Häufigkeiten von Risikofaktoren für kindliche Hörstörungen: Neugeborenen-Hörscreening mittels AABR

In den Jahren 2005 und 2006 untersuchten wir im Rahmen des Neugeborenen-Hörscreenings 162 Risiko- und Hochrisikokinder, welche intensivmedizinisch oder auf der allgemeinen Säuglingsstation der Universitätskinderklinik Marburg/Lahn post partum therapiert wurden, mittels Screening AABR auf das Vor-lie...

Ausführliche Beschreibung

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Bibliographische Detailangaben
1. Verfasser: Weitzel, Dunja
Beteiligte: Berger, Roswitha (Prof. Dr.) (BetreuerIn (Doktorarbeit))
Format: Dissertation
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Philipps-Universität Marburg 2010
Hals- Nasen- und Ohrenheilkunde
Schlagworte:
Online Zugang:PDF-Volltext
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Beschreibung
Zusammenfassung:In den Jahren 2005 und 2006 untersuchten wir im Rahmen des Neugeborenen-Hörscreenings 162 Risiko- und Hochrisikokinder, welche intensivmedizinisch oder auf der allgemeinen Säuglingsstation der Universitätskinderklinik Marburg/Lahn post partum therapiert wurden, mittels Screening AABR auf das Vor-liegen einer kongenitalen Schwerhörigkeit. Ziel der Studie war die Ermittlung der Häufigkeiten von Risikofaktoren für kindliche Hörstörungen. Neben den vom Joint Committee on Infant Hearing gelisteten Risikofaktoren wurden außerdem Blutungen, medikamentöse Therapien, Genussgifte/Drogen und Unfälle in der Schwangerschaft sowie Geburtsmodi, Frühgeburtlichkeiten, kindliche Hirnblu-tungen, Atemnotsyndrome und neurologische Auffälligkeiten erfasst. Unser Neugeborenenkollektiv setzte sich aus 110 Frühgeborenen (67,9 %) und 52 Reifgeborenen (32,1 %) zusammen. Die Mehrheit der Kinder (n= 113; 70 %) kam per sectionem zur Welt. Nur 44 Kinder (27,2 %) wurden spontan geboren. 5 Kin-der (3,1 %) mussten vaginal-operativ durch Vakuum-Extraktion entbunden wer-den; Forzeps-Anwendungen wurden generell vermieden. Der große Anteil an Schnittentbindungen war auf eine hohe Komplikationenrate in den Schwangerschaften zurückzuführen: 75 Frauen (46,3 %) litten unter einem infektiösem Geschehen und wurden antibiotisch therapiert. Positiv war jedoch zu vermerken, dass lediglich 2 Schwangere (1,2 %) ototoxische Vancomycin-Präparate verordnet bekamen; auf die Gabe von Aminoglycosiden wurde aufgrund neurotoxischer Nebenwirkungen komplett verzichtet. Bei 2 Frauen (1,2 %) war von einer Toxoplasmose-Infektion, bei 4 Frauen (2,5 %) von CMV-Erstinfektion in gravidate auszugehen. Konnatale Röteln- und Syphilisinfektionen wurden durch organisierte Impfprogramme bzw. kontinuierliche Schwangerenvorsorge in den Hintergrund verdrängt. Ein großer Teil der Mütter (n=51; 31,5 %) erhielt in der Schwangerschaft eine stationäre Tokolyse-Therapie. Einzelne Frauen benötig-ten Antihypertonika (9,2 %), Schilddrüsenhormone (3,7 %) oder Insulin-Gaben (1,8 %). 21 Mütter (13 %) rauchten während der Schwangerschaft, 7 (4,3 %) gaben einen Drogenmissbrauch an, 2 (1,2 %) fielen durch einen Alkoholabusus auf. Häufig handelte es um einen Mischkonsum von Genussgiften und Drogen. Eine Mutter (0,6 %) berichtete über einen Verkehrsunfall in der Schwangerschaft, der zum Einsetzen einer vorzeitigen Wehentätigkeit und zur Frühgeburt des Kin-des führte. Nach der Geburt erzielten 10 Neugeborene (6,2 %) einen 1-Minuten-Apgar < 4 Punkte, dies entspricht definitionsgemäß einer Asphyxia pallida. Weitere 55 Neu-geborene (34 %) erlitten eine Asphyxia livida. Ein Großteil der Kinder (n= 98; 60,5 %) erwies sich als untergewichtig, in der Hauptursache bedingt durch eine hohe Frühgeburtenrate, ferner durch Wachstumretardierungen. Peripartal zeigten 26 Neugeborene (16 %) Atemnotsyndrome; 26 Kinder (16 %) wurden beatmungspflichtig. Bei 4 Frühgeborenen (2,5 %) wurden intrazerebrale Blutungen entdeckt. Aufgrund einer Hyperbilirubinämie bekamen 65 Neugebore-ne (40,1 %) eine Phototherapie; eine Blutaustauschtransfusion war jedoch bei kei-nem Kind indiziert. In der peri- und postnatalen Phase erkrankten 87 Kinder (53,7 %) an behandlungsbedürftigen Infektionen; 67 Kindern (41,3 %) erhielten intra-venöse Antibiotikagaben. Vorwiegend kamen ototoxische Aminoglykoside zum Einsatz (n= 53; 32,7 %). In 6 Fällen (3,7 %) applizierte man lokal Gentamicin-haltige Augentropfen. In 11 Fällen (6,8 %) wurden neurologische Auffälligkeiten beobachtet. 6 Kindern (3,7 %) konnte die Diagnose eines Syndroms gestellt werden, 3 von ihnen zeigten zusätzliche Spaltbildungen. 3 Elternpaare (1,8 %) berichteten von Hörstörungen in der Familie. Im Hörscreening konnten 16 Kinder (9,9 %) mit ein- oder beidseitig auffälligen Befunden ermittelt werden. Allerdings wurden nur 9 dieser Kinder (5,5 %) von ihren Eltern zur weiteren Abklärung des Hörvermögens der Pädaudiologie vorge-stellt. In 7 Fällen (4,3 %) kam es zum Auschluß einer peripheren Hörstörung, in 2 Fällen (1,2 %) konnten sensorineurale Hördefizite diagnostisch gesichert werden. Zu den Risikofaktoren dieser beiden Kinder zählten Fehlbildungssyndrome, eine positive Familienanamnese für Hörstörungen, neurologische Auffälligkeiten so-wie peri- und postnatale Infektionen und längerfristige Aminoglycosid-Therapien. Diese Studie verdeutlicht das breite Kontingent an Risikofaktoren für Hörstörun-gen bei Neugeborenen, die nach Geburt in die Kinderklinik aufgenommen werden müssen. Überraschend viele Risikofaktoren konnten in der pränatalen Phase re-gistriert werden, wobei von den Müttern am häufigsten von Blutungen und/oder medikamentösen Therapien in den Schwangerschaften berichtet wurde. Aus dem Gesamtresultat wurde ermittelt, dass pro Kind meist parallel ≥ zwei Risikofakto-ren bestehen, sich aber im Vergleich dazu verhältnismäßig selten sensorineurale Hörstörungen manifestieren. Eine Vorstudie aus dem Jahr 2005 legte den Trend dar, dass bei deutlich unterge-wichtigen Neugeborenen häufiger Hörstörungen auftraten. Dies konnten die Un-tersuchungen in diesem Neugeborenenkollektiv generell nicht bestätigen. Zwar lag ein schwerhöriger Junge infolge einer Wachstumsretardierung mit seinem Ge-burtsgewicht unterhalb der dritten Perzentile, aber es bestanden noch andere Risi-kofaktoren wie Fehlbildungen und systemische Aminoglycosidgaben, so dass das niedrige Geburtsgewicht nicht als alleiniger Risikofaktor für die Hörstörung ver-antwortlich gemacht werden kann. Folgestudien sollten überprüfen, ob sich die Häufigkeitsverteilung der genannten Risikofaktoren an einem Kollektiv schwerhöriger Kinder bestätigen lässt.