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Titel:Die Interaktion von Posttraumatischer Belastungsstörung und Organischem Psychosyndrom im Langzeitverlauf nach spontaner Subarachnoidalblutung
Autor:Jodari Karimi, Mahnaz
Weitere Beteiligte: Czernik, Adelheid (Prof. Dr.)
Veröffentlicht:2007
URI:http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2007/0088
DOI: https://doi.org/10.17192/z2007.0088
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2007-00880
Publikationsdatum:2007-03-01
DDC: Medizin, Gesundheit
Titel(trans.):The Interaction of Posttraumatic Stress Disorder and Cerebro-Organic Psychic Syndrome in the Longterm Course after Spontaneous Subarachnoid Hemorrhage

Dokument

Schlagwörter:
Psychoorganisches Syndrom, Psychisches Trauma, Cerebro-organic syndrome, Subarachnoid hemorrhage, Subarachnoidalblutung, Posttraumatic stress disorder

Zusammenfassung:
Spontane Subarachnoidalblutungen (SAB) treten ohne spezifische Warnsymptome auf und führen zu einem lebensbedrohlichen Zustand. Es ist deshalb zu erwarten, dass bei den Überlebenden einer SAB neben neurologischen und neuropsychologischen Beeinträchtigungen mit einer psychischen Traumatisierung und mit hohen Prävalenzraten von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTB) zu rechnen ist. In der vorliegenden Untersuchung wurde eine PTB-Diagnostik zusätzlich zu den kognitiven und affektiven Verlaufsmerkmalen durchschnittlich knapp vier Jahre nach dem Trauma durchgeführt. Die Stichprobe ist hinsichtlich Alter bei der SAB, Geschlecht und Lokalisation des rupturierten Aneurysmas repräsentativ. Es wurde eine umfangreiche psychiatrisch-psychologische Untersuchung mit folgenden Methoden durchgeführt: Semistrukturiertes klinisches Interview; Schätzung der prämorbiden Intelligenz; neuropsychologische Diagnostik (Mnestik, Aufmerksamkeit, Intelligenz); Selbstbeurteilung mittels Fragebogen von Depressivität, körperlichen Befindlichkeitsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Lebensqualität; Fremdbeurteilung des psychosozialen Funktionsniveaus vor der SAB und zum Untersuchungszeitpunkt. Ergebnisse: Rund vier Jahre nach der SAB haben 41,4 % der Patienten keine neuropsychologischen Defizite mehr, 27,6 % leiden noch unter leichten bis mittleren, 31,0 % unter schwerwiegenden kognitiven Beeinträchtigungen. Die subjektive Befindlichkeit der SAB-Patienten (Depressivität, Somatisierung, Lebensqualität) hat sich im gleichen Zeitraum im Vergleich mit einer 7-Monats-Katmnese nicht verbessert, was auf die Entwicklung einer chronischen PTB zurückgeführt werden kann. Bei 41,4 % der Betroffenen besteht zum Untersuchungszeitpunkt eine ausgeprägte depressive Symptomatik und 53,6 % äußern Ängste vor einer erneuten Blutung. Das Vollbild einer PTB entwickeln 37,9 %, eine subsyndromale Symptomatik weitere 31,0 % der Patienten. Bei einer SAB treffen ein hirnorganisches und ein psychisches Trauma zusammen. Die Prävalenz einer PTB ist bei kognitiv schwerer beeinträchtigten Patienten erhöht, zudem überschneiden sich viele DSM-IV-Kriterien des hirnorganischen Psychosyndroms und der PTB. Amnesie, Apathie, Affektlabilität, Schlafstörungen, Impulsivität, Konzentrationsstörungen und soziale und berufliche Funktionsbeeinträchtigungen sind Merkmale von beiden Störungen. Um falsch-positive PTB-Diagnosen zu reduzieren wurden nach statistischen Analysen die als hirnorganisch identifizierten Merkmale Amnesie und Konzentrationsstörungen für die PTB-Diagnose ausgeschlossen. Damit reduzierte sich der Anteil der Patienten mit einem PTB-Vollbild von 37,9 % auf noch 27,6 % und die subsyndromale Symptomatik von 31,0 % auf ebenfalls 27,6 %. Mit einer SAB vergleichbare Prävalenzraten für eine PTB finden sich nach einer 8-Jahres-Katamnese bei Überlebenden eines akuten Lungenversagens (Kampfhammer et al, 2001). Weitere Forschungsbemühungen sind notwendig, um zwischen organischem Psychosyndrom und PTB besser differenzieren zu können, nicht nur bei SAB, sondern auch bei Schädel-Hirn-Trauma nach Unfällen und nach Schlaganfällen. Eine frühzeitige Identifikation posttraumatischer Störungen könnte Chronifizierungsprozesse und die Entwicklung einer (irreversiblen) Persönlichkeitsänderung durch Extrembelastung reduzieren. Bei der SAB wird aus einem neurochirurgischen Notfall in vielen Fällen mittelfristig eine psychotherapeutisch zu behandelnde Störung.

Summary:
Spontaneous subarachnoid hemorrhages (SAH) occur without any specific warning symptoms. Because of the sudden danger to life the survivors of a SAH suffer from neurological and neuropsychological impairments as well as from posttraumatic stress disorders (PTSD). In this study the incidence of cognitive and affective disorders and of PTSD is explored on an average of four years after a SAH in a sample of 29 patients without neurological deficits. Psychiatric and psychological examinations recorded the premorbid intelligence, the current level of intelligence, mnestic function, and attention. Symptoms of depression, PTSD, somatic complaints, quality of life and level of psychosocial function were determined by questionnaires. Results: Four years after the SAH 41,1 % of the patients have no neuropsychological deficits, 27,6 % suffer from mild, and 31,0 % from severe cognitive impairments. Symptoms of depression (41,4 %) and anxiety of new hemorrhage (53,6 %) are frequent. Compared to a sample of patients examined 7 months after SAH (Mangold & Wallenfang, 2000), the neuropsychological functions improved, but depression, somatisation, and quality of life did not. One prominent factor is probably the persistence of a PTSD. Based on questionnaire data (Posttraumatic Diagnostic Scale ; Foa et al, 1996) 37,9 % of the patients developed a PTSD according to the DSM-IV-criteria. The patients suffer from an organic brain lesion and a psychic trauma. The DSM-IV-criteria for PTSD and for cerebro-organic lesions are corresponding in 7 of 17 symptoms (amnesia, apathy, affective instability, sleep disturbances, impulsivness, attention deficits and social and occupational impairment). So there is a high risk of false-positive PTSD-diagnosis in patients with brain lesions. When the organic features of the disorder (amnesia, attention deficits) are excluded, the frequency of PTSD-diagnosis is reduced to 27,6 %. Further research is necessary to differ PTSD-symptoms from symptoms of cerebro-organic lesions, also after stroke and cranio-cerebral trauma. An early identification of PTSD and affective disorders may prevent chronicity. After SAH for many patients the interventions have to change from neurosurgery to psychotherapy.


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