Extensive Schweinefreilandhaltung und ihre Auswirkung auf tierische Lebensgemeinschaften am Beispiel der Laufkäfer (Coleoptera: Carabidae)

In den Jahren 2000-2002 wurden auf 4 neu etablierten, extensiv genutzten Schweineweiden sowie auf angrenzenden Referenzflächen (Brachen, konventionelles Grünland) die Laufkäferzönosen erfasst. Die Standorte im Weserbergland, in der brandenburgischen Elbaue und auf der Schwäbischen Alb bildeten ein m...

Ausführliche Beschreibung

Gespeichert in:
1. Verfasser: Hill, Benjamin T.
Beteiligte: Beck, Lothar (Prof. Dr.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2012
Biologie
Ausgabe:http://dx.doi.org/10.17192/z2013.0228
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Zusammenfassung:In den Jahren 2000-2002 wurden auf 4 neu etablierten, extensiv genutzten Schweineweiden sowie auf angrenzenden Referenzflächen (Brachen, konventionelles Grünland) die Laufkäferzönosen erfasst. Die Standorte im Weserbergland, in der brandenburgischen Elbaue und auf der Schwäbischen Alb bildeten ein möglichst breites Spektrum von Umweltfaktoren ab, um den Einsatz der Schweinefreilandhaltung als Landschaftspflegemaßnahme analysieren zu können. Die Erfassung erfolgte mit Boden- und Richtungsfallen, um Interaktionen mit dem Umfeld zu erfassen sowie Mikrofallen in den Schweine-Wühlstellen. Zusätzlich wurden strukturelle Parameter erhoben (z. B. Offenboden-Anteil, Streuschicht, Mikrorelief, Vegetationsstruktur). Neben dem räumlichen und zeitlichen Vergleich der Gemeinschaften analysierte ich die Reaktion funktioneller Merkmale. Weiterhin interessierte mich, inwieweit sich bei Arten mit Flügelpolymorphismus das Verhältnis lang- und kurzflügeliger Morphen in Abhängigkeit von der Nutzung ändert. Insgesamt wurden 34.248 Laufkäfer-Individuen aus 155 Arten gefangen. Die höchsten Artenzahlen und Diversität weisen die Schweineweiden auf, gefolgt von Brachflächen und mit weitem Abstand dem Referenz-Grünland. Es zeichnet sich ab, dass generell der Anteil an xero- und thermophilen Laufkäfern auf den Schweineweiden zunimmt, während auf den Brachen v. a. feuchteliebende und euryöke Individuen eine höhere Aktivität zeigen. Die Schweinebeweidung führt zu einer deutlichen strukturellen Bereicherung der untersuchten Grünlandflächen. Der Anteil an Offenboden steigt und das Mikrorelief wird diverser, während Vegetationshöhe und Streuschicht abnehmen. Die Bedeutung der Wühltätigkeit für die Artendiversität der Laufkäfer im Grünland lässt sich an Zusammenhängen von Offenbodenanteil mit Artenzahl und Turnoverrate erkennen. Die Ordination der Bodenfallenfänge aller Probeflächen zeigt, dass die standörtliche Heterogenität etwaige Nutzungsunterschiede überlagert. Am einzelnen Standort erweisen sich Sukzessionsparameter und Offenbodenanteil als entscheidend für die Entwicklung der Gemeinschaften. Bestimmte funktioneller Merkmale verändern sich in Abhängigkeit des Nutzungstyps: die Effekte werden allerdings von der standörtlichen Heterogenität überlagert. Gleichwohl deutet sich an, dass auf Brachen nachtaktive, hell gefärbte, unbehaarte und sehr kleine Laufkäfer höhere Aktivitäten besitzen. Der Anteil flugunfähiger Käfer, welcher als Maß für die Stabilität von Lebensräumen gilt, nimmt besonders auf den Brachen zu. Bei den Arten mit einer genetischen Disposition für Flügelpolymorphismus, d. h. die sowohl lang- als auch kurzflügelige Tiere hervorbringen, ist entsprechend der Ausgangshypothese der Anteil langflügeliger Individuen auf den Schweineflächen am höchsten. Die Erhebungen zum regionalen Artenpool belegen, dass praktisch alle Laufkäferarten des Offenlands in der Lage sind, erfolgreich die Schweineweiden zu besiedeln. Darüber hinaus stellen die Weideflächen spezifische Qualitäten bereit, z. B. nasse, schlammig-lehmige Rohbodenbereiche, die im „normalen“ Grünland in diesem Umfang nicht auftreten und deshalb zur Bereicherung des Artenpools beitragen. Aus naturschutzfachlicher Sicht bleibt festzuhalten, dass auf den Schweineweiden die größte Zahl gefährdeter Carabiden auftritt. Im Verlauf der Untersuchung steigt nur hier die Zahl auch stark bedrohter Arten stark an: Überregional bemerkenswerte Artnachweise betreffen z. B. Amara strenua, Badister unipustulatus und Pterostichus longicollis an der Elbe sowie Callistus lunatus im Weserbergland. Auch bzgl. der Individuenanteile streng stenöker Laufkäfer weist dieser Nutzungstyp eine höhere Wertigkeit als Brache und „normales“ Grünland auf. Die Ergebnisse der Arbeit zeigen, dass mit der extensiven Schweinefreilandhaltung eine dynamische Nutzungsform existiert, die großes Potenzial in der Landschaftspflege bietet. Sie bietet spezifische, bislang im Bezugsraum fehlende Strukturen, die auch andere Artengruppen fördert (z. B. Wiesenbrüter oder Segetalflora) und zur landschaftlichen Qualität beiträgt (z. B. hochwertige Nahrungsmittel, Erholung, Tierschutz). Diese Nutzungsform stellt somit ein Paradebeispiel der vielfach geforderten multifunktionalen Landwirtschaft dar. Die konkreten Einsatzmöglichkeiten, Fragen des Weidemanagements und die Bedeutung der Landschaftsstruktur für den Erhalt der Agrobiodiversität werden diskutiert. Auf den Umgang mit veterinärrechtlichen Fragen, welche die sozio-ökonomischen Aspekte der Schweinefreilandhaltung bestimmen, sowie die Bedeutung der zukünftigen Ausgestaltung der Europäischen Agrarpolitik, die für den Erhalt halbnatürlicher Offenlandsbiotope in peripheren Räumen entscheidend ist, wird hingewiesen.
DOI:http://dx.doi.org/10.17192/z2013.0228