nicht erfüllt werden. Dies könnte eine Ursache für die große Unzufriedenheit der Patienten mit dem Aufklärungsgespräch sein. Nur 46,1 Prozent der Patienten sagten, das Gespräch sei aus ihrer Sicht optimal verlaufen. Bezogen auf das SPIKES-Protokoll zeigte sich, dass den Patienten bestimmte Punkte des Protokolls wichtiger waren als andere. Beispielsweise fanden sich unter den zehn häufigsten Präferenzen vor allem informative Aspekte, während emotionale Aspekte als weniger bedeutsam bewertet wurden. Zwischen der Güte des Aufklärungsgesprächs und der emotionalen Befindlichkeit der Patienten sowohl unmittelbar nach dem Aufklärungsgespräch als auch zum Zeitpunkt der Fragebogenevaluation ergaben sich signifikante Korrelationen. Die vorliegende Studie ist weltweit die erste, die das SPIKES-Protokoll hinsichtlich seiner Anwendung in der Realität (aus Patientenperspektive) und hinsichtlich der Patientenpräferenzen für ein solches Gespräch überprüft. Zudem bietet die Untersuchung erste Erkenntnisse zur Qualität von Aufklärungsgesprächen in Deutschland und zu den Präferenzen der Patienten für solche Gespräche. Es konnte gezeigt werden, dass es ein deutliches Verbesserungspotenzial bei der Übermittlung schlechter Nachrichten gibt. Ausgehend von den Ergebnissen der vorliegenden Studie ergeben sich wichtige Vorschläge für eine Modifikation des SPIKES-Protokolls für die Anwendung in Deutschland. Diese beinhalten zum einen die stärkere Einbeziehung des Patienten in das Gespräch (den Patienten ermutigen, Fragen zu stellen und als Arzt aktiv immer wieder das Verständnis des Patienten überprüfen) und zum anderen die konsequente Einhaltung optimaler Gesprächsrahmenbedingungen (ungestörte Atmosphäre, ausreichend Zeit) durch Ärzte und Krankenhausmanagement. Des Weiteren sollte eine feste Aufteilung des Aufklärungsgesprächs auf zwei Termine erwogen werden. Es bedarf dringend weiterer Untersuchungen, um die hier vorgestellten Ergebnisse und Überlegungen zu vertiefen. Mithilfe von Interventionsstudien sollte untersucht werden, inwieweit die Anwendung von Gesprächsprotokollen die Qualität der Aufklärungsgespräche beeinflusst und im Besonderen, ob ein bestimmtes Vorgehen die Zufriedenheit beziehungsweise das Gelingen des Aufklärungsgesprächs verbessern kann.

Summary:
Breaking bad news, for example disclosing the diagnosis of cancer to a patient, is a frequent task for physicians. There exists only few data from studies about this topic both nationally and internationally. The American SPIKES protocol, a guideline how to break bad news to a patient, is being used in medical teaching in Germany, but evaluation of the SPIKES protocol is sparse and insufficient. In Europe the SPIKES protocol has never been evaluated before. Information is missing about the quality of the bad news delivery in Germany and about patients’ preferences regarding that conversation. Thus it was the intention of this study to examine the way in which bad news are being told in Germany and patients’ preferences for that. The recommended steps of the SPIKES protocol were evaluated, each concerning patients’ preferences and the perception of how they had been realized in bad news delivery. Moreover, the correlation between patient’s emotional state and quality of bad news delivery should be examined. A questionnaire based on the items of the SPIKES protocol was generated. Via this questionnaire 350 oncological patients at two different hospitals in Marburg were asked how the bad news had been broken to them and what preferences they had regarding the conversation. Additionally the patients were asked to complete the “Hospital Anxiety and Depression Scale – German version” (HADS-D). The patients indicated clear preferences for the bad news disclosure. When comparing the preferences and reality, significant differences were found. The patients’ preferences weren’t fulfilled in reality. This could be a reason for the high percentage of dissatisfaction with the bad news delivery among the patients. Only 46.1 percent of the patients stated that they were satisfied with the way the bad news had been broken to them. In relation to the SPIKES protocol it can be shown that some items of the protocol were more important for the patients than others. Many of the most important preferences for example were informative aspects, while emotional aspects seemed to be less important for the patients. The overall quality of the bad news delivery was significantly related to the emotional state after receiving bad news both directly after bad news delivery and at the time evaluating this questionnaire. This study provides the first actual-theoretical comparison of a “breaking bad news” guideline. It offers important findings about the way bad news are being told in Germany and the patients’ preferences regarding such conversation. It can be stated that there is a high need for improvement when disclosing bad news. A modification of the SPIKES protocol in Germany in a way that considers the patients’ preferences is being suggested. Patients should be involved more actively in discussing the bad news and patients’ needs for prerequisites (for example undisturbed surrounding, adequate time) should be more respected and realized by physicians and hospital management. Furthermore the conception of the bad news delivery in a two-step procedure should be strongly recommended. There is a need for further studies to confirm the results and findings of this survey. Clinical trials should be carried out to examine, if the use of guidelines influences the quality of the bad news delivery and especially, if the adherence to these guidelines can improve patients’ satisfaction and success of the bad news delivery.


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