Klinischer Nutzen des PFA-100 als präoperativer Screeningtest zum Erkennen von Störungen der primären Hämostase bei Patienten mit komplizierten, elektiven intrakraniellen Eingriffen aufgrund raumfordernder Prozesse

Das menschliche Gehirn ist durch den umgebenden Liquor und die Schädelkalotte geschützt. Eine schnelle intrakranielle Drucksteigerung führt aufgrund der engen Verhältnisse allerdings frühzeitig zu teils irreversiblen Parenchymschäden. Blutungen stellen neben dem Hirnödem eine Haupt¬ursache für Hirnd...

Ausführliche Beschreibung

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Bibliographische Detailangaben
1. Verfasser: Reuter, Karoline
Beteiligte: Karger,Ralf (Dr.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2011
Medizin
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Beschreibung
Zusammenfassung:Das menschliche Gehirn ist durch den umgebenden Liquor und die Schädelkalotte geschützt. Eine schnelle intrakranielle Drucksteigerung führt aufgrund der engen Verhältnisse allerdings frühzeitig zu teils irreversiblen Parenchymschäden. Blutungen stellen neben dem Hirnödem eine Haupt¬ursache für Hirndruckerhöhungen dar. Eine präoperative Detektion einer erhöhten Blutungsneigung wäre daher insbesondere vor intrakraniellen Eingriffen wünschenswert. Störungen der primären Hämostase, wie beispiels¬weise die von-Willebrand-Erkrankung mit einer Prävalenz von 1 - 2 % in der Normalbevölkerung, sind häufig unerkannte Ursachen für vermehrte Blutungsneigung. Zur Beurteilung der primären Hämostase wurde von Kundu et. al. 1995 der auf einem Versuchsaufbau von Kratzer und Born basierende PFA-100® entwickelt. Dieses einfach zu bedienende Gerät der Firma Dade Behring® simuliert die Thrombozytenadhäsion und -aggregation bei hohen Scherraten und findet mittlerweile Anwendung in vielen Gerinnungslabors. In der Klinik für Neurochirurgie der Universität Marburg wurde der PFA-100® im April 2005 als Screeningtest vor jeder großen elektiven, intrakraniellen Operationen eingeführt. In dieser Studie wurde retrospektiv untersucht, ob daraufhin eine Verbesserung des Outcomes und eine Verminderung der Blutungskomplikationen stattgefunden hat. Dazu wurden insgesamt 102 Patienten, die in den neun Monaten vor der Einführung des PFA operiert wurden, mit 93 Patienten, die innerhalb der ersten neun Monate nach der Einführung ein PFA-Screening erhalten haben und operiert wurden, verglichen. Dabei fanden sich keine wesentlichen Abweichungen in der Gruppenzusammensetzung. Hinsichtlich der demografischen Werte Alter, Größe, Gewicht, BMI und Geschlecht konnte kein signifikanter Unterschied festgestellt werden. Auch bezüglich des durchschnittlichen präoperativen Gesundheits- und Bewusstseinszustandes der Patienten (beurteilt anhand des ASA- Wertes und des präoperativen GCS) unterschieden sich die Gruppen nicht signifikant. In beiden Gruppen waren die verschiedenen Tumorentitäten (nach WHO) weitgehend ähnlich häufig vertreten. Eine Thrombozytopenie als Ursache für eine gestörte Hämostase konnte bei einem Patienten identifiziert werden, die durchschnittliche Thrombozytenzahl war in beiden Gruppen vergleichbar. Auch die übrigen erfassten Parameter zur groben Beurteilung der Gerinnung (INR, aPTT, Fibrinogen) und von Organfunktionen (Kreatinin) und der Hb-Wert wiesen keine signifikanten Unterschiede auf. Schließlich gab es auch keine wesentlichen Differenzen bei der Verteilung des Erfahrungsgrades des Operateurs. Die Ausgangssituation in den Gruppen war somit vergleichbar. Als Resultat konnten keine Hinweise für eine vermehrte intraoperative Blutungsneigung in einer Gruppe festgestellt werden. Die dazu erhobenen Parameter postoperativer Hb-Wert, OP- und Anästhesiedauer und Transfusionsrate von EKs, FFPs, Thrombozytenkonzentraten, und die Anwendung von Gerinnungsfaktorkonzentraten wie Fibrinogen und PPSB unterschieden sich nicht signifikant. Die Operateure waren angehalten, eine subjektiv empfundene vermehrte Blutungsneigung des Patienten im OP-Bericht zu erwähnen, wobei auch hier bei geringer Anzahl der Vermerke (insgesamt 10) kein signifikanter Unterschied in den Gruppen festgestellt werden konnte. Der einzige signifikante Unterschied (p = 0.045) findet sich in der Applikation von DDAVP (Minirin®, Desmopressin), das in der PFA-Gruppe deutlich häufiger verabreicht wurde. Die potenziellen Nebenwirkungen des Medikamentes sollten bei fraglicher Verbesserung des Outcomes berücksichtigt werden. Das wichtigste untersuchte Kriterium dieser Studie ist die relevante (lebensbedrohliche, ggf. revisionsbedürftige) postoperative Einblutung. Es kam nur bei 4 Patienten zu solchen relevanten Einblutungen, je zwei in jeder Gruppe und somit nicht signifikant. Bei drei dieser Patienten wurde eine Revisionsoperation zur Hämatomentlastung durchgeführt. Das postoperative Outcome der Patienten wurde anhand des postoperativen GCS, der GCS-Reduktion präoperativ-postoperativ, dem GOS und der Aufenthalts¬dauer der Patienten auf der Intensivstation beurteilt, wobei beiden Gruppen durchgängig vergleichbar sind. Es ergibt sich somit keine Bestätigung des PFA-100®-Screenings als suffizientes Verfahren zur Reduktion von Blutungskomplikationen bei elektiven intrakraniellen Eingriffen. Allerdings kann aufgrund der geringen Fallzahl ein Fehler 2. Art nicht ausgeschlossen werden. Eine randomisierte, prospektive Studie wäre für die Entscheidung über ein dauerhaftes Fortsetzen oder Einstellen des PFA-Screenings sinnvoll.
DOI:https://doi.org/10.17192/z2011.0278