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Titel:Zusammenhangsmessung zwischen Schusswaffen und Devianz
Autor:Westphal, Christian
Weitere Beteiligte: Fleischer, Karlheinz (Prof. Dr.)
Veröffentlicht:2013
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2013/0483
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2013-04833
DOI: https://doi.org/10.17192/z2013.0483
DDC: Wirtschaft
Titel(trans.):On the Association between Firearms and Deviant Behavior
Publikationsdatum:2013-11-06
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
Spurious Correlation, Guns, Waffe, Scheinkorrelation, Suicide, Tötung, Mord, Abweichendes Verhalten, Spurious Regression, Scheinregression, Logistische Regression, Amok, Crime, Kriminalität

Zusammenfassung:
Die staatliche Regulierung von Schusswaffen in Privatbesitz ist sowohl in der wissenschaftlichen Literatur als auch in der Gesellschaft ein intensiv diskutiertes Thema. Die Diskussion in der Öffentlichkeit wird nahezu ausschließlich auf Basis von Einzelbeobachtungen geführt. Interessenverbände und politische Parteien dominieren diese Diskussion. Herausragende Interessenverbände in den Vereinigten Staaten sind die National Rifle Association (NRA), die sich sehr erfolgreich für ein freizügiges Waffenrecht in den Vereinigten Staaten einsetzt, und – mit entgegen gerichteter Zielsetzung – das auch global agierende International Action Network on Small Arms (IANSA). Eine in der Bedeutung mit der NRA vergleichbare Organisation, die ähnliche Ziele verfolgt, existiert in Deutschland nicht. Die Schießsport- und Jagdverbände sind hier die prominentesten Vertreter eines "pro"-Schusswaffen Standpunktes. Auf der anderen Seite werden insbesondere von der Partei Die Grünen in den letzten Jahren Gesetzesvorschläge unterbreitet (z.B. Bundestagsdrucksachen 17/2130 und 17/7732), die auf eine strengere Regulierung von privaten Schusswaffen in Deutschland abzielen. In der öffentlichen und politischen Debatte werden vor allem drei Begründungen für Regulierung/Deregulierung von Schusswaffen angeführt. Dies sind zum einen "school shootings." In Deutschland fanden zwei besonders aufsehenerregende Taten 2002 in Erfurt und 2009 in Winnenden statt. Auf beide Ereignisse wurde von der Politik mit strengerer Schusswaffenregulierung durch Änderungen im deutschen Waffengesetz reagiert. In das Beratungsverfahren gingen auch wissenschaftliche Positionen ein. Das school shooting vom Dezember 2012 in Newtown, Connecticut leitete in den USA eine intensive Diskussion um die dortigen Waffengesetze ein. Auch hieran beteiligte sich die Wissenschaft. Dass die Tragik eines solchen Ereignisses von Interessenvertretern in ihrem Sinne ausgenutzt wird, ist nicht auszuschließen. Ebenso ist nicht garantiert, dass alle von Wissenschaftlern geäußerten Positionen neutral sind. Des Weiteren wird in der Diskussion eine abstrakte allgemein erhöhte Gefährdung durch die Verbreitung von Schusswaffen angenommen, was sich in Deutschland auch in der Rechtsprechung (BVerwG 1 C 5.99) niederschlägt. Ein dritter Diskussionspunkt sind Suizide. Sollte die Verfügbarkeit von Schusswaffen die Neigung einzelner sich selbst zu töten erhöhen, so ist es naheliegend, über Vermeidungsmöglichkeiten nachzudenken. Dass alle drei Punkte ökonomische Dimensionen besitzen, ist offensichtlich. Ebenso sind ökonomische Auswirkungen durch Regulierung/Deregulierung zu erwarten – und zwar abhängig sowohl von der Richtung und Größe eines eventuell bestehenden Zusammenhangs als auch vom direkten Effekt durch die Regulierung auf Markt und Komplementärmärkte für Schusswaffen sowie eventuellen individuellen Nutzen. In der Wissenschaft wird auch in der volkswirtschaftlichen Literatur mit quantitativen Methoden nach möglichen Zusammenhängen zwischen Schusswaffen und Devianz gesucht. Gibt es einen Zusammenhang zwischen unerwünschtem deviantem Verhalten und Schusswaffen, so ist – abhängig von der Richtung dieses Zusammenhanges – plausibel, dass die Verbreitung von Schusswaffen in der Bevölkerung sich auf diesem Wege positiv oder negativ auf das Gemeinwohl auswirkt. Die Hypothese, dass die Verfügbarkeit von Schusswaffen mit school shootings zusammenhängt, ist in der qualitativen Literatur zu diesen Ereignissen verbreitet. Folgt man der Bezeichnung "school shooting", so ist auf den ersten Blick ein perfekter Zusammenhang zu vermuten. Nach der Definition des Begriffs in kann ein school shooting mit z.B. Hieb-, Stich-, Brand- oder Sprengwaffen begangen werden. Derartige Fälle sind eingetreten, so dass der vormals offensichtlich perfekte Zusammenhang nicht besteht. Bei allen drei oben beschriebenen Verhaltensweisen – school shootings, sonstige Gewaltkriminalität, Suizid – handelt es sich um von der gesellschaftlichen Norm abweichendes, also deviantes, Verhalten. Dieses soll – unter Berücksichtigung eventueller Trade-Offs – durch geeignete regulatorische Maßnahmen unterbunden werden. Aus wohlfahrtsökonomischer Sicht ist es hierbei wünschenswert, nicht opportun einer beliebigen Seite der Debatte stattzugeben. Vielmehr sollte eine Regulierung auf quantitativer Evidenz basieren. Solche ist, entgegen vielen qualitativen Ergebnissen, nicht durch einen persönlichen Bias beeinflussbar. Die wissenschaftliche Debatte zu dem Thema "Schusswaffen und Devianz" ist nicht abgeschlossen. Meine Arbeit trägt hierzu in drei Punkten bei: Zu school shootings zeige ich qualitativen Forschern eine einfach anzuwendende und leicht verständliche Methode auf und demonstriere, dass diese unter plausiblen Parametern zu aussagekräftigen Ergebnissen kommen kann. Zu Schusswaffen und Suiziden bestätige ich ein bekanntes Ergebnis: Mehr Schusswaffen hängen mit mehr Schusswaffensuiziden zusammen. Gleichzeitig berichtige ich ein in der Regulierungsdebatte verwendetes Ergebnis, das einen starken (Schein-)Zusammenhang zwischen Schusswaffen und Suiziden insgesamt behauptet. Zur Thematik Schusswaffen und Gefährdung der Bevölkerung zeige ich, dass eine Regulierungsempfehlung auf einem Scheinresultat aus einer Regressionsrechnung basiert. Hieraus ergibt sich gleichzeitig ein interessantes theoretisches Ergebnis zur möglichen Verzerrung von Ergebnissen in Log-Raten-Modellen.

Summary:
The feasibility of analyzing school shootings via case-control studies is examined with encouraging results. Firearms suicides seem to depend on the prevalence of firearms in the population while there is very weak evidence for substitution between methods when firearms become more or less available from Austrian data. A result on 'the social costs of gun ownership' is found to be purely due to spurious regression results.

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