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Titel: Intravenöses Levetiracetam zur Therapie des Status epilepticus –Eine retrospektive Erhebung
Autor: Grüner, Judith
Weitere Beteiligte: Knake, Susanne (Prof. Dr.)
Erscheinungsjahr: 2011
URI: https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2011/0338
DOI: https://doi.org/10.17192/z2011.0338
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2011-03384
DDC: 610 Medizin, Gesundheit
Titel(trans.): intravenous Levetiracetam for therapy of status eplepticus

Dokument

Schlagwörter:
Levetiracetam, Levetiracetam, Levetiracetam

Zusammenfassung:
Der Status epilepticus (SE) ist mit einer Inzidenz von 20 pro 100.000 einer der häufigsten neurologischen Notfälle überhaupt. Er hat eine hohe Morbidität und eine Mortalität von 16-26% und bedarf einer frühzeitigen und optimalen Therapie. Die medikamentöse Therapie des SE bestehend aus Benzodiazepinen als Mittel der ersten Wahl, Phenytoin, Valproat und Barbituraten ist nicht selten erfolglos, zudem sind viele Nebenwirkungen und Kontraindikationen bekannt, die die Applikation dieser Medikamente verbieten. Diese sind besonders bei älteren Patienten aufgrund eventueller Komorbiditäten und Polytherapien zu beachten. So sind zum Beispiel Phenytoin bei Herzrhythmusstörungen, Valproat bei Leberschädigung und Barbiturate bei kardiovaskulärer Instabilität kontraindiziert. Levetiracetam ist seit dem Jahr 2000 als orales Antikonvulsivum zugelassen. Es hat sich in oraler Gabe als neben- und wechselwirkungsarm erwiesen, wobei die aufgetretenen Nebenwirkungen hauptsächlich psychovegetativer Art sind und sich in Schwindel, Müdigkeit und Stimmungsschwankungen äußern. Als erstes der neueren Antikonvulsiva ist es seit 2006 auch in intravenöser Applikationsform auf dem Markt, zugelassen für die Indikation, dass die orale Applikation des Medikaments vorübergehend nicht möglich ist. Im Rahmen dieser Studie wurden über einen Zeitraum von 18 Monaten retrospektiv alle Fälle erhoben, in denen Patienten im SE im Rahmen eines individuellen Heilversuchs Levetiracetam intravenös verabreicht bekommen hatten. Bei der Erhebung der Daten wurde insbesondere auf die Wirksamkeit des Medikaments sowie das Auftreten von Nebenwirkungen geachtet. Insgesamt wurden 19 Fälle bei 17 verschiedenen Patienten in die Studie eingeschlossen. Die Auswertung der Daten hat ergeben, dass bei allen 19 Episoden ein fokaler Anfall zugrunde lag, in vier Fällen mit sekundärer Generalisierung, in drei Fällen als nonkonvulsiver SE. In acht Fällen lag zum Zeitpunkt des SE bereits eine bekannte Epilepsie vor, bei elf Patienten handelte es sich um ein erstmaliges Ereignis. Ursachen des SE waren einerseits seit längerem bestehende intrakranielle Raumforderungen, andererseits akute Ereignisse wie Elektrolytentgleisung oder akute Blutungen bzw. Ischämien. In fünf Fällen blieb die Ursache des SE unklar. 42 Alle Episoden erwiesen sich als benzodiazepinrefraktär. Siebenmal war auch die Gabe von mindestens einem weiteren anderen Antikonvulsivum als Levetiracetam nicht erfolgreich. In 17 von 19 Fällen konnte der Status epilepticus durch die Gabe von intravenösem Levetiracetam erfolgreich durchbrochen werden, in zwei Fällen musste die Therapie um weitere Medikamente ergänzt werden. Schwerwiegende Nebenwirkungen, die auf das Medikament oder seine Applikationsform zurückzuführen gewesen wären, waren in keinem der Fälle zu verzeichnen. Aufgetretene Nebenwirkungen waren vorwiegend psychovegetativer Natur, zwei Patienten verstarben aufgrund ihrer Grunderkrankung. Zum Zeitpunkt dieser Studie lag keine Veröffentlichung über eine größere Fallserie zu diesem Thema vor. Die später veröffentlichten Studien mit vergleichbarem Studiendesign zeigten ähnliche Ergebnisse sowohl Patientenkollektiv, Ätiologie und Semiologie als auch Wirkung und Mortalitätsrate betreffend. Besonders erwähnenswert ist, dass in allen Studien sowohl fokale und generalisierte konvulsive als auch non-konvulsive SE erfolgreich mit intravenösem Levetiracetam behandelt wurden, was die Besonderheit dieses Medikaments als „Breitband“- Antikonvulsivum hervorhebt. Die vorliegende Studie untermauert die Vermutung, dass Levetiracetam ein gut verträgliches und wirkungsvolles Medikament im benzodiazepinrefraktären Status epilepticus sein könnte. Die Aussagekraft dieser Studie ist jedoch vor allem durch das retrospektive Studiendesign sowie das kleine Patientenkollektiv begrenzt und es müssen prospektive randomisierte Studien folgen, die Wirksamkeit und Langzeitverträglichkeit weiter untersuchen.

Summary:
Status epilepticus (SE) is one of the most common neurological emergencies. It is associated with high morbidity and a mortality rate of 16-26%. Treatment needs to be early and efficient, but the medical treatment of SE often fails and has many side effects and contraindications. Firstline medicaments in the treatment of SE are benzodiazepines and phenytoine, but also valproate and barbiturates are used. However treatment with this medication is often ineffective. In addition there are many contraindications and possible side effcts to consider, especially in elderly with comorbidities and comedications. Examples for contraindications are arrhythmia for phenytoine, liverdamage for valproate and cardiovascular instability for barbiturates. Since the year 2000 levetiracetam is approved as an oral anticonvulsive drug. In oral application it proved to have low side effects and few interactions. Unwanted side effects are mainly dizziness, fatigue and changes in mood, especially aggressiveness. As the first of the newer anticonvulsive drugs, since 2006 it is also available for intravenous application. It has been approved for cases in which oral application is not possible . In this study there was retrospectively collected data over a period of time of 18 months. Included were all patients who received intravenous levetiracetam within an individual curative effort. While collecting data there was special attention on effectiveness of the medicament and the occurence of adverse events. In total there were included 19 cases in 17 different patients. The analysis of the data showed, that the underlying seizure was focal in all 19 episodes. Four times with secondary generalisation, three times as a non-convulsive SE. In eight cases the diagnosis of epilepsy was already known, in eleven patients it was the first incidence. Causes of the SE were on the one hand longterme diseases like intracranial tumors or former bleedings, on the other hand acute incidents like metabolic imbalance or hemorrhagic or ischemic stroke. In five cases the reason of SE remained unknown. In all episodes the SE was refractory to benzodiazepines. In seven cases also the application of another anticonvulsive drug than levetiracetam was ineffective. In total 17 of 19 cases of SE could be ceased by the application of intravenous levetiracetam. In two cases further medication had to be added. 44 Severe adverse events caused by the medicament or its form of application have not been observed. Observed side effects were mainly mood changes, two patients died due to their underlying diseases. At the time of this study there was no publication about a series of cases regarding this issue. The studies with similar design published later, showed similar results. It is also worth mentioning that in all studies focal and generalised as well as nonkonvulsive SE were effectively treated with intravenous levetiracetam. This underlines the importance of this medicament as a “broad-spectrum” anticonvulsive drug. The present study confirms the assumption that levetiracetam could be a safe and effective medicament in refractory status epilepticus. The significance of the study however is limited especially due to its retrospective design as well as the small group of patients and a large prospective randomised study is warranted to explore effectiveness and longterm tolerance.


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