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Titel:Psychomotorische Gewaltprävention - ein mehrperspektivischer Ansatz
Autor:Jessel, Holger
Weitere Beteiligte: Seewald, Jürgen (Prof. Dr.)
Erscheinungsjahr:2008
URI:http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2008/0125
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2008-01252
DOI: https://doi.org/10.17192/z2008.0125
DDC: Soziale Probleme, Sozialdienste, Versicherungen
Titel(trans.):Psychomotor violence prevention - a multi-perspective approach

Dokument

Schlagwörter:
Entwicklung, motivationale Schemata, Gewaltprävention, Körper, Psychomotricity, Violence prevention, Sinn, Bedürfnis, Motologie, Identität, Multi-perspective, Leibphänomenologie, Psychomotorik, Motology, (Radikaler) Konstruktivismus, (Lived) body, Gewalt, Mehrperspektivität, Leib

Zusammenfassung:
In der Auseinandersetzung mit bisherigen Bewältigungsmöglichkeiten im Kontext der Gewaltforschung ist die Forderung nach Mehrperspektivität beinahe ubiquitär (vgl. u.a. CIERPKA 2005a; HEITMEYER/SOEFFNER 2004). Festzustellen ist bislang jedoch eine weitgehende Vernachlässigung der psychomotorischen Perspektive – nicht nur im Rahmen konkreter Präventionskonzepte, sondern auch im Hinblick auf theoretische und metatheoretische Begründungszusammenhänge. Zur Schließung dieser Lücke möchte die vorliegende Arbeit einen Beitrag leisten. Der mehrperspektivische Ansatz der psychomotorischen Gewaltprävention orientiert sich im Hinblick auf seine erkenntnistheoretischen Grundlagen am systemisch-konstruktivistischen Paradigma. Der Radikale Konstruktivismus (vgl. u.a. SCHMIDT 1987) dient als Metatheorie, die maßgebliche Argumente für Pluralität und Perspektivenvielfalt liefert. Mehrperspektivität bezieht sich dabei auf die theoretische Konstruktion der Arbeit, auf die Konzeption einer dialogischen interdisziplinären Kooperation sowie auf die Beziehungsgestaltung mit und zwischen einzelnen Klienten. In metatheoretischer Hinsicht werden nicht nur verschiedene systemisch-konstruktivistische Zugänge, sondern gleichberechtigt auch wesentliche (leib)phänomenologische Theorieentwürfe berücksichtigt. Dies führt zu einer deutlichen Erweiterung des theoretischen und praxeologischen Möglichkeitsraumes. Ergänzt wird der Radikale Konstruktivismus durch den interaktionistischen Konstruktivismus (vgl. REICH), die Personzentrierte Systemtheorie von Jürgen KRIZ sowie die Theorie der fraktalen Affektlogik von Luc CIOMPI. Aus diesen vier Perspektiven ergeben sich bedeutsame Konsequenzen für die psychomotorische Gewaltprävention, die sowohl die Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen und pädagogischen Grundhaltungen als auch die Formulierung konkreter körper- und leibbezogener Präventionsmaßnahmen betreffen. Der Fokus des mehrperspektivischen Ansatzes der psychomotorischen Gewaltprävention richtet sich jedoch erst in zweiter Linie auf die Gewaltproblematik. Gewaltdynamiken sind – so eine zentrale These dieser Arbeit – nur vor dem Hintergrund von Identitätsentwicklungsprozessen von Jugendlichen in ihren sozialen und lebensweltlichen Kontexten zu verstehen. In Anlehnung an KEUPP und Mitarbeiter (vgl. 2002) wird Identitätsentwicklung als subjektiver Konstruktionsprozess aufgefasst, im Verlaufe dessen Jugendliche eine Passung von innerer und äußerer Welt suchen. Dieser aktive Konstruktionsprozess ist zwar mit zahlreichen Risiken verbunden (u.a. Gewaltverhalten), er eröffnet jedoch auch die prinzipielle Chance einer selbstbestimmten und aktiven Lebensgestaltung. Zur Bewältigung der verschiedenen Identitätsherausforderungen sind Jugendliche einerseits auf psychische, soziale und materielle Ressourcen angewiesen, andererseits steht ihnen jedoch eine Ressource permanent zur Verfügung: Ihr Körper bzw. Leib. Mit Bezug auf das Modell der reflexiven Leiblichkeit (vgl. GUGUTZER 2002), das das leibliche Zur-Welt-Sein des Menschen als primordiale Wirklichkeit auffasst, werden die leiblichen Beziehungen des Menschen zu sich selbst und zu anderen der Entwicklung einer Identitätstheorie zugrundelegt. Dieses Modell basiert auf insgesamt vier theoretischen Entwürfen: 1. Philosophische Anthropologie (vgl. PLESSNER), 2. Leibphänomenologie MERLEAU-PONTY, 3. Leibphänomenologie SCHMITZ, 4. Habitustheorie (vgl. BOURDIEU). Gewalttätiges Verhalten wird vor diesem Hintergrund als Ausdruck misslingender (d.h. für mindestens eine Person problematischer) aktueller oder längerfristiger Identitätsentwicklungsprozesse aufgefasst. Da diese Prozesse untrennbar mit der Körperlichkeit und Leiblichkeit der Akteure verbunden sind, kann eine psychomotorische Perspektive wertvolle und differenzierte Hinweise sowohl für das Verständnis von Gewaltdynamiken als auch für die Gewaltprävention liefern. Kapitel 3 wirft einen differenzierten Blick auf das Phänomen Gewalt im Jugendalter (terminologische Klärung, Erscheinungsformen, Bedeutungsebenen, Erklärungs-modelle). Diese Differenzierungen sind eine elementare Voraussetzung für die Hypothesenbildung sowie für eine gezielte Vorgehensweise im Rahmen der psychomotorischen Gewaltprävention. Entscheidend ist dabei die Annahme, dass gewalttätiges Verhalten - wie jedes andere Verhalten auch - der subjektiven Sinnverwirklichung und der Befriedigung wichtiger Grundbedürfnisse dient. Erst eine solche Sichtweise erlaubt einen tieferen Blick auf die emotionalen und motivationalen Schemata, die diesen Verhaltensweisen zugrunde liegen. Mit dieser Auffassung wird zugleich eine zentrale Grundlage für die Nachhaltigkeit gewaltpräventiver Maßnahmen geschaffen. Auf der Basis der in Teil 1 entwickelten theoretischen Grundlagen erfolgt in Teil 2 eine Analyse ausgewählter gewaltpräventiver und motologischer Ansätze. Während die Diskussion der einzelnen Gewaltpräventionsansätze nach dem erkenntnis- und identitätstheoretischen Bezug (und damit nach der Bedeutung von Körper, Leib und Bewegung) sowie nach der Relevanz für die Motologie fragt, steht bei der Analyse der motologischen Ansätze (Kompetenztheoretischer Ansatz, Verstehender Ansatz, systemisch-konstruktivistische Positionen) neben den ersten beiden Fragen insbesondere die Untersuchung ihres Stellenwertes für die Gewaltprävention im Vordergrund. Der dritte Teil der Arbeit setzt sich schließlich mit der Integration und Differenzierung der theoretischen Zusammenhänge sowie mit der Konkretisierung des mehrperspektivischen Ansatzes der psychomotorischen Gewaltprävention auseinander.

Summary:
The analysis of current approaches to violence prevention shows a ubiquitous demand: successful violence prevention needs multi-perspective and multidimensional answers. However, to this date an extensive disregard of psychomotor perspectives can be stated – concerning not only concrete violence prevention arrangements but also theoretical and meta-theoretical aspects. This dissertation makes a contribution to fill this theoretical and practical gap. Epistemologically the multi-perspective approach to psychomotor violence prevention is based on the systemic-constructivist paradigm. Radical constructivism is used as a meta-theory, in order to make a case for pluralism, multi-perspectivity and multidimensionality. Multi-perspectivity applies not only to the theoretical construction of this dissertation but also to the concept of dialogical interdisciplinary cooperation and to the shaping of interpersonal relationships between the clients and the psychomotor expert. The meta-theoretical framework of this paper considers both systemic-constructivist and (body) phenomenological theories. This provides a substantial expansion of theoretical as well as practical opportunities. In addition to radical constructivism three other epistemic approaches are discussed: interactionist constructivism, person-centred systems theory and theory of fractal affect-logic. These meta-theoretical approaches lead to significant consequences for the multi-perspective approach of psychomotor violence prevention, concerning not only ethical issues and educational attitudes but also the conceptual design of body-oriented violence prevention arrangements. However, the focus of psychomotor violence prevention is not primarily on the problem of violence. In fact, one of the basic assumptions of this dissertation is that the dynamics of violence can only be understood against the background of the process of identity development in social contexts! Identity development is conceived as a process of construction in which an individual tries to attain a fit between the inner and the outer world. This active process of construction is connected to various risks (including violence and aggression), yet it implies the fundamental option to a self-determined and active shaping of ones life. For coping with the different challenges of identity development individuals depend on various emotional, cognitive, social and material resources (which they often do not have). However, they have one resource at their permanent disposal: their (lived) body. Based on the concept of “reflexive Leiblichkeit” (c. Gugutzer) which conceives the relation between the (lived) body and the environment as a primordial reality, the identity theory in this paper rests upon four theoretical approaches which converge in their basic assumptions, yet offer different aspects respectively: 1. philosophical anthropology (Plessner), 2. phenomenology (Merleau-Ponty), 3. phenomenology (Schmitz), 4. habitus theory (Bourdieu). In this context violent behaviour is understood as an expression of failing processes of identity development (present or long-term). As these processes are closely connected to the physicalness and “Leiblichkeit” of individuals, a psychomotor perspective offers valuable and differentiated starting-points both for understanding violence and for preventing it. Chapter 3 analyses the phenomenon of violence (terminology, forms, semantic levels, etiology). These distinctions are basic prerequisites for constructing hypotheses and for a differentiated methodology of psychomotor violence prevention. In this context one assumption is highly significant: Violent behaviour – as any other behaviour - makes for the subjective realisation of meaning and for the satisfaction of basic needs. Only this approach allows a deeper understanding of the emotional and motivational schemes that underlie violent behaviour. It is also an important foundation of sustainability within the domain of violence prevention. Based on the theoretical fundamentals discussed in part one, part two of this dissertation analyses selected approaches to violence prevention as well as to motology. The discussion of approaches to violence prevention focuses on epistemological and identity development questions (and with that on the relevance of body, lived body and movement) as well as on the impact on motology. The analysis of motological approaches (Kompetenztheoretischer Ansatz, Verstehender Ansatz, systemisch-konstruktivistische Positionen) focuses (next to the first two questions) on their significance for the domain of violence prevention. Part three of this paper deals with the integration and differentiation of the theoretical implications as well as with the concretion of the multi-perspective approach of psychomotor violence prevention.


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