Publikationsserver der Universitätsbibliothek Marburg

Titel:Fleckfieberforschung im Deutschen Reich 1914 - 1945. Untersuchungen zur Beziehung zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik unter besonderer Berücksichtigung der IG Farben
Autor:Werther, Thomas
Weitere Beteiligte: Fülberth, Georg (Prof. Dr.)
Veröffentlicht:2005
URI:https://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2008/0157
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2008-01577
DOI: https://doi.org/10.17192/z2008.0157
DDC: Politik
Titel (trans.):Typhus research in Germany 1914 - 1945. Studies to relationship between science, industry and politics under consideration of IG Farben
Publikationsdatum:2008-06-24
Lizenz:https://rightsstatements.org/vocab/InC-NC/1.0/

Dokument

Schlagwörter:
Typhus-vaccines, IG-Farbenindustrie-Aktiengesellschaft, Fleckfieberimpfstoffe, Menschenversuch, NS-Gesundheitspolitik, Typhus-therapy, Fleckfiebertherapie, NS-health-politics, Epidemie

Zusammenfassung:
Im Deutschland der 30er Jahre gab es keine Fleckfieberforschung. Das Wissen um die Krankheit war sehr beschränkt, Natur und Wirkungsmechanismen der Erreger im Menschen waren nicht bekannt. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen begannen die Wissenschaftler an den Elite-Instituten in Berlin unnd Frankfurt, dorthin abkommandierte Wehrmachtsärzte und die Wissenschaftler der IG Farben-Behringwerke in Marburg mit Unntersuchungen zur Herstellung von neuen Fleckfieberimpfstoffen für geplante Massenproduktionen. Einigkeit bestand darin, Impfstoffe aus abgetöteten Erregerkulturen herzustellen. Die Wissenschaftler übernahmen dabei bereits entwickelte Verfahren internatinaler Forschunngen und versuchten sich an Variationen derselben. Lediglich die Wehrmacht setzte zunächst auf die Produktion des bewährten polnischen Impfstoffes, der allerdinngs durch seine aufwendige Herstellungsmethode bei weitem nicht den Bedarf der Eigenversorgung decken konnte. Letztlich blieben Entlausungsmaßnahmen bis Kriegsende die einzig wirksamen Mittel zur Bekämpfung des Fleckfiebers. In die eroberten Gebiete gesandte Wissenschaftler versuchten sich an wirkungslosen Therapien mit Präparaten der IG Farben; auch sie beteiligten sich an der Suche nach neuen Impfstoffen. Aufgrund der Kriegs- und Vernichtungspolitik (Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeitslager, Konzentrationslager) wurde eine Situation geschaffen, die das Fleckfieber zu einer ernsten Gefahr für die angestrebten Kriegsziele werden ließ. In Konzentrationslagern wurden Fleckfieberkranke - und was dafür gehalten wurde - ermordet, um die Ausbreitung von Epidemien zu verhindern, an der Front mehrten sich die Fleckfieberfälle. Diese Umstände wiederum führten zu weiteren Anstrengungen der Wissenschaftler, Impfstoffe und Therapien zu entwickeln. Die Wirksamkeit der Mittel wurde in Konzentrationslagern, in Kriegsgefangenenlagern, polnischen Krankenhäusern und anderen Orten, wo es leichten Zugriff auf unfreiwillige Versuchspersonen gab, auf Basis von vergleichenden Verfahren erprobt. Aufgrund ihrer Ehrfahrungen mit Menschenversuchen (Kinderheime, Strafanstalten usw.) und ihrer persönlichen und politischen Kontakte zu Wehrmacht, SS und staatlichen Innstitutionen konnte die IG Farben ihre spezifischen Interessen besonders gut durchsetzen. Meist erfolglos, führten die Versuche zu einer großen, nicht genau zu ermittelnden Zahl von Toten, einer noch größeren Anzahl von schweren und leichten Fleckfiebererkrankungen und immer neuen Versuchen, mit abgewandelten oder neuen Methoden das "Fleckfieberproblem" in den Griff zu bekommen, was wiederum zu neuen Opfern führte. Da die Impfstoffe insgesamt nicht die erhoffte Wirkung erzielten, wurde mit Unterstützung des Reichsforschungsrates, der Luftwaffe und des "Ahnenerbe" sogar Verfahren zur Impfstoffgewinnung aus lebenden Kulturen gefördert, die zuvor einhellig abgelehnt worden waren; auch daran starben unzählige Probanden. Die juristische Verfolgung dieser Medizinverbrechen nach Kriegsende durch die Alliierten erscheint angesichts der Vielzahl der Versuche, die allesamt darauf beruhten, die Opfer nicht um Einwilligung zu bitten und die von vorneherein Tote mit einkalkulierten, sowie der großen Zahl Beteiligter, wenig konsequent. Das Nichtverfolgungsinteresse der deutschen Justiz ab 1949 läßt allerdings keine Fragen offen, selten trat dies so deutlich zu Tage wie im eingestellten Limburger Buchenwald-Verfahren 1960/61.


* Das Dokument ist im Internet frei zugänglich - Hinweise zu den Nutzungsrechten