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Titel: "Kulturlager" Theresienstadt? Historischer Ort im Spannungsfeld von geschichtlicher Realität und stilisierter Präsentation
Autor: Postlep, Natascha
Weitere Beteiligte: Braun, Karl (Dr.)
Erscheinungsjahr: 2011
URI: https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2011/0618
DOI: https://doi.org/10.17192/z2011.0618
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2011-06189
DDC: 943 Geschichte Deutschlands
Titel(trans.): "Cultural Camp" Theresienstadt? Historical site between historical reality and stylized presentation

Dokument

Schlagwörter:
Judenvernichtung <Motiv>, Medien, Tschechische Republik, Kunst, Nationalsozialismus, Drittes Reich, Propaganda, Kollektives Gedächtnis ,, Erinnerungskultur, Medienanalyse, Holocaust, Shoah, Deportation, culture, media, concentration camp, ghetto, art, music, Czech Republic, commemorative culture, witness, resistance, holocaust, shoah

Zusammenfassung:
Auch wenn es uns heute nicht möglich ist, die Vergangenheit erneut erfahrbar zu machen, sind Zeitzeugen, Forscher, Wissenschaftler, Literaten, Filmemacher und Ausstellungskuratoren doch darum bemüht, Geschichtsbilder zu erzeugen. Daraus entstehen historische Persönlichkeiten, historische Ereignisse oder historische Orte. Im Fall eines Vergangenheitsauszugs wie des Holocaust kommt zur Konstruktion des Geschichtsbilds das Erinnern hinzu, das im positiven Fall zum kollektiven Gedenken wird. Ausgangspunkt vorliegender Analyse ist eine besondere Rekonstruktion von Geschichte – und ein einzigartiger historischer Ort als Forschungsgegenstand: das ehemalige nationalsozialistische Lager Theresienstadt. Als Teil des Holocaust ein Gedenkort und gleichzeitig paradoxes Unikat, ist Theresienstadt heute der Gefahr ausgesetzt, in stilisierter Weise in die Geschichte einzugehen. Ausgangspunkt dieser Gefahr ist die in der Vergangenheit liegende Funktionalisierung durch die Nationalsozialisten, denn dadurch erhielt Theresienstadt mehrere, heute nahezu nicht zu vereinende Gesichter. Da ist zunächst die urbane Erscheinung; geografisch war Theresienstadt zum Großteil eins mit der ehemaligen böhmischen Kleinstadt Terezín. Hinzu kommt die Vorzeigefunktion im Terrorsystem: Theresienstadt als vermeintliches jüdisches „Siedlungsgebiet“, als Schaufenster der Machthaber, um den Holocaust vor der Welt zu verleugnen. Aus dieser Lüge wiederum folgt der dritte Aspekt, die einzigartige Zusammensetzung der Häftlingsgemeinschaft, denn in das vermeintliche Vorzugslager wurde der Großteil der jüdischen Künstlerelite Europas deportiert. Die auf dem natürlichen Bedürfnis des Kulturmenschen basierende Reaktion der Häftlinge auf diese Konstellation war die Entwicklung einer Art bewachten Eigenlebens innerhalb des Lagers mit einer ausgeprägten künstlerischen und intellektuellen Aktivität. Hinter allem stand jedoch die Holocaust-Realität Theresienstadts: Hunger, Angst, harte Arbeit, Krankheit, Deportation und Tod. Die meisten Opfer endeten in den Gaskammern von Auschwitz. Das ist der Kontrast Theresienstadts, der die Rezeption in einzigartiger Weise beeinflusst hat. So stehen wir heute vor der Frage: Entwickelt sich das Geschichtsbild Theresienstadts unbeabsichtigt in Richtung eines kulturell bestimmten Ortes oder wie einige Stimmen behaupten, sogar in Richtung eines „Kulturlagers“? Um diese Frage beantworten und gleichzeitig die daraus resultierenden Gefahren aufzeigen zu können, muss das Phänomen der Stilisierung des historischen Ortes Theresienstadt von der Vergangenheit bis heute aufgeschlüsselt werden – und das in allen Bereichen der Geschichtskonstruktion. Die vorliegende Analyse erstreckt sich folglich von der Forschung bis in alle Bereiche der Erinnerungskultur, denn nur so lässt sich ein ganzheitlicher Eindruck gewinnen und umfassend für die Problematik sensibilisieren. Die Adaption kultureller Momente und Dokumente findet innerhalb der Analyse besondere Berücksichtigung, denn an ihnen lässt sich anschaulich die damalige Bedeutung des kulturellen Lebens für die Häftlinge und auch für die Machthaber ablesen, sowie deren Bedeutung für die Vermittlung von Geschichte. Ob als Mittel des Widerstandes, als Täuschungsinstrument, als Zeitdokument oder als Kunstwerk – anhand der vorliegenden Analyse zeigt sich, wie vielfältig die Theresienstädter Kultur, und damit ist im Wesentlichen die dortige „Hochkultur“ gemeint, in die Rezeption eingebunden wird und welch anschauliche und emotionale Einblicke sie uns in die Geschichte gibt. Gleichzeitig kristallisiert sich heraus, inwiefern eine konstante Betonung von Kultur andere Aspekte, mitunter auch die Holocaustrealität selbst, ein Stück weit in den Hintergrund treten lässt. Die Stilisierung Theresienstadts: Ein ungewolltes Phänomen, das durchaus seine geschichtliche Berechtigung hat – im Hinblick zum Beispiel auf das Gedankengut von Holocaustleugnern aber in seinen Entstehungsmechanismen stets erklärt, verstanden und berücksichtigt werden sollte. Unter dieser Voraussetzung kann die Würdigung und Einbindung der bis heute faszinierenden kulturellen Leistung der Theresienstädter Häftlinge gefahrlos erfolgen.

Summary:
Although we cannot enable people to experience the past again today, contemporary witnesses, researchers, scientists, writers, filmmakers and exhibition curators attempt to create historical images. From these emerge historical figures, historical events or historical sites. With a section of the past such as the Holocaust, memory contributes to constructing the historical image which becomes a collective remembrance in the positive sense. The starting point for this analysis is a particular reconstruction of history – and a unique historical site as a research subject: the former Nazi concentration camp of Theresienstadt. As a part of the Holocaust, Theresienstadt is a memorial and at the same time a site with a paradoxical uniqueness, and is therefore now in danger of being immortalized in history in a stylized manner. The origin of this danger is its functionalization in the past by the National Socialists, as this gave Theresienstadt several faces which are now almost incompatible. First, there is the urban aspect; geographically, Theresienstadt was largely part of the small town of Terezín, in what was once Bohemia. Then there is the site’s model function in the terror system: Theresienstadt was presented as a Jewish “settlement area”, a showcase to allow those in power to deny the Holocaust to the world. This lie in turn resulted in the third aspect, the unique composition of the inmate community, as the majority of Europe’s Jewish artistic elite were deported to the supposed preferential camp. The prisoners’ reaction to this combination, based on the natural needs of civilized man, was to develop a kind of overseen private existence within the camp, with pronounced artistic and intellectual activity. And yet behind everything stood the reality of the Holocaust in Theresienstadt: hunger, fear, hard labor, sickness, deportation and death. Most of the victims wound up in the gas chambers of Auschwitz. This is Theresienstadt’s contrast, which has uniquely influenced its reception. Thus we now face the question of whether the historical image of Theresienstadt is inadvertently moving towards that of a culturally dedicated location, or even, as some suggest, that of a “cultural camp”? To be able to answer this question and also to illustrate the resulting dangers, we must itemize the stylization of the historical site of Theresienstadt as a phenomenon right up to the present day – and we must do so in all areas of historical construction. This analysis consequently extends from research into all areas of remembrance culture, as this is the only way to obtain a holistic impression and comprehensively raise awareness of the problems. The analysis pays particular attention to the adaption of cultural moments and documents, as these vividly reveal the significance of cultural life at the time to the inmates and those in power, as well as its importance in communicating history. Whether as a means of resistance, a tool for deception, a contemporary document or a work of art – this analysis reveals the multitude of ways in which Theresienstadt culture (essentially meaning the local “high culture”) was integrated into its reception, and the vivid and emotional insights into history it gives us. At the same time, it highlights the extent to which other aspects, including the reality of the Holocaust itself, were pushed far into the background by a constant emphasis on culture. The stylization of Theresienstadt is an inadvertent phenomenon with full historical justification – but one whose development should always be explained, understood and taken into account, for example with regard to the mindset of Holocaust deniers. This condition will allow the cultural achievements of the inmates of Theresienstadt, still fascinating today, to be appreciated and integrated without danger.


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