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Titel: Einfluss von Gen und Umwelt auf die psychische Gesundheit – Der Effekt der Risikovariante CACNA1C rs1006737 und relevanter Schizophrenie Umweltrisikofaktoren auf schizotype Merkmale bei gesunden Probanden
Autor: Drexler, Rebecca
Weitere Beteiligte: Kircher, T. (Prof. Dr.)
Erscheinungsjahr: 2016
URI: https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2016/0132
DOI: https://doi.org/10.17192/z2016.0132
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2016-01325
DDC: 610 Medizin, Gesundheit
Titel(trans.): Influence of Gene and Environment on Mental Health - The Effect of CACNA1C rs1006737 and Schizophrenia relevant Environmental Risk Factors on Schizotypal Personality Traits in Healthy Subjects

Dokument

Schlagwörter:
Gen-Umwelt-Interaktion, CACNA1C rs1006737, Umweltfaktoren, Schizophrenie, gene-Environment-Interaction, CACNA1C rs1006737, environmental risk factor, schizophrenia

Zusammenfassung:
In den vergangenen Jahren wurde viel zur Ätiologie der Schizophrenie ge- forscht. In genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) wurden zahlreiche Ge- ne identifiziert, die mit der Entstehung einer Schizophrenie in Verbindung ge- bracht werden konnten. Zu diesen Risikogenen gehört auch CACNA1C (Crad- dock et al., 2005; Burton et al., 2007; Ferreira et al., 2008; Ripke and Schizo- phrenia Working Group of the Psychiatric Genomics Consortium, 2014). CAC- NA1C kodiert für einen Calciumkanal der unter anderem im ZNS exprimiert wird (Soldatov, 1994; Casamassima et al., 2010). Neben Risikogenen wur- den auch Umweltrisikofaktoren entdeckt, die für die Entstehung einer Schizo- phrenie mitverantwortlich sind. Zu ihnen gehören: Kindheitstraumata, exzes- siver Cannabisgebrauch in der Jugend, Migration, Geburtskomplikationen, Ge- burt in Wintermonaten, Urbanizität, hohes Alter des Vaters und Schädel-Hirn- Traumata (van Os et al., 2008). Da selten nur ein einziger Risikofaktor vorliegt, stellt sich die Frage, wie die einzelnen Risikofaktoren zusammen wirken und sich bei gemeinsamen Vorliegen auf das Erkrankungsrisiko einer Schizophre- nie auswirken. Dies lässt sich anhand sogenannte Gen-Umwelt-Interaktions- studien ermitteln. Vorangegangene Studien konnten zeigen, dass das Vorlie- gen des Persönlichkeitsmerkmals Schizotypie für eine erhöhte Vulnerabilität bezüglich einer Schizophrenie spricht (Linney et al., 2003; Miller et al., 2002). Somit bietet sich dieses messbare Persönlichkeitsmerkmal an, um Forschung im Rahmen von Früherkennung und subklinischen Stadien der Schizophrenie zu betreiben. Ziel dieser Studie ist es, einen Beitrag zur Erforschung der präklinischen Pha- se der Schizophrenie zu liefern. Dazu wurde als genetischer Risikofaktor das A-Allel der Risikovariante rs1006737 im CACNA1C Gen untersucht. Als Um- weltfaktoren interessierten Kindheitstraumata, Urbanizität, Geburtssaison und Alter des Vaters mit der Fragestellung wie sich die einzelnen Gen-und Um- weltrisikofaktoren auf das Persönlichkeitsmerkmal Schizotypie auswirken. In einem zweiten Schritt wurden Gen-Umwelt-Interaktionen zwischen CACNA1C rs1006737 und je einem der vier Umweltfaktoren betrachtet und deren Auswir- kung bei gemeinsamen Vorliegen auf die Schizotypie als Vulnerabilitäsmarker für Schizophrenie ermittelt. Die Datenerhebung fand im Zeitraum Mai 2010 bis Dezember 2011 im Rahmen der Studie zum Thema „Cultural Neuroscience - Neurale Prozesse, soziale Interaktion und gesellschaftliche Konflikte (Kernprojekt)“ an der Philipps-Universität in Marburg an der Lahn, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, statt. Es wurden 102 gesunde Männer (50,5%) zwischen 19 und 38 Jahren und 100 ge- sunde Frauen (49,5%) zwischen 19 und 32 Jahren untersucht. Anhand einer venösen Blutprobe wurden die Probanden genotypisiert und in die Gruppen CACNA1C Risikoallelgruppe AA/AG und CACNA1C Nicht-Risikoallelgruppe GG eingeteilt. Der Umweltrisikofaktor Kindheitstraumata wurde anhand des THQ (Trauma History Questionnaire) erhoben, Urbanizität, Alter des Vaters und Ge- burtssaison wurden ebenfalls durch Fragebögen ermittelt. Die Zielgröße Schi- zotypie als Vulnerablilitätsmarker für die Schizophrenie wurde mittels SPQ-B (Schizotypal Personality Questionnaire-Brief) erhoben. Mittels T-Test oder ANO- VA wurden die Haupteffekte der Risikogenvariante CACNA1C rs1006737 und die Haupteffekte der einzelnen Umweltfaktoren auf die Schizotypie getestet. Anschließend wurde mittels zweifaktorieller Varianzanalyse der Effekt des ge- meinsamen Vorliegens der Risikogenvariante rs1006737 und des jeweiligen Umweltrisikofaktors (Gen-Umwelt-Interaktion) auf die Ausprägung schizotyper Merkmale untersucht. Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten Haupteffekt des Umweltrisikofaktors Kindheitstrauma auf die Schizotypie (p=0,006). In den Gen-Umwelt-Interak- tionen konnten zwei signifikante Zusammenhänge gezeigt werden. Bei gleich- zeitigem Vorliegen des Risikoallels und Kindheitstraumata (p=0,040) und Ri- sikoallel und Geburtssaison (p=0,003) wurden bei den Probanden vermehrt schizotype Merkmale erhoben. Es konnte kein signifikanten Haupteffekt des Risikoallels CACNA1C rs1006737 auf Schizotypie (p=0,372) festgestellt wer- den. Auch die Umweltfaktoren Urbanizität (p=0,324), Alter des Vaters (p=0,544) und Geburtssaison (p=0,308) zeigen keinen signifikanten Hauptef- fekt auf Schizotypie. Für die Gen-Umwelt-Interaktion zwischen CACNA1C rs1006737 und Alter des Vaters zeigte sich ein positiver Trend (p=0,087) in der gegensätzlich erwarteten Richtung nämlich in der Nicht-Risikoallelgruppe GG. Das gemeinsame Vorliegen des Risikoallel CACNA1C rs1006737 und des Umweltfaktors Urbanizität wies keine signifikante Interaktionen auf und führte bei gemeinsamen vorliegen nicht zu vermehrtem Auftreten von schizotypen Merkmalen (p=0,695). Für die vorliegende Stichprobe konnte bestätigt werden, dass allein durch das Vorliegen des Risikofaktors Kindheitstraumata schizotype Merkmale vermehrt vorkommen. Dies lässt vermuten, dass auch das Risiko an einer Schizophre- nie zu erkranken erhöht ist.Eine signifikante Gen-Umwelt-Interaktion konnte für das gemeinsame Vorliegen von CACNA1C rs1006737 und Kindheitstrau- mata gezeigt werden, wobei das alleinige Vorliegen des Risikoallels keinen Ein- fluss auf die Schizotypie gezeigt hat. Weiterhin bestätigte sich die Annahme, dass es zu einer Interaktion und einem synergistischen Effekt von CACNA1C rs1006737 und der Geburtssaison kommt. Zwei Risikofaktoren, die bei alleini- gem Vorliegen keinen Einfluss auf die Schizotypie haben, verstärken sich bei gemeinsamen Vorliegen und führen zu einem vermehrten Vorliegen von schi- zotypen Merkmalen. Im Kontext des Vulnerabilitäts-Stress-Modells kann von ei- ner erhöhten Vulnerabilität durch CACNA1C rs1006737 ausgegangen werden. Hierdurch können die Stressoren Kindheitstraumata oder Geburtssaison eine verstärkte Wirkung erzielen, was in einem erhöhten Vorliegen von schizoty- pen Merkmalen resultiert und die Erkrankung an einer Schizophrenie begüns- tigt. Es zeigte sich keine Gen-Umwelt-Interaktion bei gemeinsamen Auftreten der Risikovariante CACNA1C rs1006737 und Urbanizität. Dies ist insofern in- teressant, da in vorangegangenen Studien Gen-Urbanizitäts-Interaktionen ge- zeigt werden konnten (Van Os et al., 2003; van Os et al., 2004; Weiser et al., 2007; Spauwen et al., 2006b). Jedoch wurden in diesen Studien stellvertreten- de genetische Marker untersucht und nicht wie in dieser Arbeit ein konkretes Gen bzw. SNP. Interessant wäre weiterhin zu untersuchen, wie mehrere gene- tische Risikofaktoren und Umweltrisikofaktoren gleichzeitig wirken. Da für sol- che Interaktionsmodelle mit mehreren Faktoren schnell die statistische Aus- sagekraft fehlt, sind in Zukunft große multizentrische Studien notwendig, da nur diese zeigen können, ob Ergebnisse wie in dieser Studie stabil sind. Fakto- ren, die sich in diesem Kontext als stabil erweisen, können für präventive und therapeutische Maßnahmen relevant sein.

Summary:
In the past few years much research has been done on the aetiology of schi- zophrenia. Many genes associated with the risk of this disease were found in genome-wide association studies (GWAS), one of them being CACNA1C (Crad- dock et al., 2005; Burton et al., 2007; Ferreira et al., 2008; Ripke and Schizo- phrenia Working Group of the Psychiatric Genomics Consortium, 2014), a gene encoding for a calcium channel and expressed in the CNS (Soldatov, 1994; Ca- samassima et al., 2010). Beside the genetic risk factors for schizophrenia, environmental risk factors were identified such as: childhood trauma, excessive cannabis use during ado- lescence, migration, obstetric complications, birth in winter, growing up in an urban environment, having an older father and traumatic brain injury (van Os et al., 2008). Several risk factors often appear at the same time giving rise to the question how these risk factors interact and what their joint impact on schizophrenia is. Gene-environment studies are being conducted to examine these questions. Previous studies have shown that the schizotypy personality trait is associa- ted with an increased vulnerability for schizophrenia (Linney et al., 2003; Mil- ler et al., 2002). Schizotypy can be assesd using a questionnaire, which is a helpful tool for research on schizophrenia, especially for early diagnosis and assessment of the subclinical state. The aim of this study was to contribute to the research on the subclinical state of schizophrenia. The genetic risk factor CACNA1C rs1006737 (A-allele) was chosen for this purpose and environmental risk factors examined were child- hood trauma, urbanicity, season of birth and age of father. The aim was to ex- amine the impact of every individual risk factor on the schizotypal personality trait and the interaction between CACNA1C rs1006737 and each environmen- tal risk factor. Here the joint impact of the gene and a specific environmental risk factor on schizotypal personality trait as a marker of vulnerability for schizophrenia was of specific interest. Data collection was done from May 2010 to December 2011 as part of the study „Cultural Neuroscience - neuronal processes, social interaction and con- flicts“ at the Philipps-University, Department of Psychiatry and Psychotherapy in Marburg (Lahn), Germany. In total 102 healthy men (50,5%) between the ages of 19 and 38 and 100 healthy women (49,5%) between the ages of 19 and 32 participated in the study. A venous blood sample was taken and the participant was genotyped and clas- sified into CACNA1C risk allele group AA/AG or CACNA1C non-risk allele group GG. The environmental risk factors were assessed using the THQ (trauma history questionnaire) for childhood trauma and a questionnaire for urbanicity, sea- son of birth and age of father. The level of schizotypy of each participant was examined using the SPQ-B (Schizotypal Personality Questionnaire-Brief). In a first step of statistical analysis, either a t-test or an ANOVA was used to analyse the main effect of the genetic risk factor CACNA1C rs1006737 as well as of each individual environmental risk factor on schizotypy. In a second step of statistical analysis, a two-factor variance analysis was used to examine the joint effect of the genetic risk factor CACNA1C rs1006737 and each environ- mental risk factor on schizotypy (gene-environment interaction). A statistically significant effect of the environmental risk factor childhood trauma on schizotypy (p=0,006) was found. Looking at the gene-environment in- teraction, two significant interactions were seen: the effect of CACNA1C rs1006737 and childhood trauma (p=0,040), as well as the effect of CACNA1C rs1006737 and season of birth (p=0,003) on the schizotypal personality trait. No significant main effect of the genetic risk allele CACNA1C rs1006737 on schizotypy (p=0,372) was found. The environmental risk factors urbanicity (p=0,324), age of father (p=0,544) and season of birth (p=0,308) also sho- wed no significant main effect on schizotypy. The gene-environment interacti- on between CACNA1C rs1006737 and the age of the father showed a positiv trend for the group without the genetic risk (GG) (p=0,087). This is the oppo- site of the expected direction. This study showed that childhood trauma leads to an increase of schizotypal personality trait. From this observation it can be assumed that the risk for schizophrenia is increased by this environmental risk factor. The risk allele itself did not show a main effect on schizotypy, however a significant gene-environment interaction was found for CACNA1C rs1006737 and childhood trauma. Further- more, information on the interaction of the risk allele CACNA1C rs1006737 and individual environmental risk factors was collected. There was a significant in- teraction and synergistic effect of CACNA1C rs1006737 and season of birth on schizotypy. These two risk factors do not individually influence the risk for schizotypy significantly, but when occurring together, they mutually reinforce each other, resulting in higher levels of schizotypy. In the context of the vulnerability-stress-model a higher vulnerability for schi zotypy can be assumed by the occurrence of CACNA1C rs 1006737 A-allele. Through this mechanism the stressors childhood trauma and season of birth have a higher impact on schizotypy resulting in a higher risk for schizophrenia. No significant gene-environment interaction between CACNA1C rs1006737 and urbanicity could be shown. Neither a main effect between these risk factors, nor an interaction could be observed. This is an interesting finding as previous studies have shown a gene-urbanicity interaction (Van Os et al., 2003; van Os et al., 2004; Weiser et al., 2007; Spauwen et al., 2006b). However these studies used representative genetic markers and not a specific gene or SNP as was the case in this study. Based on this sample the risk allele CACNA1C rs1006737 is not involved in a gene-urbanicity interaction. It would be interesting to examine the interaction between multiple genetic and environmental risk factors in further studies. For studies with such inter- action models and numerous variables, reaching statistical power could be challenging. It is therefore suggested that multicenter studies should be con- ducted to prove the stability of the findings of this study. Risk factors that can be proven stable in this context may be used in preventive and therapeutic measures.


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