Zum initialen Einfluss reversibel und asymmetrisch veränderter okklusaler Abstützungen der Mandibula gegen die Maxilla auf die Aktivität der Kau-, Mundboden- und Nackenmuskulatur bei willkürlichem Pressen in maximaler Okklusion

Im natürlichen Gebiss entstehen durch Zahnverlust in der Regel asymmetrische okklusale Abstützungen der Mandibula gegen die Maxilla. Ob und in welchem Ausmaß der asymmetrische Verlust von endständigen Molaren und Prämolaren zu einer Imbalance der Kau- und Kauhilfsmuskulatur führt und dies der Entwic...

Ausführliche Beschreibung

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Bibliographische Detailangaben
1. Verfasser: Schönert, Regina
Beteiligte: Lotzmann, Ulrich (Prof. Dr.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2017
Zahn-, Mund- u. Kieferheilkunde
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Beschreibung
Zusammenfassung:Im natürlichen Gebiss entstehen durch Zahnverlust in der Regel asymmetrische okklusale Abstützungen der Mandibula gegen die Maxilla. Ob und in welchem Ausmaß der asymmetrische Verlust von endständigen Molaren und Prämolaren zu einer Imbalance der Kau- und Kauhilfsmuskulatur führt und dies der Entwicklung von kraniomandibulären Dysfunktionen Vorschub leistet, ist noch nicht vollständig geklärt. Im Rahmen dieses Kontextes sollten folgende Hypothesen geprüft werden: Reversibel und kurzfristig veränderte asymmetrische okklusale Abstützungen der Mandibula gegen die Maxilla haben bei willkürlichem maximalen Pressen keinen Einfluss auf die Aktivität a.) der Adduktoren (M. temporalis, M. masseter) sowie b.) der Mundboden- und Nackenmuskulatur. Das Probandenkollektiv bestand aus 36 vollbezahnten, funktionsgesunden Probandinnen und Probanden (19 weiblich, 17 männlich, Alter zwischen 20 und 30 Jahren) mit neutraler Okklusion und stabiler maximaler Interkuspidation. Zur Simulation verschiedener asymmetrischer okklusaler Situationen wurde für jeden Probanden eine in 5 Teile segmentierte Aufbissschiene aus Akrylat angefertigt. Mit dem variablen Einsatz der okklusalen Segmente konnten so verschiedene asymmetrische Aufbisssituationen für den Frontzahn-, Prämolaren- und Molarenbereich reversibel simuliert werden. Die Muskelaktivität wurde mithilfe der Oberflächenelektromyographie-Einheit des K 7® (Firma Myotronics) registriert. Unter randomisierter Abfolge der asymmetrischen Okklusionen wurden unter mehrfachem kurzem maximalen Zähnepressen die Aktivitäten folgender Muskeln bilateral gemessen: - M. temporalis, Pars anterior - M. masseter - Mundbodenmuskulatur - Nackenmuskulatur (regio M. semispinalis capitis, M. trapezius). Nach statistischer Aufbereitung der Messdaten ergaben sich folgende klinisch relevante Ergebnisse: 1. Bei der Simulation asymmetrischer Aufbisssituationen mithilfe verschiedener Schienensegmente wurden für den M. temporalis und den M. masseter signifikant geringere Aktivitäten gemessen als in der Referenzsituation beim Pressen mit kompletter Schiene (Reduktionen zwischen 8,2 und 44 %). Die Aktivitäten des M. temporalis und des M. masseter veränderten sich deutlich in Abhängigkeit der Anzahl der okkludierenden Zähne. Sowohl der M. temporalis als auch der M. masseter zeigte die größte Aktivitätssenkung beim Pressen auf dem Molarensegment der rechten Seite (rechter M. temporalis -22,56 %, linker M. temporalis -43,99 %, rechter M. masseter -35,83 %, linker M. masseter -40,93 %). Beim Pressen mit Aufbissen im Frontzahn- und rechten Prämolarenbereich waren etwas geringere Aktivitätssenkungen festzustellen (rechter M. temporalis -20,56 %, linker M. temporalis -26,22 %, rechter M. masseter -25,90 %, linker M. masseter -26,64%). Wurde zusätzlich das Molarensegment der rechten Seite eingesetzt, waren die Muskelaktivitätssenkungen bei maximalem Pressen noch geringer (rechter M. temporalis -11,14 %, linker M. temporalis -21,99 %, rechter M. masseter -14,21 %, linker M. masseter -24,74 %). Die geringste Aktivitätssenkung wurde festgestellt, wenn die Probanden mit Kontakten im Frontzahn-, rechten Prämolaren- und Molaren und linken Molarenbereich maximal pressten (rechter M. temporalis -9,17 %, linker M. temporalis -10,98 %, rechter M. masseter -8,21 %, linker M. masseter -13,35 %). Im Seitenvergleich zeigten sich auf der Seite der Okklusionskontakte (rechts) höhere Aktivitäten in den Mm. temporales und Mm. masseteres als auf der Gegenseite, die in Nonokklusion stand (links). Die deutlichste bilaterale Differenz zeigte der M. temporalis beim maximalen Pressen auf dem rechten Molarensegment (p<0,001). Auch der Zubiss auf dem Frontzahn- sowie rechten Prämolaren- und Molarensegment brachte für den M. temporalis signifikant asymmetrische Kontraktionen (p=0,035). Der M. masseter zeigte in dieser Aufbissituation sogar die stärkste Asymmetrie (p=0,001). 2. Sowohl die Mundboden- als auch die Nackenmuskulatur zeigten Kontraktionen bei maximalem willkürlichen Pressen. Die gemessenen Aktivitäten der Mundbodenmuskulatur in den asymmetrischen Aufbisssituationen unterschieden sich signifikant von dem Messungen mit kompletter Schiene (Aktivitätsabfälle zwischen 7,8 und 15,8 %). Jedoch konnten keine signifikanten Differenzen zwischen rechter und linker Seite nachgewiesen werden (p>0,005). Im Bereich der Nackenmuskulatur wurden keine signifikanten Aktivitätsunterschiede zwischen den Situationen ohne Schiene, mit kompletter Schiene oder einzelnen Schienensegmenten gefunden (p>0,05). Die Messungen der rechten und linken Seite unterschieden sich nicht signifikant voneinander (p>0,05). 3. Bei der Messung von Kaumuskelaktivitäten bei maximalem willkürlichen Pressen zeigten sich interindividuell große Unterschiede. Das Muster, wie die Muskulatur auf okklusale Asymmetrien reagiert, war allerdings ähnlich. 4. Die Differenzen bei der maximalen Muskelaktivität waren zwischen männlichen und weiblichen Probanden nicht signifikant. Aufgrund der Ergebnisse im Rahmen der Messgenauigkeit und Empfindlichkeit des verwendeten Oberflächen-EMG muss die Hypothese, dass asymmetrische okklusale Situationen bei willkürlichem maximalen Pressen keinen Einfluss auf die Aktivität von M. temporalis, M. masseter und Mundbodenmuskulatur haben, verworfen werden. Hingegen wird für funktionsgesunde junge Erwachsene die Hypothese, dass simulierte asymmetrische okklusale Abstützungen zumindest initial keinen mit der angewandten Registriertechnik messbaren Einfluss auf die Aktivität der Nackenmuskulatur haben, bestätigt. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass zum Erreichen oder zum Sichern einer muskulären Balance symmetrische Okklusionskontakte benötigt werden. Daraus lässt sich für die Klinik ableiten, dass unabhängig von der Frage, wie viele Seitenzähne ersetzt werden sollten, zumindest ausgeprägte Asymmetrien in der posterioren Abstützung vermieden werden sollten. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen deutlich, dass vor allem einseitige Kontakte im Molarenbereich zu stark asymmetrischen Kontraktionen bei maximalem Pressen führen. Gerade fehlende Molaren werden jedoch prothetisch oftmals mit der Begründung nicht ersetzt, dass dies aus ästhetischen, phonetischen und kaufunktionellen Gründen nicht erforderlich sei. Weiterhin werden Patienten mit einseitigem posterioren Stützzonenverlust ihr Kaumuster wahrscheinlich dahingehend verändern, dass sie vermehrt die vollbezahnte Seite zum Zerkleinern der Nahrung nutzen und damit die muskuläre Imbalance weiter verstärken. Aus dem Verlust der Seitenzähne resultiert zudem eine veränderte Ableitung der Kaukräfte von den Zähnen auf die knöchernen Strukturen des Gesichtsschädels mit einer verstärkten Belastung des Kiefergelenks. Die muskuläre und biomechanische Imbalance könnte durchaus, insbesondere in langfristiger Sicht, das Risiko für die Entstehung kraniomandibulärer Dysfunktionen erhöhen. Die Ergebnisse für die Nackenmuskulatur stehen im Widerspruch zur klinischen Erfahrung, dass Patienten, die keine ausreichende okklusale Abstützung im Seitenzahnbereich aufweisen, nicht nur unter Beschwerden im Bereich der Kaumuskulatur leiden, sondern auch über vorwiegend myogene Beschwerden in der Nacken-, Schulter- und Armmuskulatur klagen. Offensichtlich ist zumindest bei funktionsgesunden jungen Erwachsenen die Kaumuskulatur in der Lage, die kurzfristigen okklusalen Veränderungen ohne messbare Miteinbeziehung der Nackenmuskulatur zu kompensieren. Weitere Studien sollten die Langzeiteffekte okklusaler Veränderungen auf die Muskelaktivität und das muskuläre Zusammenspiel untersuchen.
Beschreibung:135 pages.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2017.0755