Publikationsserver der Universitätsbibliothek Marburg

Titel: Vom Konkreten im Abstrakten. Eine kognitionslinguistische Analyse zu Konkreta und Abstrakta.
Autor: Schrauf, Judith
Weitere Beteiligte: Kauschke, Christina (Prof.)
Erscheinungsjahr: 2011
URI: https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2011/0620
DOI: https://doi.org/10.17192/z2011.0620
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2011-06208
DDC: 400 Sprache, Linguistik
Titel(trans.): Concreteness within abstract terms - a cognitive linguistic analysis of concrete and abstract nouns

Dokument

Schlagwörter:
Embodiment, Metapher, Kognitive Semantik, Psycholinguistik, Sprachverarbeitung <Psycholinguistik>, Wahrnehmung, Konkretisierung, Concretization, Metaphor, Embodiment, Cognitive Linguistics, Perception

Zusammenfassung:
Die Unterscheidung von Wörtern auf der Ebene konkret vs. abstrakt blickt auf eine lange Forschungstradition zurück. Dabei lag der Schwerpunkt größtenteils auf der Subklassifizierung der Wortart Nomen, die auch in der vorliegenden Arbeit im Fokus steht. Zahlreiche Bemühungen wurden unternommen, um Wörter nach ihrem Konkretheitsgrad zu klassifizieren. Die daraus formulierten Definitionen unterscheiden sich hinsichtlich der gewählten Kriterien zur Bestimmung von Konkretheit und der damit verbundenen Sichtweise zur Ausprägung von Konkretheit. Neben strikt dichotomen Ansätzen (Conrad 1986, Wode 1988), in denen eine klare Subklassifizierung in konkret und abstrakt vorgenommen wird, werden kontinuierliche (Schierholz 1991, Ewald 1992) oder dynamische Ansätze (Kronasser 1952, Wiemer-Hastings 2001) diskutiert. Innerhalb kontinuierlicher Sichtweisen wird die Grenze zwischen konkret einerseits und abstrakt andererseits aufgehoben und Konkretheit als ein Kontinuum mit fließenden Übergängen betrachtet. Dynamische Sichtweisen beschreiben Wechselwirkungen zwischen Konkreta und Abstrakta und legen Kriterien fest, die beschreiben, wie Konkretes abstrakt und Abstraktes konkret werden kann. Aus der Möglichkeit dynamischer Beziehungen zwischen Konkreta und Abstrakta wird in dieser Arbeit eine in Bezug auf Konkretheit wichtige, aber bisher in der Konkretheitsforschung kaum berücksichtigte Differenzierung abgeleitet. Diese betrifft die Unterscheidung in ontologisch und konzeptuell. Ontologische Konkretheit bezieht sich auf Kriterien, die von dem Referenzobjekt eines Wortes bestimmt werden; dies kann z.B. durch die Eigenschaft des Objektes, sinnlich wahrnehmbar zu sein, gegeben sein. Konzeptuelle Konkretheit bezieht sich dagegen auf die durch die Interaktion eines Menschen mit seiner Umwelt resultierenden Erfahrungen mit dem Referenzobjekt und die Einbindung sowie Erweiterung dieser Erfahrungen in die Konzeptbedeutung mit dem Ergebnis einer Konkretisierung durch eine Merkmalsanreicherung (vgl. Kronasser 1952). Diese Möglichkeit zur Veränderung vom Abstrakten zum Konkreten impliziert eine dynamische Sichtweise auf die Wortbedeutung, die innerhalb kognitionslinguistischer Bedeutungstheorien postuliert wird. Am Beispiel konzeptueller Metaphern sind diese Konkretisierungsdynamiken erkennbar und gut nachvollziehbar. Beispielsweise führt die Metapher THEORIEN SIND GEBÄUDE aufgrund von Merkmalsübertragungen aus dem konkreten Konzept Gebäude auf das abstrakte Konzept Theorie zu einer Merkmalsanreicherung (z.B. Theorien haben ein Fundament, Theorien werden erbaut etc.) und dadurch zu einer Konkretisierung. Zudem übernehmen Metaphern innerhalb der kognitionslingustischen Annahme einer verkörperten Kognition (embodied cognition) eine wichtige Funktion hinsichtlich abstrakter Konzepte und der Frage, wie Abstrakta körperlich verankert und repräsentiert sein können. Metaphern bilden eine mögliche Brücke zum Körperlichen, indem sie Bedeutungsmerkmale konkreter auf abstrakte Konzepte übertragen. Aufgrund ihrer offensichtlichen Konkretisierungsdynamiken sollten Metaphern bei einer Untersuchung von Konkreta und Abstrakta berücksichtigt werden. Deshalb ist ein wesentliches Element dieser Arbeit, das Verständnis von Abstrakta als Konkretisierung mittels metaphorischer Abbildungen zu modellieren. Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit ist es, eine umfassende sprachsystematisch-theoretische Grundlage zur Erfassung von Konkretheit zu erarbeiten, um auf deren Basis den Einfluss von Konkretheit auf die Sprachverarbeitung zu untersuchen. Damit verbunden sind folgende forschungsleitenden Fragen: Welche Kriterien ontologischer Konkretheit wirken sich auf die Wortverarbeitung aus? Wie wirkt sich konzeptuelle Konkretheit auf die Wortverarbeitung aus? Wie wirken sich unterschiedliche Erfahrungen in der sinnlichen Wahrnehmung auf die Wortverarbeitung aus? Zur Beantwortung der letztgenannten Frage werden Menschen mit unterschiedlicher Sinneswahrnehmung hinsichtlich ihrer Sprachverarbeitung von Konkreta und Abstrakta verglichen. Die gewählten Populationen sind Geburtsblinde (defizitäre Wahrnehmung), Farb-Wort-Synästhetiker (additive Wahrnehmung) und sehende Nicht-Synästhetiker (neutrale Wahrnehmung).  

Summary:
Differentiating between concrete and abstract words has a long research tradition, with particular focus, as in this study, on the sub classification within nouns. Numerous attempts have been made to classify words in terms of their concreteness. The resulting diverse definitions vary both in terms of the criteria used to define concreteness, as well as the related view on the characteristics of concreteness. Alongside strict dichotomous approaches, which are characterized by a clear distinction between concrete and abstract (Conrad 1986, Wode 1988), continuous (Schierholz 1991, Ewald 1992) and dynamic models (Kronasser 1952, Wiemer-Hastings 2001) are also discussed in this study. The continuous perspective regards concreteness as a continuum from a concrete to an abstract state, with fluid transitions in-between. The dynamic view claims interactions between the concrete and the abstract and defines factors to explain the transformation from concrete to abstract words and vice versa. Based on the possibility of dynamic interactions between concrete and abstract, this paper studies an important dimension related to concreteness which, until now, has seldom been considered; the distinction between ontological and conceptual. Ontological concreteness is grounded in criteria that are defined by a word’s reference object, i.e. concreteness arises from the object’s characteristics enabling it to be perceived sensorily. On the other hand, conceptual concreteness refers to a person’s experience with the reference object, the effects on his environment, and the integration and expansion of these experiences in the conceptualization. The result is a concretization based on an enrichment of features (cf. Kronasser 1952). The potential for transition from abstract to concrete implies a dynamic view on the meaning of words, a view that is characteristic for cognitive linguistics theories. Within this research field, conceptual metaphors are used as examples to make this dynamic clear and comprehensible; e.g. the metaphor THEORIES ARE BUILDINGS. The abstract concept theories, becomes concrete by mapping features from the more concrete concept buildings to the abstract one. Based on this mapping, the concept theories is endowed with more features (e.g. theories have a foundation, theories are built) and thus becomes more concrete. In addition, within embodied cognition theories, metaphors play an important role in abstract concepts and in the question of how abstract words are physically grounded and represented. Metaphors build a potential bridge to the physical by mapping concrete attributes to abstract concepts. As metaphors demonstrate the dynamics of concretization, they should be considered in any investigation into concrete and abstract words. Therefore, a key element of this study is to model the role of abstract words as a means of concretization, through the use of metaphorical figures. The overall aim of this paper is to develop a broad, systematic, theoretical framework to assess concreteness and, on this basis, to study the influence of concreteness on word processing and usage. The central research questions are: Which criteria of ontological concreteness have an impact on word production? What impact does conceptual concreteness have on word production? How do different experiences of sensory perception impact word production? To answer the latter question, people with differing levels of sensory perception will be compared in terms of their concrete and abstract word production processing and usage. The three study groups are based on people who are blind from birth (reduced sensory perception), synaesthetic (additive sensory perception) and sighted/non-synaesthetic (neutral sensory perception).


* Das Dokument ist im Internet frei zugänglich - Hinweise zu den Nutzungsrechten